Man hat sich daran gewöhnt, dass die Soziologie einer mit sich selbst zufriedenen Gesellschaft den Spiegel vorhält und Krisen auch dort diagnostiziert, wo andere nur Normalität sehen. Paradigmatisch dafür war Adornos bekannte Antwort in einem „Spiegel“-Gespräch von 1969. Die Bemerkung, bis vor Kurzem habe es noch den Anschein gehabt, die Welt sei in Ordnung, beschied er: „Mir nicht.“Werden Ungleichheiten und Interessengegensätze öffentlich nicht thematisiert, übernimmt die Soziologie die Aufgabe, auf diese latenten Konflikte hinzuweisen. Gelegentlich tauschen Öffentlichkeit und Soziologie jedoch die Rollen. Aktuell rufen Politik und Medien unablässig Polykrisen, Spaltungen und Kulturkämpfe aus und provozieren dadurch soziologischen Widerspruch. Nicht die verborgene Krise, sondern die sichtbare Krisenrhetorik erscheint aus soziologischer Sicht erläuterungsbedürftig.Die Zweiteilung, die wir uns vorstellenIn diese Richtung zielt ein kürzlich veröffentlichter Aufsatz von Thomas Lux, Steffen Mau und Linus Westheuser. Die Autoren sind bereits in ihrem Buch „Triggerpunkte“ den Erregungsmechanismen der Gegenwartsgesellschaft nachgegangen. Nun fragen sie, ob Deutschland entlang unterschiedlicher Typen der Lebensführung polarisiert ist.Der Ausgangspunkt ist eine bekannte, mit wechselnden Begriffen operierende Gegenwartsbeschreibung, die eine neue Konfliktachse zwischen „Kosmopoliten“ und „Kommunitaristen“ diagnostiziert. Den „Weltoffenen“ – mobil, gebildet, urban und veränderungsbereit – stehen demnach die „Bodenständigen“ gegenüber, die stärker an Herkunft und Traditionen gebunden sind. Wenn die Einstellungen dieser beiden Gruppen aufeinanderprallen, entstehen, so die These, politische Konflikte, die sich nicht mehr auf Interessenkonflikte beziehen, die sich durch Umverteilung befrieden ließen, sondern auf unvereinbare Wertmuster. Gegen Superreiche wären auch Teile der MittelschichtDie Studie bildet das Feld der Lebensführung differenzierter ab, indem sie nicht zwei, sondern neun Gruppen unterscheidet: darunter konservativ und liberal Gehobene, bodenständig Traditionelle und Hedonisten. Diese bunte Liste wird entlang zweier Achsen systematisiert: einerseits nach der Ausstattung mit ökonomischem und kulturellem Kapital, andererseits nach Modernitätsgrad und biographischer Offenheit. Untersucht werden Einstellungen zu vier Themen: Umverteilung, Migration, sexuelle Diversität und Klimaschutz. Das Ergebnis ist deutlich genug, um der Spaltungsthese zu widersprechen, aber es gibt Hinweise auf verhärtete Konfliktfronten.Eine moderne und gehobene Lebensführung korreliert beispielsweise mit progressiven Positionen. Deutlich zeigt sich dies bei den Themen Migration und Klimaschutz, bei denen neben der Offenheit für Wandel auch die Ressourcenausstattung zählt. Wer weniger hat, sieht Zuwanderung und Klimapolitik skeptischer. Die Einstellung zu sexueller Diversität hängt hingegen vor allem vom Modernitätsgrad ab: Wer Traditionen hochhält, wird kein LGBT-Aktivist. Anders liegt der Fall beim Thema Umverteilung. Hier macht die Lebensführung praktisch keinen Unterschied: Das Unbehagen an zu großen Einkommens- und Vermögensunterschieden beschränkt sich nicht auf die unteren Schichten oder auf jene Milieus, die man früher mit einem „Arbeiterbewusstsein“ in Verbindung gebracht hätte.Auch die Einschätzung der Dringlichkeit von Problemen folgt keiner einfachen Lagerlogik. Quer zu allen Unterschieden der Lebensführung gelten Klimawandel und Ungleichheit als besonders wichtig, doch für gehobene Gruppen steht der Klimawandel deutlicher an erster Stelle. Es gibt keine krassen Gegensätze, sondern eher unterschiedliche Priorisierungen. Am deutlichsten sortiert der Lebensstil die Einstellungen zu den Themen Migration und Diversität; beim Klimawandel hängen sie mindestens ebenso stark von Klasse und Bildung ab. Diese Korrekturen und Präzisierungen der These miteinander verfeindeter Lager werden die Spaltungsdebatte nicht beenden. Denn Polarisierung entsteht nicht durch die bloße Unterschiedlichkeit der Meinungen, sondern hängt davon ab, wie diese Unterschiede öffentlich beobachtet, moralisiert und zugespitzt werden. Eine Gesellschaft kann in ihren Einstellungen moderat sein und sich dennoch mit beträchtlicher Energie erzählen, sie stehe kurz vor dem Zerreißen. Solange die Konfliktlinien sich allerdings so präsentieren, dass man bei ihrer empirischen Rekonstruktion zuweilen den Überblick verliert, wer warum wofür ist und wer dagegen, zeigt gerade diese komplexe Verschachtelung von Gruppen und Konflikten an, dass noch nicht alles aus den Fugen geraten ist.T. Lux, S. Mau, L. Westheuser (2026): Bodenständige gegen Weltoffene? Lebensführung und Polarisierung in Deutschland. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, DOI: 10.1007/s11577-026-01066-9