Interview«Wenn wir länger arbeiten würden, könnten wir die Zuwanderung reduzieren», sagt die Direktorin von Economiesuisse nach dem Nein zur 10-Millionen-SchweizMonika Rühl will die Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften verringern und wirft dem Bundesrat vor, das Thema Rentenalter zu tabuisieren. Mehr leisten müssten aber auch die Unternehmen.15.06.2026, 12.54 Uhr4 Leseminuten«Die Vorstellung, man mache bei zehn Millionen Einwohnern die Grenze dicht und alle Probleme verschwänden, hat nicht überzeugt», sagt Monika Rühl vom Dachverband Economiesuisse.Til Buergy / KeystoneFrau Rühl, wie sicher waren Sie im Vorfeld, dass dies ein Abstimmungssonntag ganz nach Ihrem Geschmack werden würde?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass die Initiative zur 10-Millionen-Schweiz sowohl am Volks- als auch am Ständemehr scheitern würde, haben wir nicht erwartet. Wir gingen von einem knapperen Entscheid aus. Umso erfreulicher ist das Resultat. Es zeigt, dass die breite Allianz aus Wirtschaftsverbänden und bürgerlichen Parteien ihre Wähler mobilisieren konnte.Was hat die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger Ihrer Meinung nach überzeugt?Viele wollten keine Kündigung der Personenfreizügigkeit riskieren. Gleichzeitig haben sie verstanden, dass die Schweizer Unternehmen auf Fach- und Arbeitskräfte aus dem EU- und dem Efta-Raum angewiesen sind. Zudem haben sie gesehen, dass die bestehenden Herausforderungen nicht einfach mit einem Bevölkerungsdeckel gelöst werden können. Die Vorstellung, man mache bei zehn Millionen Einwohnern die Grenze dicht und alle Probleme verschwänden, hat nicht überzeugt.Nach der Annahme der 13. AHV-Rente und dem Nein zur BVG-Reform hiess es oft, die Wirtschaft habe den Draht zur Bevölkerung verloren. Was lief dieses Mal anders?Wir haben Unternehmerinnen und Unternehmer zu Wort kommen lassen. Sie haben aufgezeigt, was die Initiative für ihren Betrieb bedeuten würde. Zudem haben wir ein Netzwerk mit mehr als 2000 Botschaftern aufgebaut. Sie engagieren sich auf Social Media und Podien, schreiben Leserbriefe oder treten mit Testimonials auf. Unser Ziel ist es, die Wirtschaft greifbarer zu machen, ihr ein Gesicht zu geben. Dass viele Menschen heute nachvollziehen können, weshalb die Unternehmen auf Fachkräfte angewiesen sind, zeigt, dass uns das gelungen ist.Trotz dem Nein hat die SVP die Debatte geprägt. Die Initianten verknüpften die Zuwanderung mit weiteren emotionalen Themen wie steigenden Mieten und vollen Zügen.Es ist wichtig, sich zunächst vor Augen zu führen, dass die Schweizer Stimmbevölkerung eine klare Botschaft gesendet hat: Sie will geregelte Beziehungen zur EU und ein gutes Verhältnis zu unseren wichtigsten Handelspartnern. Eine neue Umfrage zeigt, dass die Mehrheit der Stimmbevölkerung sich für die Bilateralen III ausspricht. Dieses Signal darf man nun nicht einfach wegschieben, auch wenn die SVP das tun wird.Dennoch haben 45 Prozent der Stimmberechtigten Ja gesagt. Was sagen Sie jenen Menschen, die finden: Es reicht?Wir müssen das natürlich ernst nehmen. Viele Menschen empfinden die Zuwanderung als Herausforderung und erwarten Lösungen.Die Zustimmung war auf dem Land deutlich grösser als in den Städten. Zeigt sich hier eine wachsende Kluft zwischen den Zentren und der übrigen Schweiz?Nach der Masseneinwanderungsinitiative wurden Befragungen durchgeführt, um die Motive der Ja-Stimmenden besser zu verstehen. Ein Befund von damals hat sich nun bestätigt: Menschen in urbanen Räumen erleben den Dichtestress im Alltag und haben deshalb weniger Ängste. Menschen in ländlichen Regionen sind davon weniger direkt betroffen, sorgen sich aber stärker, dass diese Entwicklung auch zu ihnen kommt. Diese Ängste lassen sich nur bis zu einem gewissen Grad mit rationalen Argumenten entkräften.Wie viel Zuwanderung verträgt die Schweiz noch?Die Frage nach einer bestimmten Zahl folgt der Logik der SVP. Warum sollte die Grenze bei zehn Millionen Einwohnern liegen?Eine absolute Obergrenze gibt es für Sie also nicht?Nein. Ich halte eine starre Obergrenze für falsch. Wir müssen uns bewusst sein, dass der grösste Teil der Zuwanderung arbeitsmarktgetrieben ist. Wenn es der Wirtschaft gutgeht, braucht sie mehr Fach- und Arbeitskräfte. Geht es ihr schlechter, sinkt dieser Bedarf und damit die Zuwanderung. Wichtig ist jetzt, dass wir die Herausforderungen angehen: mit einer konsequenteren Asylpolitik, denn dort drückt bei der Bevölkerung der Schuh. Und wir müssen das inländische Arbeitskräftepotenzial besser nutzen.Das fordern Sie seit Jahren. Die Fortschritte sind bescheiden.Es braucht eben einen Effort von uns allen. Wir müssen über eine Erhöhung des Rentenalters diskutieren. Wenn wir länger arbeiten würden, könnten wir den Druck auf die Zuwanderung reduzieren. Doch der politische Wille für solche Debatten fehlt leider. Der Bundesrat hat seine Eckwerte für die AHV-Reform 2030 vorgestellt, will aber das Rentenalter nicht antasten. Dabei führen andere Länder wie Deutschland oder Italien diese Diskussion längst. In der Schweiz wird das Thema tabuisiert.Sie sagen selbst, dass dafür derzeit keine Mehrheit in Sicht sei. Laufen Sie damit nicht Gefahr, dass alles beim Alten bleibt und der Frust über die Zuwanderung weiter wächst?Wir müssen an verschiedenen Stellen gleichzeitig ansetzen. Beim inländischen Arbeitskräftepotenzial liegt die Verantwortung sowohl bei der Wirtschaft als auch bei der Politik. Ein weiterer Punkt ist die Asylpolitik. Sie muss strikter umgesetzt werden. Abgewiesene Asylsuchende müssen das Land wieder verlassen, doch diese Rückführungen werden heute zu wenig konsequent umgesetzt.Und beim Wohnungsmarkt?Wenn wir mehr Wohnraum schaffen wollen, müssen die Bewilligungsverfahren schneller werden. In Genf dauert es teilweise mehr als 500 Tage, bis ein Baugesuch bewilligt ist. In vielen Deutschschweizer Städten und Gemeinden ist es nicht besser.Wohnungsbau, Rentenalter, Asylpolitik: Das sind vor allem Forderungen an die Politik. Wo müssen die Unternehmen selbst ansetzen?Sie müssen das inländische Arbeitskräftepotenzial besser nutzen, etwa mit einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder mit Arbeitsmodellen, die es Menschen ermöglichen, länger im Erwerbsleben zu bleiben. Zudem sollten wir darüber diskutieren, wie wir Frühpensionierungen weniger attraktiv machen können.Passend zum Artikel
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Monika Rühl will die Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften verringern und wirft dem Bundesrat vor, das Thema Rentenalter zu tabuisieren. Mehr leisten müssten aber auch die Unternehmen.














