Wer Filme macht, muss eine Haltung zum je aktuellen Stand der Technik entwickeln. Manche Künstler tun das mehr, manche weniger informiert. So sagte etwa Demi Moore in Cannes, mit Künstlicher Intelligenz müssten Regisseure und Schauspieler nun mal leben lernen. Die Entrüstung ihrer Kollegen war laut, hatte die US-Schauspielergewerkschaft doch 2023 gegen diese Art von schwammigem Defätismus den längsten Streik ihrer Geschichte geführt.Und auch fünf prominente deutsche Filmemacher wollen der Idee von der Zwangsläufigkeit der Anpassung an neue Arbeitsmittel widersprechen: Vor glitzernder Mittelmeerkulisse verkündeten am Samstag Tom Tykwer, Kurdwin Ayub, Helene Hegemann, İlker Çatak und Nora Fingscheidt im gut gefüllten deutschen Pavillon, dass sie sich als Regiegruppe zu „Dogma 25 Germany“ zusammenschließen.In Anlehnung an das 1995 von Lars von Trier und Thomas Vinterberg veröffentlichte Dogma-Manifest, in dem die Dänen mit zehn strikten Regeln die kreative Position der Regie im Gegensatz zum Einfluss großer Studios stärken wollten, waren im vergangenen Jahr fünf dänische Regisseure mit zehn neuen Regeln an die Öffentlichkeit getreten; denen verpflichteten sich nun auch die deutschen Filmschaffenden.Im kreativen Prozess den Computer verbieten„Es geht darum, sämtliche Algorithmen aus dem Spiel zu lassen, sich auf sich selbst konzentrieren und verlassen zu müssen“, sagte Helene Hegemann im Gespräch mit dieser Zeitung. Im kreativen Prozess sind also unter anderem Computer verboten. Finanzierungen, die inhaltliche Forderungen an das Filmprojekt stellen, werden abgelehnt, und die Drehbücher müssen die Künstler per Hand schreiben.Hegemann hatte das Konzept entwickelt, Tykwer war schnell an Bord. „Ich habe eine wahnsinnige Neigung, Bands anzustiften“, sagt er: „Ich drehe auch gerne mit mehreren Regisseuren und Regisseurinnen. Das ist anspruchsvoll und manchmal auch anstrengend, aber dieses Kollektivding hat mich extrem weitergebracht.“ Noch in diesem Jahr sollen die Arbeiten an ersten Filmen beginnen.In eine vordigitale Zeit führt sein Publikum auch John Travolta. Im großen Debussy-Kino feierte sein Regiedebüt „Propeller One-Way Night Coach“ über die Faszination von Propellerflugzeugen Premiere – und Cannes hielt eine Überraschung für den Hollywoodstar bereit: Ein Hommagetrailer erinnerte vor dem Hauptfilm noch einmal an Travoltas Hüftschwung in „Saturday Night Fever“ und seine Ausführungen zu Burgernamen im metrischen System aus „Pulp Fiction“, woraufhin der Schauspieler sich gerührt zeigte: „Wie nett, dass ihr das in all dem Festivalstress zusammengestellt habt.“Travolta blieb die Sprache wegWenige Sekunden danach blieb Travolta die Sprache weg, denn Festivaldirektor Thierry Frémaux drückte ihm spontan eine Ehrenpalme in die Hand. Travoltas erste Regiearbeit könnte auch seine letzte sein: Seine Kindheitserinnerungen an die Begeisterung fürs Fliegen hatte er vor rund dreißig Jahren bereits als Buch aufgeschrieben und nun selbst verfilmt. Nur wenn er für ein Projekt noch einmal eine solche Leidenschaft empfinde, würde er sich wieder hinter die Kamera begeben, sagte Travolta.Ein anderer alter Hase des Festivals feierte im gleichen Saal vierundzwanzig Stunden später seine Premiere: Volker Schlöndorff, der für „Die Blechtrommel“ 1979 die Goldene Palme erhielt, zeigte diesmal in einer Nebenreihe „Heimsuchung“, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jenny Erpenbeck. Über rund ein Jahrhundert hinweg blickt Erpenbecks Buch auf ein Seegrundstück im Umland von Berlin. Manches Schicksal der zahlreichen Figuren, deren Lebenswege sich auf diesem Grund und Boden kreuzen, deutet Schlöndorff nur mit kurzen Strichen an, um die Handlung auf knapp zwei Stunden Erzählzeit zu verdichten.Lea Seydoux und Jella Haase auf dem roten Teppich von Cannes: Die beiden spielen Seite an Seite im Film „Gentle Monster“ der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer.dpaSo konzentriert sich der Film in großen Teilen auf die Geschichte eines Architekten, gespielt von Lars Eidinger, der in den frühen Dreißigerjahren hier ein Haus für seine Geliebte und spätere Frau nach deren Wünschen errichtet: durchdacht, aus warmem Holz gefertigt, mit allerlei versteckten Annehmlichkeiten im Bauhausideal. Wenig später wird er auch das Nachbargrundstück einsacken, wenn der von Ulrich Matthes verkörperte jüdische Tuchhändler es ihm zum halben Preis des Werts vermachen muss, um Ausreisevisa für seine Kinder bezahlen zu können.Matthes und Eidinger liefern sich ein Duell. Eidinger spielt den Opportunisten mit glatter Schlüpfrigkeit; Matthes faltet mehr Kanten in die kurze Szene. Er legt in seine Haltung Unterwerfung und in seinen Blick ruhige Resignation, in der ein Funken Würde blitzt. Wer wissen will, wie man trotz Demütigung Haltung bewahrt, um ein Mensch zu bleiben, möge diese Szene studieren. Trotzdem bleibt „Heimsuchung“ unter seinen Möglichkeiten, Erpenbecks kraftvolle Sprache hätte mehr Härte erlaubt. Auch ihre stärksten Überlegungen, wie im Krieg Macht über körperliche Dominanz ausgeübt werden kann (eine Frau erniedrigt einen Soldaten durch Anpinkeln), überträgt Schlöndorff nicht in seinen Film.Mehr Mut beweist der Wettbewerbsbeitrag „Gentle Monster“ der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer, die sich mit Gefahren neuester Technik beschäftigt. Léa Seydoux zieht als erfolgreiche Musikerin mit Mann und Sohn aufs Land. Sie erhofft sich einen Neuanfang. Dann steht Jella Haase als Münchner Kriminalpolizistin mit Durchsuchungsbefehl vor der Tür und beschlagnahm die Festplatten des Ehemanns.Der Vorwurf: Verbreitung von Kinderpornographie. Der Mann leugnet, die Frau glaubt’s anfangs, aber ihre Zweifel mehren sich. Die Polizistin gibt sich abgebrühter, bis auch ihre Fassade bröckelt, denn die Verzweiflung der Mutter lässt sie im Privaten nicht los. Man sieht Haase beim Auftauen und Seydoux beim Zerfallen zu – zwei Felsen unterschiedlicher Härte, die langsam erodieren.
Schlöndorff, Eidinger und Haase bei den Filmfestspielen in Cannes
Lars Eidinger spielt in „Heimsuchung“ einen Opportunisten. Jella Haase geht als Polizistin auf die Jagd nach Kinderschändern. Und ein paar deutsche Filmemacher um Tom Tyker haben Ideen: Neues aus Cannes.













