KommentarTopfit in die demografische Falle: Das Gesundheitssystem ist finanziell saniert, doch nun fehlen die ArbeitskräfteDie Schweiz hat den gesundheitspolitischen Reformstau überraschend schnell gelöst. Das Erfolgsmodell gerät aber durch neue Entwicklungen in Gefahr.27.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenFast jedes Jahr im September gibt es grosses Gejammer: Schon wieder schiessen die Krankenkassenprämien in die Höhe! Zuletzt betrug der Anstieg 4,4 Prozent. Eine vierköpfige Familie zahlt mittlerweile rund 1200 Franken pro Monat für die Krankenversicherung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist ein stattlicher Betrag, der manche Personen in finanzielle Nöte bringt. Dennoch hat der kollektive Aufschrei etwas Hysterisches. Weil auch die Einkommen steigen, ist der Anteil der Ausgaben für die Gesundheit am Haushaltsbudget in den letzten 25 Jahren kaum gestiegen, er liegt bei rund 12 Prozent.Dafür bekommen die Schweizerinnen und Schweizer eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Es bietet eine hervorragende Behandlungsqualität und eine hohe Zugänglichkeit: Normalerweise bekommen Patienten rasch die optimale Therapie. Davon können die Bürger der meisten Länder nur träumen. Zahlreiche Umfragen belegen die Zufriedenheit der Schweizer Bevölkerung mit der Versorgung im Krankheitsfall.Ob der Wehklagen über die Prämienerhöhungen geht auch vergessen, wo die Schweizer Gesundheitspolitik Anfang der 2010er Jahre stand – und wie viel seither gelungen ist.Eine sinnvolle Reform versenktDer Tiefpunkt war im Juni 2012 erreicht: Das Volk erteilte damals der Managed-Care-Vorlage eine heftige Absage, nur 24 Prozent stimmten dem Projekt zu. Dies, obwohl sich praktisch alle Experten einig waren, dass die Förderung von Versorgungsnetzen sinnvoll sei. Die Gegner führten jedoch erfolgreich die angebliche Abschaffung der freien Arztwahl ins Feld. Dabei wäre eine freie Wahl nur ein bisschen teurer geworden.Die Gesundheitspolitik fiel daraufhin in eine jahrelange Schockstarre. Bundesrat und Parlament trauten sich nach dem Debakel nicht mehr an grosse Würfe. Und die einflussreichen Akteure – die Ärzteschaft, die Spitäler, die Pharmaindustrie und die Krankenkassen – waren nur noch auf die eigenen Vorteile bedacht. Sie blockierten alles, was irgendwelche Zugeständnisse erfordert hätte.Das zeigt sich bei den Spitälern, von denen es bis heute zu viele gibt. Das prominenteste Beispiel für den Reformstau war indes der ambulante Arzttarif. Obwohl längst klar war, dass der alte Tarmed massive Fehlanreize enthielt, gelang es nicht, einen neuen Tarif einzuführen. Es half nicht, dass sich die Krankenkassenbranche in zwei Verbände aufgespalten hatte, die irritierend oft dem Prinzip folgten: Wenn der andere Verband dafür ist, dann sind wir dagegen.Alain Berset, der als Bundesrat die Gesundheitspolitik von 2012 bis 2023 verantwortete, war der Mann der grossen Gesten und Worte, gerade in der Pandemie. Aber er war nicht der Mann der grossen Reformen. Dennoch gelang es der Politik im neuen Jahrzehnt, die Zeit der Blockaden zu beenden.Schub bei ambulanten BehandlungenDie wichtigste Errungenschaft ist die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen (Efas). Nach gefühlt ewiger Vorarbeit im Parlament war diese Vorlage im November 2024 endlich abstimmungsreif. Anders als noch 2012 bei Managed Care brachte eine unheilige Allianz aus SP und Teilen der SVP diesmal die Vorlage nicht zum Absturz.Dank dem Volks-Ja zu Efas dürfte es bald einen Schub bei den ambulanten Behandlungen geben, die nicht nur günstiger sind als stationäre, sondern oft auch besser für die Patienten. Einen Durchbruch gab es ebenfalls bei den Medikamentenpreisen: Die Hersteller müssen künftig auf Arzneimittel, die besonders hohe Umsätze erzielen, Rabatte gewähren. Das soll jährlich Einsparungen in der Höhe von mehreren hundert Millionen Franken bringen.Und auch der neue Arzttarif Tardoc ist seit Beginn dieses Jahres in Kraft. Das ist unter anderem Bersets Nachfolgerin Elisabeth Baume-Schneider zu verdanken, die mit einer Mischung aus freundlicher Moderation und beständigem Druck die Ärzte, Spitäler und Versicherer zum Einlenken gebracht hat.Zwar ist noch nicht alles perfekt. Insbesondere die neuen Pauschalen für eine Reihe von ambulanten Eingriffen sind teilweise schlecht austariert, wie die Spezialisten bemängeln. So gibt es für manche Behandlung viel zu viel Geld, für andere zu wenig. Doch die für die Pflege der Tarife zuständige Organisation OAAT dürfte solche Kinderkrankheiten in den kommenden Jahren beseitigen, so wie das auch bei den stationären Tarifen gelungen ist.Efas, Medikamente und ambulante Tarife: Dank diesen erfolgreichen Reformen sind die grössten Probleme gelöst, die die Finanzierung des Gesundheitswesens betrafen. Doch es bleiben Herausforderungen – sie sind einfach nicht primär pekuniärer Art.Mehr Alte, weniger PersonalSorgen bereiten muss die demografische Entwicklung bis 2060. Jene vielen Menschen, die in den drei goldenen Jahrzehnten zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und dem «Pillenknick» von 1975 geboren sind, werden alt. Die Babyboomer brauchen mehr medizinische Behandlungen, sie brauchen Pflegeheimplätze und Spitexangebote. Doch dafür fehlt schon heute das Personal.Weiterhin auf die Karte Zuwanderung zu setzen, ist riskant – selbst dann, wenn die 10-Millionen-Initiative der SVP abgelehnt wird. Denn auch in ganz Europa verschärft sich die Situation im Gesundheitswesen. Und Deutschland oder Frankreich intensivieren ihre Bemühungen, das medizinische Personal im eigenen Land halten zu können.In den nächsten zehn Jahren müssen in der Schweiz 40 Prozent der Hausärzte ersetzt werden. Doch im Inland steht viel zu wenig Nachwuchs bereit. Die Politik muss endlich dafür sorgen, dass diese zentrale Sparte der Medizin wieder attraktiver wird – durch mehr Ausbildungsplätze und ein Einkommen, das näher bei jenem der Spezialärzte liegt.Mindestens so gravierend ist der Mangel bei den Pflegenden. Auch hier gilt es, mehr junge Leute für den Beruf zu gewinnen. Nur so kann es gelingen, das grösste Problem zu lösen: dass allzu viele Pflegefachleute aussteigen. Sie machen das nicht wegen des Lohns. Sondern wegen der Überlastung und des dauernden Gefühls, trotz allen Anstrengungen den eigenen Anforderungen nicht gerecht werden zu können. Dagegen helfen nur besser bestückte Teams.Wir leben in einer Zeit, in der viele im Beruf Sinnhaftigkeit suchen und in der gleichzeitig die KI-Revolution zahlreiche klassische Laufbahnoptionen infrage stellt. Da müsste es möglich sein, mehr Angehörige der Generationen Z und Alpha für eine Ausbildung in der Pflege zu begeistern. Kaum ein Job dürfte in den kommenden Jahren sicherer sein als dieser. Dass er gesellschaftlich relevant ist, ist ohnehin unbestritten.Digitalisiert gegen die BürokratieNeben dem Fachkräftemangel hat das Schweizer Gesundheitswesen eine weitere gewaltige Schwäche: die stockende Digitalisierung. Und da gibt es einen direkten Zusammenhang. Nicht in dem Sinn, dass KI-gesteuerte Roboter bald die Pflege von bettlägerigen Senioren übernehmen. Sondern weniger spektakulär: dass sich der Informationsfluss so vereinfachen lässt, dass die Zusammenarbeit vom Hausarzt über die Apotheke bis zur Chirurgin im Spital effizienter wird. Wer sich weniger mit lästigem Papierkram herumschlagen muss, hat mehr Zeit für die Patienten.Ein zentrales Instrument ist das elektronische Patientendossier (EPD). Doch die Schweiz hinkt Pionierländern wie Dänemark um Jahre hinterher. Dort haben praktisch alle Patienten ein EPD, das ihre Daten speichert und bei Bedarf allen Gesundheitsfachleuten zugänglich macht. Das verhindert teure Doppelspurigkeiten. In der Schweiz kann man zwar ebenfalls seit einigen Jahren ein solches Dossier eröffnen, aber kaum jemand tut dies: Bis jetzt haben nur rund 130 000 Personen ein EPD, das entspricht 1,4 Prozent der Bevölkerung.Wieso sollte man auch? Das Patientendossier nützt bis jetzt so gut wie nichts, weder den Besitzern noch dem medizinischen Personal, noch der Wissenschaft. Denn es ist vorderhand kaum mehr als eine gut geschützte Ablage für PDF-Dokumente. Es würde jedoch ein System brauchen, in dem sich einzelne Informationen, etwa zu Medikamenten oder Impfungen, jederzeit leicht finden und auch ändern lassen.Es ist deshalb höchste Zeit, dass der Bundesrat mit dem EPD vorwärtsmacht. Weil mit diesem Kürzel vor allem Misserfolge assoziiert werden, nennt Innenministerin Baume-Schneider das Projekt nun elektronisches Gesundheitsdossier (EGD). Zu Recht verlangt sie, dass sich alle medizinischen Dienstleister, die über die Grundversicherung abrechnen wollen, dem Gesundheitsdossier anschliessen müssen.Ein kluger Schachzug ist auch die Opting-out-Lösung. Jede Bewohnerin und jeder Bewohner soll automatisch ein EGD erhalten, doch dieses bleibt freiwillig: Wer das Dossier nicht will, kann es löschen lassen. Dieses Vorgehen wird zu einem viel höheren Anteil Nutzer führen, als wenn jeder Einzelne aktiv ein EGD eröffnen müsste. Denkbar wäre es im Sinne der Eigenverantwortung, dass jene, die auf das Instrument verzichten wollen, höhere Krankenkassenprämien oder einen höheren Selbstbehalt zahlen. Denn sie verursachen damit auch einen höheren Aufwand und höhere Kosten.Glänzende AussichtenDiese Neuregelung ins Ziel zu bringen, wird nicht einfach sein. Für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ist die Aussicht abschreckend, dass sensitive Gesundheitsdaten elektronisch gespeichert und damit potenziell Hackerangriffen ausgesetzt sind. Aber die Vorteile überwiegen deutlich. Das Gefährlichste für einen Patienten sind nicht Leaks, sondern Behandlungsfehler wegen mangelnder Informationen. Es ist die Aufgabe der Politik, dies den Stimmbürgern zu erklären.Die künstliche Intelligenz wird die Medizin transformieren: von der Früherkennung von Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer über die Etablierung einer sensorenunterstützten Behandlung daheim (hospital at home) bis zur Entwicklung neuer Wirkstoffe in Rekordtempo. Die Schweiz ist als Top-Forschungsstandort bestens gerüstet, um diese Chancen zu nutzen.Gelingen die KI-Revolution, die Digitalisierungsoffensive und der Kampf gegen den Personalmangel, sind die Aussichten für die Patienten und ihre Behandler glänzend. Das Schweizer Gesundheitswesen wird dann eines der qualitativ besten der Welt bleiben. Und dazu eines, in dem Kosten und Nutzen in einem guten Verhältnis stehen.Wer hätte das vor vierzehn Jahren, nach dem Managed-Care-Debakel, zu prophezeien gewagt?Passend zum Artikel
Demografische Falle: Der Fachkräftemangel gefährdet das Gesundheitssystem
Die Schweiz hat den gesundheitspolitischen Reformstau überraschend schnell gelöst. Das Erfolgsmodell gerät aber durch neue Entwicklungen in Gefahr.












