Wenn die Wirklichkeit von manipulierten Wahrheiten verdrängt wird und die Sachlichkeit des gesellschaftlichen Diskurses der Gereiztheit weicht, gerät eine Gesellschaft aus der Balance. Genau in dieser kritischen Phase seiner Entwicklung steht Deutschland im Sommer 2026: Das Vertrauen der Menschen in den Staat, seine Institutionen und in jene, die in Legislative und Exekutive Verantwortung für die Zukunft tragen, ist auf zeitgeschichtlich niedrigstem Niveau.Wesentliche Ursache dieser Destabilisierung, dieser „Vertrauensschmelze“, ist die massive Veränderung der Medienlandschaft. Eine Flut an Desinformation und manipulativen, agitierenden Inhalten überschwemmt unsere Gesellschaft über die sozialen Massenmedien, und zur gleichen Zeit wird das ökonomische Fundament der Verlage durch die monopolistische Machtsituation in den digitalen Märkten massiv destabilisiert.Wirklichkeitswahrnehmung im Zeitalter sozialer MassenmedienDer unabhängige, für seine Inhalte voll verantwortliche Journalismus der Verlage ist ein wesentliches Element der informierenden Infrastruktur unserer Demokratie. Als „Vierte Gewalt“ beobachtet die freie Presse politische Macht aus kritischer Distanz und versorgt die Bürgerinnen und Bürger mit immer verlässlichen Informationen. Damit ermöglichen die Verlage jenen offenen Diskurs, auf dem jede freie Gesellschaft beruht: Sie schaffen in publizistischer Verantwortung das Fundament, auf dem die Menschen in einer komplexer werdenden Welt die für sich richtigen Entscheidungen treffen können.Aber die weltweit einzigartige Vielfalt an Verlagen und publizistischen Angeboten ist in Gefahr. Die ökonomische Situation der freien Presse hat sich dramatisch verschärft, und mit der rasanten Entwicklung generativer Künstlicher Intelligenz hat eine neue Phase der digitalen Transformation begonnen. Nie zuvor konnten Inhalte so schnell, so massenhaft und dabei so vermeintlich realitätsnah produziert werden. Damit verändert sich auch die Dynamik der digitalen Desinformation signifikant: Künstliche Intelligenz ermöglicht heute die massenhafte Produktion manipulativer Inhalte und die gezielte Agitation politischer Zielgruppen über die sozialen Netzwerke.Der öffentliche Raum hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Soziale Massenmedien internationaler Technologiekonzerne sind zu zentralen Informationsquellen geworden, aber sie folgen keinen journalistischen oder publizistischen Prinzipien, sondern den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie. Ihre Algorithmen belohnen Empörung, Zuspitzung und Polarisierung – nicht Differenzierung und Sachlichkeit. Dieses ökonomische Prinzip der Plattformen schafft eine Erregungskultur in einer sich fragmentierenden Gesellschaft, einen erhitzten Meinungsraum, in dem politische Extreme systematisch verstärkt werden.In Meinungsblasen reproduzieren sich Halb- und UnwahrheitenUnd das Grundprinzip des Journalismus, die Überprüfbarkeit der publizierten Fakten, haben die Konzerne hinter den Plattformen offensiv außer Kraft gesetzt. Dadurch ist eine mediale Realität entstanden, in der Fakten, Meinungen, Gerüchte und gezielte Desinformation nebeneinanderstehen – ohne erkennbare Differenzierungsmerkmale. Innerhalb von Meinungsblasen reproduzieren sich Halb- und Unwahrheiten, und der für die Demokratie notwendige gesellschaftliche Diskurs wird durch Intoleranz und Aggression im Keim erstickt. Studien zeigen, wie stark dadurch die öffentliche Meinungsbildung beeinflusst wird:- In Deutschland befürchten laut Studien der Landesmedienanstalten 87 Prozent der Menschen eine gesellschaftliche Spaltung durch Desinformation, 83 Prozent fürchten die Radikalisierung politischer Debatten.- Eine Studie des Vodafone Institute zeigt: 42 Prozent der Deutschen sehen die Demokratie durch Fake News in sozialen Medien gefährdet.- Rund die Hälfte der Befragten einer Studie des Bundesfamilienministeriums gibt an, sich aus Angst vor Hetze und Hass im Internet seltener, weniger offen und bewusst vorsichtiger zur eigenen politischen Meinung zu äußern.Die Folgen dieser Veränderung zeigen sich in Deutschland sehr deutlich. Die politische Mitte erodiert sukzessive, und die extremistischen Kräfte an den Rändern erstarken. Die Menschen sind verunsichert, unsere Gesellschaft gerät aus der Balance, und das Vertrauen in demokratische Institutionen schwindet. 84 Prozent der Deutschen sorgen sich ernsthaft um die Zukunft des Landes, fast zwei Drittel der Menschen in diesem Land glauben, dass keine Koalition die Probleme Deutschlands lösen kann (INSA für BILD, Mai 2026). Und mehr als ein Fünftel der Bundesbürger ist „für autoritäre Ideen zumindest in Teilen empfänglich“, sagt der im Februar 2026 vorgestellte Deutschland Monitor.Der Werbemarkt wird von einem digitalen Oligopol beherrschtParallel zu dieser für Deutschland gefährlichen Entwicklung gerät das ökonomische Fundament der Verlagswelt aus der Balance. Die deutschen Verlage haben in den letzten Jahrzehnten Milliarden in die Digitalisierung ihrer Medien investiert, aber die digitalen Märkte sind schon lange nicht mehr frei. Sie liegen fest in der Hand einiger weniger international agierender Technologiekonzerne aus den USA und aus China, die den digitalen Zugang der Medien zu den Menschen ausschließlich entlang ihrer eigenen ökonomischen Interessen optimieren.Der deutsche Werbemarkt wird beherrscht von einem digitalen Oligopol. Die Analyse des Zentralverbands der Werbewirtschaft zeigt: Allein die drei US-amerikanischen Unternehmen Alphabet, Meta und Amazon haben 2025 über die Hälfte des rund 30,9 Milliarden Euro großen deutschen Werbemarktes auf sich vereint. Damit verschiebt sich die Wertschöpfung des Werbemarktes weg von den Produzenten journalistischer Inhalte zu den globalen Distributionsplattformen, und die wirtschaftliche Basis des unabhängigen Journalismus wird systematisch geschwächt.Im Vertrieb ihrer digitalen Inhalte sind die Verlage abhängig von genau dieser Handvoll global agierender Technologiemonopole. Im Gegensatz zur analogen Welt gibt es in der digitalen Welt keine diskriminierungsfreie Verbreitung unserer inhaltlichen Angebote: Im Netz erfolgt diese Verbreitung über die Infrastruktur von Google, über die Kanäle von Facebook oder über den App-Store von Apple. Im Zeitalter der Plattformökonomie sind die Verlage mit dem Kern unserer Wertschöpfung – Produktion, Vermarktung und Verkauf journalistischer Inhalte – abhängig vom Monopolverhalten der digitalen Torwächter.Der Verlust des Zugangs zu unserem Publikum durch Künstliche Intelligenz ist eine der gravierendsten Veränderungen der ökonomischen Realität der Verlage in den letzten beiden Jahren. Der massenhafte Diebstahl der Inhalte der unabhängigen Presse durch die KI-Agenten internationaler Technologiekonzerne wächst ungebremst, und diese Konzerne nutzen generative Künstliche Intelligenz, um auf der Basis der journalistischen Inhalte der Verlage unmittelbar konkurrierende Angebote zu generieren. Ohne Genehmigung, ohne angemessene Vergütung, ohne rechtliche Konsequenzen, weil es keine angemessene Regulierung gibt. Reichweitenrückgänge von 70 Prozent und mehr sind die Folge.Die Zukunft der freien Presse ist auch ein Auftrag an die PolitikPresseverlage sind in der digitalen Welt also in hohem Maße der Willkür der Plattformen ausgeliefert, und die ökonomische Basis des unabhängigen Journalismus wird systematisch ausgehöhlt. Dadurch entsteht eine massive Konzentration von ökonomischer, medialer und politischer Macht in der Hand weniger internationaler digitaler Plattformen. Vor den politischen, sozialen und ökonomischen Gefahren dieser Entwicklung wurde die Politik lange gewarnt – bisher ohne nennenswerte Reaktion aufseiten derer, die unser Land regieren.Ja: Die Zukunft der freien Presse ist unternehmerisch die Herausforderung der Verlage. Weil aber diese Zukunft eng verbunden ist mit der unserer liberalen, demokratischen Gesellschaft, ist sie auch ein Auftrag an die Politik.Die zentralen politischen, regulatorischen und damit ökonomischen Fragen zur Zukunft der in der Verfassung verankerten Institution der freien Presse sind – trotz aller verbalen Bekenntnisse der Politik – ungelöst. Verfassungsrechtlich ist der Staat verpflichtet, die im Grundgesetz verankerte Institution der freien Presse zu garantieren, zu schützen und zu bewahren. Dieser Verantwortung wird er nicht gerecht. Deshalb schlagen die 350 Verlage des Medienverbands der freien Presse jetzt ein Sofortprogramm zur Stabilisierung des unabhängigen Journalismus vor, das die dringendsten strukturellen Verwerfungen adressiert, die durch die Dominanz der Plattformmonopole entstanden sind. Es muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass unabhängiger Journalismus auch in Zukunft wirtschaftlich unabhängig bleibt, um seiner Aufgabe als „Vierte Gewalt“ in unserem demokratisch verfassten Staat gerecht werden zu können.Im wuchernden System des PlattforminternetsBelastungsstopp für die Presse: Über verbesserte Rahmenbedingungen für die Verlage zu sprechen, ist sinnlos, wenn die Politik parallel dazu konkrete Verschlechterungen eben jener Bedingungen plant. Die Bundesregierung bekennt sich im Koalitionsvertrag zu „fairen Regulierungs- und Refinanzierungsbedingungen für private Medien“ – ein Minimum wäre es, die publizistische und ökonomische Freiheit der Verlage nicht weiter einzuschränken.Diskriminierungsfreier Pressevertrieb im Internet: Im wuchernden System des Plattforminternets entscheidet nicht das Interesse von Lesern oder Nutzern über Sichtbarkeit und damit Finanzierbarkeit von Medienangeboten, sondern die Willkür digitaler Monopole. Brüssel und Berlin müssen eine publizistisch und ökonomisch faire Verbreitung aller Pressepublikationen auch in der digitalen Welt sicherstellen und die gegen geltendes Recht verstoßenden Selbstbegünstigungen der Monopole effektiv abstellen.Ein zeitgemäßes Pressekartellrecht: Die deutschen Verlage brauchen einen größeren rechtlichen Freiraum für Kooperationen auf dem Weg einer Konsolidierung des Marktes. Ohne die dabei entstehenden Synergien und Effizienzen ist es schwer, die Qualität der redaktionellen Arbeit und die Investitionen in die digitale Transformation zu realisieren.Wenn die Basis der Verlage erodiert ist die freie Presse gefährdetSchutz redaktioneller Medien vor Ausbeutung durch KI: Als hocheffiziente Kopiermaschine bedroht generative KI den Kern der Wertschöpfung der Verlage. Um die Arbeit der Redaktionen vor dem permanenten Diebstahl durch Künstliche Intelligenz zu schützen, bedarf es klarer rechtlicher Regeln. Das beginnt mit dem eigentlich selbstverständlichen robusten Verfügungsrecht, über die Nutzung unserer Inhalte durch KI frei entscheiden zu können.Staatsfreie Unterstützung periodischer Presse: Eine Förderung von Zeitschriften und Zeitungen wurde von der aktuellen wie den letzten Bundesregierungen immer wieder versprochen. Und nie realisiert. Angesichts der schnell voranschreitenden Monopolisierung der digitalen Märkte ist sie erforderlicher denn je. Die Absenkung der Mehrwertsteuer für periodische Presseprodukte auf null ist unverändert die ordnungspolitisch unbedenklichste Unterstützung der verantwortungsvollen publizistischen Arbeit der Verlage in ihren digitalen wie ihren gedruckten Medien.Eine freie Gesellschaft braucht – genau wie freie Märkte – verlässliche Informationen. Diese entstehen nicht zufällig und auch nicht durch Künstliche Intelligenz, sondern durch professionelle journalistische Arbeit in den Verlagen: durch Recherche, Analyse, Einordnung und verantwortungsbewusstes Publizieren. Aus dieser besonderen Verantwortung der Verlage folgt die besondere, in der Verfassung verankerte Stellung der freien Presse. Um ihren systemrelevanten Auftrag unter den realen Machtverhältnissen auf den digitalen Medienmärkten erfüllen zu können, braucht die freie Presse andere ordnungspolitische Rahmenbedingungen. Dafür bedarf es jetzt eines breiten politischen Bewusstseins in Exekutive und Legislative für die Gefahren der gesellschaftlichen Erosion durch die sozialen Massenmedien auf der einen Seite und die dadurch wachsende Relevanz des verlässlichen, dem Presserecht verpflichteten Journalismus der Verlage auf der anderen. Deshalb unser Appell:Es ist an der Zeit, dass die Regierenden im Bund und in den Ländern erkennen, dass in der gegebenen ökonomischen Situation mehr auf dem Spiel steht als die Zukunft einzelner Publikationen. Es geht um die Zukunft des weltweit einzigartig vielfältigen Ökosystems der deutschen Verlage und mit ihm um das Funktionieren einer offenen Gesellschaft und freier Märkte.Philipp Welte war Vorstand bei Hubert Burda Media und ist Vorstandsvorsitzender des Medienverbands der freien Presse (MVFP). Diese Aufgabe gibt er auf der Delegiertenversammlung des Verbands am Dienstag ab.