Ungarns neuer Ministerpräsident reist nach Polen: Peter Magyar sieht im Nachbarn ein VorbildDie erste Auslandreise hat den neuen ungarischen Regierungschef nach Polen geführt. Nach der Abwahl von Viktor Orban hegen Budapest und Warschau grosse Hoffnung auf eine neue Dynamik zwischen den beiden Staaten.20.05.2026, 18.42 Uhr4 LeseminutenPeter Magyar und Donald Tusk begrüssen sich herzlich.Pawel Supernak / EPAKaum ein europäischer Regierungschef hat bei den Parlamentswahlen in Ungarn so öffentlich mitgefiebert wie Donald Tusk. Und kaum einer gab sich danach über den Sieg von Peter Magyar und die Abwahl Viktor Orbans so erleichtert wie der polnische Ministerpräsident. Diese Erleichterung war auch am Mittwoch spürbar, als Tusk den frischgebackenen ungarischen Regierungschef auf dessen erster Auslandreise in Warschau empfing.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Schön, dich zu sehen, Peter. Nach sechzehn Jahren schlagen wir ein neues Kapitel in den polnisch-ungarischen Beziehungen auf», schrieb Tusk auf Ungarisch, als er auf X ein Bild vom Besuch teilte.Magyar war bereits am Dienstag nach Krakau gereist, wo er unter anderem das Denkmal für Papst Johannes Paul II. besuchte. In bewusster Abgrenzung zu seinem Vorgänger Viktor Orban, dem Magyar Verschwendungssucht vorwirft, benutzte der ungarische Regierungschef einen Linienflug. Die Weiterfahrt nach Warschau erfolgte mit der Bahn. Zum Abschluss des Besuchs stand am Mittwochabend in Danzig ein Treffen mit Polens früherem Präsidenten Lech Walesa auf dem Programm.«Schnellzug aus Warschau»Dass ein ungarischer Ministerpräsident seinen ersten Staatsbesuch in Polen absolviert, hat Tradition. Auch Orban und vor ihm Ferenc Gyurcsany und Peter Medgyessy waren jeweils kurz nach der Wahl an die Weichsel gefahren. Das spiegelt die historische Beziehung der beiden Staaten wider, die lange eine gemeinsame Grenze teilten, und die Bedeutung Polens als Machtzentrum in Ostmitteleuropa.Bei Magyars Besuch schwingt aber freilich mehr mit. Der Proeuropäer Donald Tusk hat nach seinem Wahlsieg über die nationalkonservative Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS) vor drei Jahren Polen als einstiges rechtsstaatliches Sorgenkind der EU zurück in die europäische Mitte geführt. Dieselbe Erwartung ruht nun auf Magyar.Passend dazu zitierte dieser an der Pressekonferenz am Mittwoch ein ungarisches Bonmot aus sozialistischer Zeit: «Der Schnellzug aus Warschau kommt an.» Will heissen, irgendwann erreichen polnische Reformen auch Ungarn.Wirtschaftliches VorbildBei der polnischen Vorbildsfunktion für Ungarn geht es Magyar aber nicht nur um Fragen der Rechtsstaatlichkeit oder einen aussenpolitischen Kurswechsel. Polen sei heute stärker denn je, und er hoffe, dass auch Ungarn bald stärker werde, sagte der ungarische Regierungschef.Während Ungarn bei vielen ökonomischen Indikatoren zu den Schlusslichtern der EU zählt, weist Polen seit Jahren hohe Wachstumsraten auf. Bald dürfte das Land die Schweiz aus der Gruppe der zwanzig grössten Volkswirtschaften der Welt verdrängen.Tusk bot Ungarn in diesem Zusammenhang Unterstützung bei der energiepolitischen Diversifizierung an, etwa durch Flüssiggasimporte über den Hafen von Danzig. Ungarn bezieht weiterhin Öl aus Russland. Magyar hatte im Wahlkampf allerdings angekündigt, daran festhalten zu wollen.Auch in der Frage der Waffenhilfe an die Ukraine besteht keine Einigkeit zwischen Budapest und Warschau. Trotzdem weht freilich ein neuer Wind. Magyar bekräftigte auf seiner Reise nach Polen die Absicht, bald auch in die Ukraine zu reisen.Unterschiedliche Ausgangslage in Polen und UngarnDie Erzählung von der Parallelität zwischen den beiden Staaten ist jedoch vereinfacht. Während in Ungarn tatsächlich völlig neue Machtverhältnisse herrschen, belastet Polen die tiefgreifende Polarisierung. Bei innenpolitischen Reformen könnte der polnische Schnellzug deshalb, um im Bild zu bleiben, dereinst vom ungarischen überholt werden.Tusk ist in einem Dauerkonflikt mit Präsident Karol Nawrocki gefangen. Nawrocki steht der PiS nahe und blockiert die meisten Vorhaben der Regierung. Vor der Wahl in Ungarn hatte er sich explizit für Viktor Orban ausgesprochen.Unter Orban war Ungarn ein enger Verbündeter des nationalkonservativen Lagers in Polen gewesen und hatte unter anderem zwei hochrangigen PiS-Politikern, die wegen Korruptionsaffären von der polnischen Justiz gesucht werden, Zuflucht gewährt. Nach Magyars Wahlsieg ist der frühere polnische Justizminister Zbigniew Ziobro in die USA ausgereist, sein ehemaliger Stellvertreter Marcin Romanowski nach Serbien. Magyar hatte angekündigt, die beiden Politiker an Polen auszuliefern.Tusk erhofft sich vom Regierungswechsel in Ungarn deshalb auch Rückenwind für den Machtkampf im eigenen Land. Davon vereinnahmen lassen will sich Magyar aber nicht. Der ungarische Regierungschef traf am Mittwoch auch Präsident Nawrocki zu einem Gespräch. Laut gegenwärtigen Umfragen ist nicht ausgeschlossen, dass Polen nach den Wahlen im kommenden Jahr erneut eine nationalkonservative Regierung erhält.Wiederbelebung des Visegrad-ForumsAuf einen Neuanfang setzt Magyar gleichwohl, auch in personeller Hinsicht. Die neue Aussenministerin Anita Orban, die Teil der Regierungsdelegation war, teilte am Mittwoch mit, dass Ungarns bisheriger Botschafter in Warschau abberufen werde.Mit der Stärkung der bilateralen Beziehungen geht die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Visegrad-Forums einher. Die Gruppe aus Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei war einst gegründet worden, um den Ostmitteleuropäern in der EU mehr Gewicht zu verleihen.Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine sprachen die vier Staaten aber kaum mehr mit einer Stimme. Die Regierungschefs Tschechiens und der Slowakei, Andrej Babis und Robert Fico, galten in der EU zwar als Verbündete Orbans, haben sich seit dessen Abwahl aber besonders mit Blick auf die Ukraine der gesamteuropäischen Position angenähert. Vor zwei Wochen veröffentlichte Fico auf X ein Bild mit Babis und Tusk und schrieb, man warte auf die Rückkehr des Vierten im Bunde.Passend zum Artikel
Peter Magyar besucht Polen und macht einen Neuanfang nach der Ära Orban
Die erste Auslandreise hat den neuen ungarischen Regierungschef nach Polen geführt. Nach der Abwahl von Viktor Orban hegen Budapest und Warschau grosse Hoffnung auf eine neue Dynamik zwischen den beiden Staaten.










