Die Folgen des «Care Drains»: Warum der globale Wettbewerb um Pflegekräfte die Schweiz gefährden könnteDie Schweiz lindert ihren Pflegenotstand mit Personal aus dem Ausland. Nun mehren sich die Anzeichen, dass künftig schlechter Qualifizierte kommen werden.Maurice Koepfli24.05.2026, 05.00 Uhr3 LeseminutenLaut einer Studie des Beratungsunternehmens PwC fehlen in der Schweiz bis 2030 rund 30 000 Pflegekräfte.Christian Beutler / KeystoneWenn im Schweizer Gesundheitswesen eine Stelle zu besetzen ist, beginnt die Suche nach Ersatz oft weit über die Landesgrenzen hinaus: eine Pflegefachfrau aus Norditalien, eine Ärztin aus Deutschland, eine Betreuungskraft aus Bulgarien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rund ein Fünftel des Pflege- und Betreuungspersonals in der Schweiz verfügte 2024 über einen ausländischen Abschluss. «Diese Arbeitskräfte sind längst systemrelevant für unser Gesundheitswesen», sagt Karin van Holten, Professorin am Institut für kollaborative Gesundheitsversorgung und Leadership an der Berner Fachhochschule. Dank ihnen lasse sich der Fachkräftemangel zumindest teilweise abfedern. Doch wo gut ausgebildete Fachkräfte zuwandern, fehlen sie anderswo.Erst kürzlich warf deshalb die italienische Pflegegewerkschaft Nursing Up Ländern wie der Schweiz vor, gezielt junge italienische Pflegefachkräfte abzuwerben – teilweise bereits während ihrer Ausbildung. Um diese Abwanderung zu unterbinden, sollen jetzt in der Grenzregion zur Schweiz die Pflegekräfte mehr Lohn bekommen.Noch kann die Schweiz solche Warnungen gelassen nehmen: Hohe Löhne schützen sie weitgehend vor Abwanderung. Werden aber langfristig nicht genügend eigene Fachkräfte ausgebildet und bleiben Arbeitskräfte aus dem umliegenden Ausland aus, wächst die Abhängigkeit von Personal aus Ländern mit tieferem Ausbildungsniveau.Globale BetreuungskettenKarin Schwiter ist SP-Politikerin und Professorin für Arbeitsgeografie an der Universität Zürich. Sie forscht seit Jahren zu globalen Arbeitsmärkten und sagt: «Wir sind längst Teil sogenannter Care-Chains.» Das sind internationale Betreuungsketten, in denen Arbeitskräfte entlang des Wohlstandsgefälles dorthin wandern, wo die Löhne attraktiver sind.Karin SchwiterPDDas schafft zunächst Chancen auf sozialen Aufstieg. Wird die Versorgungskette jedoch übermässig beansprucht, kann das zu einem «Care Drain» führen – dem massenhaften Abfluss von Pflegepersonal aus Ländern, in denen dann das Personal fehlt. Schwiter beschreibt die Entwicklung wie beim Domino. Wenn am Ursprung der Betreuungskette Arbeitskräfte fehlen und gleichzeitig die Länder am andern Ende zu wenig eigenes Personal ausbilden, setzt sich der Mangel Stufe für Stufe fort.Besonders deutlich zeigt sich dies bereits in Deutschland. Wegen des Mangels an qualifiziertem Pflegepersonal aus dem In- und Ausland setzt das Land verstärkt auf informelle und kostengünstigere Betreuungsmodelle. Gemeint sind sogenannte «Live-ins»: Betreuungskräfte aus dem Ausland, die für einige Monate im Haushalt von Pflegebedürftigen wohnen und diese unterstützen. Sie stehen oft rund um die Uhr zur Verfügung, vergütet werden jedoch oft nur wenige Arbeitsstunden. Teilweise besitzen sie nicht einmal einen Arbeitsvertrag.Vermittelt werden sie über Agenturen oder Plattformen im Internet. Diese funktionieren wie digitale Marktplätze. Familien wählen Betreuungspersonen über Hunderte Kilometer hinweg anhand von Fotos und persönlichen Angaben aus. «Man sieht private Informationen bis hin zu Gewicht, Hobbys oder Kochkenntnissen», sagt Schwiter.Doch dieses Modell funktioniere nur, solange genügend Menschen bereit sind, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. In Deutschland wurden solche Tätigkeiten früher vor allem von Arbeitskräften aus Polen übernommen, heute jedoch deutlich seltener.Die Folge: Die Rekrutierung verlagert sich weiter nach Osten, in Länder mit schwächeren Gesundheitssystemen, etwa nach Weissrussland. Angeworben werden oft Frauen zwischen 50 und 70 Jahren, die auf dem regulären Arbeitsmarkt kaum noch Chancen haben und oft über keine Pflegeausbildung verfügen.Pflege auf ZeitEine solche Entwicklung könnte sich auch in der Schweiz abzeichnen. Wegen des Fachkräftemangels und der alternden Bevölkerung steigt der Bedarf an Pflegepersonal stetig. Bereits heute setzt die Schweiz auf das «Live-in»-Modell – allerdings unter strengeren Vorgaben als Deutschland. Laut Schätzungen arbeiten hierzulande zwischen 10 000 und 30 000 «Live-ins».Bei einem Ja zur 10-Millionen-Schweiz-Initiative dürfte die Bedeutung dieses Modells weiter zunehmen. «Da die meisten ‹Live-ins› wegen ihrer kurzen Aufenthaltsdauer von 30 bis 90 Tagen nicht zur ständigen Wohnbevölkerung zählen, macht das ihre Anwerbung besonders attraktiv», so die Einschätzung von Professorin van Holten. Ähnliches gilt für Grenzgängerinnen und Grenzgänger in der Pflege, die ebenfalls nicht unter den Bevölkerungsdeckel fallen würden.Zwar sei es möglich, dass die Annahme der Initiative den Druck erhöhe, wieder mehr Pflegepersonal im Inland auszubilden – und Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten sowie Löhne neu zu denken, sagt van Holten. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass sich rund um die nichtständige Wohnbevölkerung eine neue Betreuungsbranche bilde. Zunächst mit mehr «Live-ins» in wohlhabenden Privathaushalten, später auch mit Pflegepersonal aus dem Ausland, das nur für wenige Wochen oder Monate in Spitälern und Heimen arbeite.Spätestens dann hätte der Dominoeffekt auch die Schweiz erreicht.Passend zum Artikel