Rechte wie Linke erblicken überall nur Ordnungsverlust und Fragmentierung. Vermisst wird eine Kraft, die eine neue Einheit herstellt. Doch statt auf ein gesellschaftliches Pfingstwunder zu warten, sollte man den Blick auf die Gegenwart verändern.Unsere Gesellschaft zerfällt. So jedenfalls lautet ein kulturkritischer Gemeinplatz, auf den sich heute alle einigen können. Fragmentierung, Zersplitterung, Ordnungsverlust bilden einen soziologischen und politischen Großtrend, aus dem eine Polarisierung, eine immer radikalere und unversöhnlichere Entgegensetzung sozialer Gruppen folgt. Die Öffentlichkeit zerfällt in digitale Filterblasen, die einander nicht mehr ernst- oder wahrnehmen. Die politische Mitte schwindet zugunsten der Ränder, rechts wie links bedroht Extremismus die Existenz des demokratischen Systems. In der Pandemie oder in der Klimadebatte ist auch ein wachsender Zweifel am zuvor oft unterhinterfragten wissenschaftlichen Konsens festzustellen, der je nach Perspektive begrüßt oder beklagt wird. Und die bekannte Weltordnung weicht dem Chaos von Polykrisen, in denen statt des Völkerrechts das Recht des Stärkeren herrscht.Lesen Sie auchWas im Großen ein Schwinden von geteilten Grundüberzeugungen ist, ist im Kleinen eine Auflösung gewohnter und angeblich gemeinschaftsstiftender Rituale: Das reicht von der großen Samstagabendshow à la „Einer wird gewinnen“ oder „Wetten dass …?“ bis zum einheitlichen Anstoßtermin in der Bundesliga, der längst durch eine Abfolge von maximal Pay-TV-tauglichen Spielen über das ganze Wochenende ersetzt ist (und wogegen dann ihrerseits radikalisierte Ultrafans protestieren).Anstelle der großen Popstile, die die Welt einst in Punks und Mods einteilte, ist das große Stil-Durcheinander von Playlists getreten; der binäre Gegensatz von Mann und Frau wurde von einer Vielfalt geschlechtlicher Identitäten ersetzt. Auf der sozialen Ebene sind die alten Klassen- und Schichtengegensätze aufgegangen in einer „Gesellschaft der Singularitäten“, wie sie der Soziologe Andreas Reckwitz konstatiert hat. Seine Prägung war eine der großen Begriffsprägungen in jüngster Zeit. Sie leuchtete jedem ein.Wer am Überkommenen festhält, gilt als SpalterVerbunden wird diese Fragmentierung und Individualisierung allerdings meist mit Dekadenzmodellen, und zwar selbst dort, wo Freiheitsgewinne im liberalen Sinne als Fortschritt gelten. Denn das Festhalten an älteren Rollenmodellen (etwa im Familienbereich, Stichwort „Tradwife“) wird wiederum als unerwünschte, irrationale Abweichung von einem unterstellten Konsens der Vernünftigen wahrgenommen. Wer am Überkommenen festhält, gilt als Spalter, der Andersdenkende oder -liebende diskriminiert. Auch dafür wird mediale Fragmentierung verantwortlich gemacht, etwa der schwindende Einfluss der klassischen überregionalen Zeitungen oder des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die vierte Gewalt verliert, in dieser Erzählung, ihre Funktion als Kitt der Demokratie, der für eine Minimalausstattung an demokratischen Basics sorgt. Lesen Sie auchVon rechts wird ohnehin eine Verfallserzählung propagiert, die Vielfalt im eigenen Land in ethnischer, religiöser oder sprachlicher Hinsicht grundsätzlich ablehnt. Das wird mit dem Thema Einwanderung verbunden, aber auch mit diversen Kulturkampfthemen. Gegengift soll die Pflege einer einheitsstiftenden Leitkultur sein, die von Volksfesten über Klassikerlektüre in der Schule bis zum ausschließlichen Gebrauch der deutschen Sprache reicht. Hier ist dann die Bedienung, die nur Englisch spricht, schon der Ausweis eines Verlusts nationaler Identität. Die politische Mitte sieht sich bedroht, von einer Abkehr vom demokratischen Konsens und jahrzehntelang geteilten Grundwerten, die durch den Erfolg populistischer Kräfte ihre Geltung zu verlieren drohen. Hier ist es nicht nur politische Radikalisierung, sondern auch das wachsende Desinteresse an der Gesellschaft und ihren Institutionen, das fehlende Engagement bei der Verteidigung der Demokratie gegen ihre Feinde von innen und außen, der fehlende Gemeinsinn. Rhetorik der „Zeitenwende“Dazu wird dann die schwindende Bereitschaft gerechnet, ein Ehrenamt zu übernehmen, wie die Ablehnung der Wehrpflicht. Auch die Kritik am mangelnden Arbeitswillen der Deutschen (oder der jüngeren Generation) gehört in dieses Verfallsnarrativ: Statt der Orientierung an Karriere und/oder rechtzeitiger, die Rente sichernder Familiengründung soll hier ein hedonistischer Zielkonflikt am Werk sein: Eine Vielfalt von Zielen und Zwecken (Sport, Freizeit, Reisen, Achtsamkeit etc.) lenkt von der Fokussierung auf die wahren Lebensaufgaben ab. Social Media löscht in dieser Erzählung jedes Bewusstsein für das Große und Ganze.Lesen Sie auchOb diese Fragmentierungsdiskurse nun im Einzelnen berechtigt sind oder rein auf nostalgischen Fantasmen früherer Einheit und Ganzheit beruhen: Ihnen gemeinsam ist die Sehnsucht nach gesellschaftlichem Konsens, nach einer verbindenden, leitenden Vision, nach einer geteilten Sprache und gemeinsamen Werten. Zersplitterung und Auflösung, Trennung und Teilung sind keine Werte, keine zu akzeptierenden Wesenseigenschaften liberaler Gesellschaften, schon gar keine Projekte. Auch die so offensiv geforderte Diversität findet schnell ihr Ende, wo es um fundamentale Grundwerte geht. Eine kirchentreue Position in der Abtreibungsfrage etwa findet sich schnell auf der unerwünschten Seite der Meinungsvielfalt. Ähnliche Paradoxien finden sich in der Kopftuchdebatte.In einem Zeitalter, das keine großen politischen Utopien mehr kennt, ist die Erwartung eines Ereignisses getreten, das wie ein großer Magnet alle die auseinanderstrebenden Kräfte wieder auf einen Pol lenkt, als einheitsstiftendes Moment wirkt. Historisch gab es solche Momente nationaler Aufwallung schon öfter mit fatalen Folgen, etwa vor dem Ersten Weltkrieg. Robert Musil hat das im „Mann ohne Eigenschaften“ ebenso beschrieben wie Thomas Mann im „Zauberberg“. Lesen Sie auchManches an der jüngsten Rhetorik der „Zeitenwende“ verrät die Sehnsucht, aus den unernsten Kinderschuhen der Freizeitgesellschaft in den existenziellen Ernst einer neuen Vorkriegszeit gestoßen zu werden. In dieser Logik muss die Nation (und „Europa“ oder „der Westen“) endlich begreifen, was ihre kollektive Pflicht ist, und (auch mental) „kriegstüchtig“ werden. „Mach, was wirklich zählt“, lautet ein einschlägiger Werbeslogan der Bundeswehr. Umgekehrt heißt das: Worüber Ihr Euch vorher die Köpfe heißgeredet habt, das war doch alles Kinderkram und „Gedöns“ (Gerhard Schröder). Wenn diese ersehnte Einheit nicht von selbst entstehen kann, dann muss sie von außen kommen. Auch in den ersten Wochen der Corona-Pandemie gab es solche Erwartungen, die dann aber bald in ihr Gegenteil, die Spaltung, umschlugen.„Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen“Auch die Pfingsterzählung in der biblischen Apostelgeschichte handelt von einem solchen disruptiven Ereignis, das nach innen wie nach außen Gemeinschaft stiftet und alle Gräben überwindet. Nach dem Tod ihres Erlösers am Kreuz, seiner Auferstehung und Himmelfahrt versammelt sich der engste Kreis der Anhänger Jesu in Jerusalem zum jüdischen Wochenfest (Schawuot). „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“Lesen Sie auchDiese Feuerzungen symbolisieren den Heiligen Geist, eine vereinheitlichende göttliche Superkraft, die die Apostel erst dazu befähigt, ihrem Auftrag nachzugehen: die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi und seiner baldigen Wiederkehr in aller Welt zu verkünden. Denn der Heilige Geist, so geht die Geschichte weiter, verleiht ihnen unter anderem die Gabe, zu den unterschiedlichsten Volksgruppen und ethnischen Minderheiten in deren jeweiligen Sprachen zu sprechen. Oder genauer: von ihnen verstanden zu werden, obwohl die Prediger unter anderem Fischer waren, deren Muttersprache Aramäisch war. Das Pfingstwunder ist also ein Sprachwunder: „Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?“ Der Keim der entstehenden christlichen Bewegung wurde also gelegt durch eine reibungslose Kommunikation, die die vielen Gräben zwischen den Gruppen der buchstäblich multikulturellen Stadtgesellschaft Jerusalems mühelos überwindet. In der Folge werden die dann im Neuen Testament alle aufgezählt: „Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien,von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten,Juden und Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“Lesen Sie auchEin solches Gewirr an Völkern und Sprachen nennt man gern „babylonisch“ und die Pfingstgeschichte wird in der christlichen Theologie daher traditionell auch als Gegengeschichte zu der alttestamentarischen Erzählung vom Turmbau zu Babel gedeutet. Bis zu diesem megalomanen Großprojekt nämlich, so heißt es im 11. Kapitel der Genesis, sei die ganze Menschheit ein Volk gewesen und habe nur eine Sprache gesprochen. Gott, erzürnt über die Hybris der Menschen, einen Turm bis zum Himmel errichten zu wollen, sabotiert daraufhin das Projekt: „Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der HERR zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen.“ Der Turm, der doch eigentlich gedacht war, Symbol der einheitlichen, unzerstrittenen Menschengemeinschaft zu sein, wurde so zum Gegenteil, zum Sinnbild ihrer Zerstreuung. B wie BabelDas Sprachwunder von Pfingsten, das so klingt, als habe Gott vor 2000 Jahren an alle in Jerusalem gratis Apple Earpods mit Übersetzungsfunktion ausgeteilt, ist also als Aufhebung der babylonischen Sprachverwirrung gedacht. Gott macht seine Strafe rückgängig und gibt den Aposteln seinen Geist, der keine Übersetzung und keinen Dolmetscher mehr braucht. Freilich führte das langfristig keineswegs dazu, dass die ethnischen, religiösen und sonstigen Gegensätze zwischen Menschen verschwunden wären, und nicht zuletzt die Christen waren an vorderster Front beteiligt. Sprache allein hat als Völker verbindendes Medium weitgehend versagt; Spaltungen aller Art bilden die blutige Antriebskraft der Weltgeschichte (seien es Klassenkämpfe oder der Streit christlicher Konfessionen untereinander über theologische Spitzfindigkeiten). Lesen Sie auchTrennung, Spaltung, unversöhnliche Gegensätze und Ordnungsverlust sind der Default-Modus auch der jüngeren Demokratiegeschichte. Man denke nur an die 70er-Jahre in Deutschland oder Italien, oder die erbitterten Kämpfe der Thatcher-Jahre in Großbritannien. Schon 1985 hatte Jürgen Habermas eine „Neue Unübersichtlichkeit“ konstatiert. Von geteilten Grundüberzeugungen keine Spur. Auf beiden Seiten des politischen Spektrums sind da Projektionen im Spiel. Was die Pfingstgeschichte ausdrückt, ist eine fundamentale Sehnsucht nach Überwindung der Gegensätze, von weltanschaulichen, religiösen, ethnischen oder auch sozialen Klüften, wie sie für die Welt vor 2000 Jahren ebenso typisch waren wie heute, ob nun im Nahen Osten oder vor der eigenen Haustür. Ihr Kern ist die Aufhebung von Spaltungen, freilich im Dienst einer (neuen) Lehre, die keine anderen Götter neben sich duldet. Der Historiker Lukas Held hat gerade im „Merkur“ (Mai) einen spannenden Essay mit dem Titel „Historische Orientierung in Zeiten der Unordnung“ veröffentlicht, der die herrschende Großerzählung einer zunehmenden Fragmentierung infrage stellt: Zeitgeschichte sei immer ein Plot, der auf die Gegenwart hinführe, doch neben der politisch potenziell handlungslähmenden Geschichte eines Ordnungszerfalls ließen sich auch alternative Storys unserer Gegenwart erzählen – etwa die optimistische Variante einer Zunahme von Vielfalt und Freiheit. Da diese aber (siehe oben) selbst in die Krise geriet, schlägt er die Kategorie „Polyzentrierung“ vor. Der Begriff richte „den Blick nicht auf das Verschwinden von Ordnung, sondern auf die Prozesse ihrer Entstehung, Transformation und Überlagerung – ohne wertenden Rückbezug auf eine wiederzugewinnende Einheit“. Lesen Sie auchFür den Historiker heiße dies, die Gegenwart „nicht wie ein Trümmerfeld zerfallener Ordnungen“ zu durchqueren, sondern wie einen Wald, in dem man bestimmt, „was noch lebt, was schon abgestorben ist und was neu hervordrängt und kaum Luft bekommt“. Provokativ wird es da, wo Held anreißt, welche Ordnungskonzepte für ihn zum alten Eisen gehören, nämlich „das Konzept der Nation und des Nationalstaats“, „das Konzept des Gemeinsinns, aber auch ein Verständnis von Demokratie, das Demokratie immer schon mit liberaler repräsentativer Demokratie gleichsetzt, an eine idealisierte Vorstellung von Öffentlichkeit bindet“. Dass wir heute über Demokratie „fast nur noch im Modus der Verteidigung gegen Bedrohungen von rechts“ sprächen, hält er für eine Verengung angesichts globaler Herausforderungen der Klimakrise.An die Stelle heute üblicher „moralischer Appelle zu mehr Zusammenhalt“ könnte dann eine Suchbewegung nach neuen Formen des Politischen selbst treten, die nicht mehr in den alten Rahmen passen. Held zitiert Philip Manows Gedanken, dass „die Krise der liberalen Demokratie“ nicht unbedingt „eine Krise der Demokratie“ sei.Darin steckt sehr viel Sprengstoff für aktuelle Debatten. Aber solche Thesen ermöglichen erst eine Umkehr des Blicks, der nicht überall nur Zerfall und Ordnungsverlust erkennt, sondern vielleicht die tiefergehenden Symptome einer globalen Verschiebung, einer Veränderung von demokratischer Partizipation. Statt auf ein Pfingstwunder zu warten, das mithilfe von oben die Gegensätze aufhebt und eine vermeintlich verlorene Gemeinschaft wiederherstellt, könnte man anfangen, erst mal einen irdischen Plan B zu entwickeln. B wie Babel.
Krise der liberalen Demokratie: Gesucht wird ein Plan B für die Gesellschaft - WELT
Rechte wie Linke erblicken überall nur Ordnungsverlust und Fragmentierung. Vermisst wird eine Kraft, die eine neue Einheit herstellt. Doch statt auf ein gesellschaftliches Pfingstwunder zu warten, sollte man den Blick auf die Gegenwart verändern.











