GastkommentarChristian StieglerTechnologie für alle – die KI-Debatte braucht eine breite demokratische BasisFür viele Menschen ist KI eine Mischung aus Science-Fiction und bedrohlicher Apokalypse, die uns früher oder später ersetzen wird. Ein grosser Teil der Gesellschaft ist bereits aus dem demokratischen Diskurs über die digitale Zukunft ausgeschlossen.30.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIn der Demokratie gilt es, alle einzubeziehen - gerade auch um Technologie glaubhaft als Projekt für das Gemeinwohl zu begreifen.Christian Beutler / KeystoneDie technologische Transformation findet derzeit weitgehend hinter verschlossenen Türen statt. Während Tech-Giganten die digitale Zukunft nach der Logik des Shareholder-Value gestalten und Regierungen dem Effizienzversprechen nachlaufen, fühlt sich ein Grossteil der Gesellschaft abgehängt. Um eine technologische Zweiklassengesellschaft zu verhindern, muss der Diskurs über künstliche Intelligenz geöffnet werden, weg von der reinen IT-Expertise, hin zu einer breiten demokratischen Teilhabe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aktuelle Daten zeichnen ein deutliches Bild: Ein Grossteil der Bevölkerung fühlt sich heute von der rasanten technologischen Entwicklung abgehängt. In der Schweiz geben im Digitalbarometer 2025 von Risiko_Dialog 52 Prozent der Befragten an, wenig oder gar nichts über das Thema KI zu wissen. In anderen europäischen Ländern zeigt sich ein vergleichbares Bild. Die eigentliche Gestaltung der Welt findet in geschlossenen Zirkeln und «Tech-Bubbles» statt. Wer nicht programmieren oder investieren kann, scheint kein Mitspracherecht zu besitzen.Es wird viel über digitale Souveränität geredet, doch meist erschöpft sich die Debatte in Verboten oder regulatorischen Kleinkriegen.Doch Technologie ist kein Naturereignis, das über uns hereinbricht. Sie ist eine kulturelle Praxis. Wie Technologie wahrgenommen wird, prägt unser Verständnis von Gesellschaft, Macht und Kultur. Technologien sind nicht neutral, sondern eingebettet in Diskurse, Institutionen und Ideologien.Dass wir derzeit mehrheitlich über negative, kritische Aspekte von KI diskutieren und nicht darüber, wie sie zur Lösung sozialer Probleme, etwa bei der Armutsbekämpfung, eingesetzt werden könnte, offenbart zwei Aspekte: wer in unserer Gesellschaft KI kontrolliert und wie unser grundsätzliches Verhältnis zu Technologie beschaffen ist.Es wird viel über digitale Souveränität geredet, doch meist erschöpft sich die Debatte in Verboten oder regulatorischen Kleinkriegen. Dabei wird KI von staatlicher Seite oft nur als Instrument zur Prozessoptimierung begriffen, statt sie als Chance zu nutzen, die betroffene Bevölkerung direkt in die Gestaltung digitaler Behörden- oder Bildungsprozesse einzubinden.Was wir stattdessen brauchen, ist eine Öffnung des Diskurses für die Allgemeinheit. Es reicht nicht, KI-Kurse für die breite Masse anzubieten. Wir müssen Formate finden, welche die Informatik zwingend mit anderen Disziplinen zusammenführen. Da KI-Projekte häufig mit öffentlichen Mitteln finanziert werden, besteht sogar eine demokratiepolitische Verpflichtung, die Gesellschaft breiter in den Dialog einzubinden. Wenn wir nicht dazu übergehen, Technologie inklusiv zu gestalten, wird uns die nächste Innovationswelle in Form des Quantum-Computing in eine Zweiklassengesellschaft spalten.Demokratie bedeutet, gemeinsam zu entscheiden, in welcher Welt wir leben wollen. Das schliesst die technologische Sphäre explizit mit ein. KI hat das Potenzial, unser Leben zu verbessern, zum Beispiel die Pflege zu entlasten oder Bildung gerechter zu gestalten. Es braucht aber den Mut, die digitale Transformation grundlegend neu zu denken. KI-Initiativen müssen transparenter, offener und inklusiver gestaltet werden, um jenseits der Expertenzirkel zu wirken.Es gilt dabei gezielt auch marginalisierte und vulnerable Gruppen einzubeziehen, um Technologie glaubhaft als Projekt für das Gemeinwohl zu begreifen. Erst dann wird echte Mitsprache möglich: bei Fragen des Klimaschutzes, des Energieeinsatzes und der gesellschaftlichen Folgen KI-gestützter Entscheidungen. Eine Technologie, die nicht alle mitnimmt, ist am Ende keine Innovation, sondern ein Rückschritt für die Gesellschaft.Christian Stiegler ist Direktor von Guiding Light, einer internationalen Organisation für Ethik und Nachhaltigkeit beim Einsatz von Technologien.Passend zum Artikel
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