Wer sich mit der politischen Gegenwart befasst, der findet sich in einer geistigen Notlage wieder. Nie dagewesene Ungleichheit und die daraus folgende Korruption aller Politik, der Kampf um ein neues geopolitisches Machtgefüge, die Ausbreitung von Digitaltechnologie in die Vollzüge des Alltags und der Arbeit hinein im Zuge der sogenannten „KI-Revolution“: Zu viel ist auf einmal in Bewegung, und die Entwicklungen der Zeit stehen auch noch in einem Geflecht von Abhängigkeiten. Es erscheint kaum möglich, sich über den Fortgang der Dinge sicher zu orientieren.
Mit dieser Orientierungskrise hat die Stunde der Philosophie geschlagen – verstanden als radikal eigenständiges Nachdenken, das auf Einzelheiten nur blickt, um Strukturen und Prinzipien des Geschehens zu erkennen. Ich kann deshalb jetzt nicht mehr nur die Kontroversen der Gegenwart fortspinnen. Wo Ratlosigkeit herrscht, da herrschen undeutliche oder mehrdeutige Begriffe, möglicherweise noch im Verbund mit falschen Vorurteilen.
Diese Schiefstände unseres Weltverstehens muss die Philosophie angehen. Leben wir unwissentlich mit diesen Kognitionsmängeln, dann sind wir Idioten im antiken Sinne: Menschen, die sich nicht an den öffentlichen Angelegenheiten ihres Staates beteiligen, weil sie diese nicht einmal erkennen.










