Zu den wesentlichen Grundannahmen linker, emanzipativer Politik gehören die Gleichheit der Menschen und die Gewissheit des Fortschritts. Damit wurde das christliche Erlösungsversprechen – das Himmelreich und die Gleichheit vor Gott – buchstäblich auf die Erde geholt, ein Paradigmenwechsel im Zuge der europäischen Aufklärung.

Gleichheit und Fortschrittsgewissheit sind Axiome, unbeweisbare und unbedingte Voraussetzungen eines Ideengebäudes. Unbeweisbar, weil weder die Gleichheit noch der Fortschritt dem Augenschein oder der Wissenschaft standhält. Und unbedingt, weil ohne diese Voraussetzungen sämtliche Zukunftsvisionen der Moderne in sich zusammenfallen.

Beide politischen Erben der Aufklärung, Marxismus und Liberalismus, stehen im Bann der Gleichheit und des Fortschritts. Auch wenn Konservative mit Linken streiten, bleiben sie innerhalb des aufklärerischen Rahmens. Wer jedoch dahinter zurücktritt, wird reaktionär genannt. Die Bezeichnung ist seit dem 18. Jahrhundert denjenigen vorbehalten, die dem aufklärerischen Bekenntnis ihre Anerkennung verweigern – oder sogar radikale Gegensetzungen vornehmen.

Zu den Ironien der Geschichte zählt, dass ausgerechnet auf dem Höhepunkt der liberalen Selbstgewissheit, nach dem Scheitern der marxistischen Alternative um 1990, der Keim eines neuen Antagonisten zu sprießen begann. In der ihrem Selbstverständnis nach liberalsten aller Gesellschaften, den USA, wächst seitdem ein eigentümliches Pflänzchen: die neoreaktionäre Bewegung, auch als „Dunkle Aufklärung“ und unter der Chiffre NRx bekannt.