Filmfestival Cannes: Kein Superstar, nirgendsDieses Jahr ist etwas faul in Cannes: Die grossen Hollywood-Studios machen nicht mit, und Mark Zuckerbergs Meta drängt ins Rampenlicht. Beides hat miteinander zu tun, und es bedeutet nichts Gutes.17.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKein Superstar in Sicht: Hollywood meidet das 79. Filmfestival von Cannes. Aus Angst vor Kritik.Gonzalo Fuentes / ReutersCannes, das bedeutendste Filmfestival der Welt, hat ein Problem. Dieses Jahr fehlen die Schwergewichte aus Hollywood. Weit und breit ist nichts zu sehen von Filmen wie «Top Gun: Maverick» oder «Mission: Impossible», «Furiosa: A Mad Max Saga», «Elvis» oder «Indiana Jones», mit denen Paramount, Warner Bros. und Disney in den Jahren zuvor angereist waren und Megastars wie Tom Cruise und Harrison Ford mit ans Festival gebracht hatten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn solche Hollywood-Saurier über den roten Teppich schreiten, blickt die Weltöffentlichkeit durch die Objektive der Kameraleute aufgeregt auf das Festival. Mehr Publicity geht nicht. Dieses Jahr mussten Schaulustige bei der Eröffnung vorliebnehmen mit Demi Moore, Jane Fonda, Elijah Wood, Joan Collins. Erwartet werden noch John Travolta, Adam Driver und Scarlett Johansson.Zum Trost zeigt Cannes seinen Hollywood-Fans im Strand-Open-Air-Kino eine Mitternachtsvorstellung von «Fast and Furious». Keinen neuen, sondern den ersten Film der Reihe, der 2001 am Festival Premiere feierte. Vin Diesel und Meadow Walker, die Tochter des 2013 tödlich verunfallten Paul Walker, umarmten einander auf dem Teppich. Nicht mit dabei ist Steven Spielberg. Dabei wird sein Science-Fiction-Drama «Disclosure Day» am 10. Juni, kurz nach Ende des Festivals, regulär in den Kinos anlaufen. Wieso also keine Premiere in Cannes? Weil Hollywood nicht will.Die grossen Produktionshäuser haben keine Lust mehr, ihre teuren Filme an Festivals wie Cannes und Venedig den Augen der versammelten Fachpresse auszusetzen. Zu gross sei das Risiko, so die Annahme, dass Kritik viral gehe und das Publikum deshalb lieber nicht ins Kino komme. So ist es 2023 mit dem Film «Indiana Jones and the Dial of Destiny» geschehen, der nach seiner Premiere in Cannes schlechte Kritiken bekam. «Joker: Folie à Deux» mit Joaquin Phoenix und Lady Gaga erlitt 2024 am Filmfestival Venedig dasselbe Schicksal. Was ein Hit werden sollte, geriet zum Flop.Und Flops kann und will man sich im wirtschaftlich gebeutelten Hollywood nicht mehr leisten. Also setzt man auf Kontrolle, schickt die eigenen Marketingteams voraus, damit sie auf Social Media einen Hype herbeiposten, bevor die internationale Fachpresse etwas zu sehen bekommt und etwas Böses in die Tasten hauen könnte.Cannes ist schlecht fürs MarketingAuch schlecht fürs Marketing ist, dass Filmfestivals wieder vermehrt zu politischen Kampfzonen werden. Die Veranstalter rühmen sich zwar stets dafür, Orte der Debatten zu sein, aber wenn Aktivisten und Aktivistinnen mit ihren Aktionen den getakteten Ablauf stören, wenn Journalisten mit Gewissensfragen zu Gaza einen Skandal provozieren, wie es im Februar an der Berlinale geschehen ist, dann droht der Imageschaden. So etwas könnte auf die Filme abfärben. Das gilt es zu vermeiden.Die Frage ist allerdings, ob die Macht der Filmkritik hier nicht absichtlich überbewertet und als Ausrede benützt wird. Ebenso fraglich ist, ob Marketingteams tatsächlich so viel ausrichten können. Denn am Ende entscheidet das Publikum. Wenn ein über Monate als Grossereignis angekündigtes Werk wie «Joker: Folie à Deux» selbst den Fans zu schwach ist, dann wird der Film nicht weiterempfohlen. Aber wenn sich ein Hype wie jener um «Barbie» als gerechtfertigt herausstellt und das Publikum den Film liebt, dann ist der Weg frei für einen Grosserfolg.Meta, der Konzern von Mark Zuckerberg, hat seine Influencer nach Cannes geschickt.Marko Djurica / ReutersWas dieses Jahr in Cannes passiert, reflektiert einerseits die anhaltenden Unsicherheiten im Filmgeschäft und andererseits den tobenden Kampf um Aufmerksamkeit, der auf Social Media ausgetragen wird. Wenn Instagram, Youtube und Tiktok die Orte sind, wo die Menschen sich aufhalten, muss folglich auch dorthin, wer wahrgenommen werden will. Das gilt für Hollywood und seine Marketingteams ebenso wie für Filmfestivals selbst.Da ist es nur konsequent, dass Cannes nun eine mehrjährige Partnerschaft mit Meta abgeschlossen hat. Mark Zuckerbergs Konzern, zu dem Facebook, Instagram und die Twitter-Alternative Threads gehören, schickt nun seine Influencer los. Der «digital creator» Reece Feldman, die Schauspielerin Enora Hope, der «spanische Cinephile» Ivan Hachez und ein paar Modeinfluencer sollen durch die Ray-Ban-Meta-Brille ihre «ganz persönliche Sicht» auf «Momente auf dem Teppich» festhalten, «intime Gespräche mit Künstlern» führen, in Echtzeit von KI übersetzt, und das Eingefangene auf Threads und Instagram in Kurzvideos teilen. Reichweite scheint garantiert.Meta hat sich an der Croisette im Luxushotel Majestic eingerichtet. Wo sonst die Superstars wohnen, kann man sich dieses Jahr Metas neuste KI-Technologie vorführen lassen. Der Konzern ist sogar auf der Leinwand vertreten. Steven Soderbergh nützte für seinen Dokumentarfilm «John Lennon: The Last Interview» Meta-KI. Stellt sich Cannes da etwa als Experimentierfeld für Mark Zuckerberg zur Verfügung? Nicht nur die Filmstudios leben in einem Verdrängungskampf, sondern auch die Tech-Firmen aus dem Silicon Valley. Es geht um die Vormachtstellung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Entsprechend müssen Neuentwicklungen stetig trainiert werden.Zum Trost zeigt Cannes seinen Hollywood-Fans dieses Jahr im Open-Air-Kino den Film «Fast and Furious» – jenen von 2001.Marko Djurica / ReutersVerrat der FestivalsCannes arbeitet mit Meta zusammen und ist damit nicht allein. Die Berlinale pflegt seit 2026 eine Partnerschaft mit Tiktok. Auch für Locarno oder das Zurich Film Festival sind Influencer am Teppich unentbehrlich. Man kann das ironisch finden: Die Festivals, die sich als Oasen der Filmkunst sehen, wo die Präsidenten und künstlerischen Leiter und Gäste pausenlos ihre «Liebe zum Kino», ihre «Liebe zur Filmkunst» beteuern, machen gemeinsame Sache mit denjenigen, die Film auf ein grelles Spektakel reduzieren, auf Fast-Food-Häppchen für Social Media. Aber was soll man tun, die Umstände zwingen dazu.Der spezifische Umstand, dass in Cannes dieses Jahr die grossen Stars fehlen – wie zuvor auch an der Berlinale –, könnte in den Liebhaberinnen und Liebhabern der Filmkunst kurzfristig die Hoffnung wecken, dass die Werke an sich, um die es an Festivals doch eigentlich ginge, wieder mehr Aufmerksamkeit bekämen. Dieses Jahr stellt kein Tom Cruise, für «Top Gun: Maverick» begleitet vom Lärm der französischen Luftwaffe, die kleineren Berühmtheiten in den Schatten, die mehr oder weniger regelmässig nach Cannes eingeladen werden. Solche wie Asghar Farhadi, Nicolas Winding Refn, Hirokazu Koreeda, Volker Schlöndorff oder Pedro Almodóvar.Von Metas «Cannes-Fluencern» ist bis jetzt keine Unterstützung für solche kleineren Berühmtheiten festzustellen. Und es sieht so aus, als ob ihnen auch die Gäste aus Hollywood nicht glamourös genug wären. Bis Redaktionsschluss, in Cannes bereits Tag vier, zeigten diese «Storytellers» auf Instagram kaum Aktivität.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Cannes ohne Hollywood: Warum die grossen Studios und Stars dieses Jahr fehlen
Dieses Jahr ist etwas faul in Cannes: Die grossen Hollywood-Studios machen nicht mit, und Mark Zuckerbergs Meta drängt ins Rampenlicht. Beides hat miteinander zu tun, und es bedeutet nichts Gutes.













