Die klassische Filmerzählung braucht einen Antagonisten, eine Person, an der die Helden sich abarbeiten können. Drei japanische Regisseure treten im Wettbewerb von Cannes den Beweis an, dass es auch anders geht – so stark, thematisch wie zahlenmäßig, war das Land seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr an der Croisette vertreten. Hirokazu Kore-eda, der hier 2018 mit dem Familiendrama „Shoplifters“ die Goldene Palme gewann, malt diesmal mit „Sheep in the Box“ eine nicht allzu ferne Zukunft aus. Ein Paar hat seinen Sohn verloren. Sie ist Architektin, er Schreiner. Was dem Kind genau passiert ist, haben bislang weder die Eltern noch die Polizei komplett klären können, weshalb die Mutter auch zwei Jahre nach dem Tod des Jungen ihre Trauer nicht überwunden hat. „Sie sind noch nicht bereit zu vergessen?“, fragt eines Tages eine Werbesendung des Unternehmens Rebirth und bietet der Trauernden an, ihr Kind anhand alter Video- und Audiodaten als KI-gestützten humanoiden Roboter zu rekonstruieren. Sie ist vom neuen Jungen, der nicht nur die Erinnerungen des Verstorbenen hat, sondern auch schnell Neues lernt, begeistert. Der Vater bleibt skeptisch: „Sag mir jetzt nicht, dass er eine Seele hat“, spottet er. „Aber du sagst immer, auch Bäume haben eine Seele“, kontert sie.Bereits in „Air Doll“ (2009) stellte Kore-eda solche Fragen, denen er hier nun weiter nachspürt. Wann entsteht Bewusstsein? Was macht Menschen aus? Wie wollen wir leben? In „Sheep in the Box“ schmückt er seine Zukunftsvision mit effektivem Tiefendekor: Die Linien der Häuser folgen elegantestem Bauhausstil; die Figuren tragen pastellfarbene Kleidung aus Stoffen, die aussehen, als müssten sie erst noch erfunden werden, so reflektiert etwa die durchsichtigen Kochschürze der Mutter das Licht wie tausend Diamanten. In diese Welt bettet Kore-eda Überlegungen ein, die konsequent einer Richtung folgen, wie sie etwa auch die Science-Fiction-Autorin Becky Chambers einschlägt: Seine humanoiden Maschinenwesen zieht es zur Symbiose mit der Natur, weg von den Menschen. Das Böse gibt es hier nicht, dafür neue, interessantere Probleme.Freiheit in fast menschenleeren RäumenIn außergewöhnliche Architektur setzt auch Koji Fukada eine Schlüsselszene in „Nagi Notes“. Das Museum für zeitgenössische Kunst in Nagi, Okayama, dient ihm als Kulisse für ein Gespräch zwischen der jungen Architektin Yuri und einem angehenden Künstler. Der Teenager will von ihr mehr über das Leben in Tokio erfahren. In einem Raum, dessen messingfarbene Wände sich wie das Innere eines Fernrohrs runden, erzählt sie ihm von der Kunst und der Großstadt. Der Junge träumt von einem Leben in urbaner Anonymität, wo er hofft, seine Identität als Künstler und Mensch finden zu können. Die Frau ist aus dem gleichen Grund aufs Land gefahren. In der Stadt kennt man sie als erfolgreiche Designerin, hier draußen will sie die Trennung von ihrem Mann verarbeiten und herausfinden, was sie sich vom Leben wünscht.Fukada nimmt all das mit sehr ruhiger, fast statischer Kamera auf, die den Figuren durch die Schönheit der grünen Hügellandschaft folgt. Zwei Jungen rasen mit ihren Fahrrädern durch weite Wiesen, die Architektin wandert zu einem Wasserfall – ein Tasten nach Freiheit in fast menschenleeren Räumen. Nur manchmal schieben sich die Militäranlagen ins Bild, die rund um Nagi Posten bezogen haben. Immer wieder sind in der Ferne Schüsse von Manöverübungen zu hören. Das örtliche Radio gibt jeden Morgen durch, welche Felder und Straßen die Bewohner meiden sollten. Eine subtile Kritik an der Remilitarisierung des Landes, hatte sich Japan nach dem Zweiten Weltkrieg doch in seiner Verfassung einer Friedenspolitik verschrieben.Alle versuchen, sich nicht gegenseitig zu verletzenWeit weniger subtil behandelt das Thema der Wettbewerbsfilm „Minotaur“ des gebürtigen russischen und mittlerweile in Frankreich lebenden Regisseurs Andrei Swjaginzew. Bei ihm zerbricht die Ehe eines reichen Unternehmers, während Moskau aus seinem Betrieb Soldaten für den Einsatz im Georgienkonflikt verlangt – die Menschen sind korrupt, dekadent und zum Töten bereit. Bei Fukada hingegen gibt es keine Bösewichte, nur Menschen, die versuchen, sich gegenseitig nicht zu verletzen, während sie sich bemühen, ihren Alltag vor der bedrohlichen Weltlage zu meistern.„All of a Sudden“: Tao Okamoto (links) mit Regisseur Ryusuke Hamaguchi und Schauspielkollegin Virginie Efira in CannesAP Photo/John LocherNoch konsequenter in dieser Richtung ist Ryūsuke Hamaguchi unterwegs. Sein „All of a Sudden“ ist mit 196 Minuten der längste Film im diesjährigen Wettbewerb und der erste dieses Regisseurs, der nicht ausschließlich in Japan entstanden ist. Wir folgen der jungen, engagierten Heimleiterin Marie-Lou, gespielt von Virginie Efira, die progressive Methoden für die Pflege von Alzheimerpatienten durchsetzen will. Trotz großer Belastung durch diese Umstellung im Job geht sie mit offenen Augen durch die Welt und lernt so Mari kennen. Die japanische Schauspiel- und Modelgröße Tao Okamoto gibt diese Theaterregisseurin, die mit einem Stück über den Psychiatriereformer Franco Basaglia in Paris gastiert.Hamaguchi verlangt seinem Publikum große Aufmerksamkeit ab. Die beiden Frauen schließen Freundschaft in einer Nacht, die sie mit gemeinsamen Diskussionen verbringen. Die Schattenseiten des Kapitalismus und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft nehmen die beiden nicht nur im Zwiegespräch auseinander, es kommen dabei sogar ein Whiteboard und Schaubilder zum Einsatz. All das wirkt aber nicht aufgesetzt-akademisch. Vielmehr spricht es für Hamaguchis exzellente Figurenzeichnung, dass die langen theoretischen Ausführungen einer völlig logischen Motivation im Charakter der beiden Frauen entspringen. Beide haben studiert und erfreuen sich am intellektuellen Streitgespräch, auch wenn das Ergebnis, zu dem sie kommen, ernüchternd ist.Auf die Frage, was man tut, wenn man keine Änderung im großen Ganzen vornehmen kann, gibt Hamaguchi dann eine ganz praktische Antwort: Sei nett, sei hilfsbereit, sieh dein Gegenüber als einen Menschen und behandle ihn auch so. Wie das aussehen kann, zeigt er am Beispiel des Pflegeheims von Marie-Lou.Auch bei Hamaguchi hat niemand böse Absichten, aber alle besitzen menschliche Schwächen. Kann man sie verzeihen und darauf etwas neues aufbauen? Nur wenn man sich geduldig gegenseitig stützt. Einen Antagonisten gibt es also auch hier nicht, nur ein schlechtes System, in dem man versuchen muss, Mensch zu bleiben. Jeden Tag aufs Neue.
Filmfestival in Cannes: Das Kino hat den Schuss gehört
Die Welt braucht nicht noch mehr Bösewichte: Drei Filme aus Japan erzählen in Cannes neue Geschichten ohne Mordgesellen und Dunkelmänner. Das funktioniert erstaunlich gut.















