Filmfestspiele Cannes: Hier kann man dem Kino beim Entstehen zusehen – nicht nur, weil «The White Lotus» die Kulisse nutztAn der Croisette drehen sich dieses Jahr viele Produktionen ums Filmemachen. Betreibt die Branche Nabelschau?20.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenImmer gut besucht: das kostenlose Strandkino, bei dem Klassiker gezeigt werden.Marko Djurica / ReutersIn Cannes verschmelzen Leben und Leinwand untrennbar, alles wird Kino. Mit hohem Action-Anteil, für Entspannung ist dies das falsche Festival: Während sich die einen, benebelt von den gerade eingebrannten Bildern, in die Schlange zum nächsten Bildrausch drängeln, wuseln andere wie im Zeitraffer weiter. Zum Termin, Treffen oder Interview, an die Party, hinein in den Saal, hinaus in die lange Nacht. Zum Träumen kommt man hier nur im Kinosessel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Millionen von Videos, die hier auf dem roten Teppich und vor dem Palais, diesem gigantischen Ufo mit seinen unzähligen Gängen, Brücken und Terrassen, gedreht werden, böten Material für eine ganze Reihe von Kinofilmen. Als wäre dies nicht genug, wird Cannes nun selbst zum Schauplatz einer Serie: Die Crew von «The White Lotus» ist zu Gast an der Côte d’Azur für die vierte Staffel der Reichen-Satire. Ein bisschen ergeht es dem Dreh wie dem Yeti, alle sprechen drüber, doch gesehen hat ihn niemand.Einer der zentralen Handlungsorte, das klassisch mondäne Hôtel Martinez an der Croisette, mauert trotz massiver Belagerung neugieriger Presse, die Verantwortlichen von Produktion und Festival schweigen. Tatsächlich werden die Kameras erst in den Tagen nach dem Festival anrücken, anders wäre das logistisch nicht zu stemmen im Trubel. Erst muss der rote Teppich frei sein – und die Gassen der Stadt brauchen wieder mehr Beinfreiheit.Ein spezieller Fotografenblick auf den roten Teppich bei der Premierenzeremonie.Teresa Suarez / EPAEmpörung über Canal PlusDas Festival de Cannes ist kein Ort, an dem lediglich Filme gezeigt – und verkauft – werden; es ist ein Ort, an dem das Medium sich selbst betrachtet, feiert, neu denkt. In diesem Jahrgang war die Selbstbeobachtung besonders allgegenwärtig. Die Tagespolitik bleibt weitgehend Zaungast. Für kleinliche Eklats um Gaza-Positionierungen wie an der Berlinale, breite Anti-Israel-Aufmärsche oder Debatten um russische Beteiligungen wie in Venedig ist hier kein Platz; etwaige Probleme werden vom mächtigen Festivalchef Thierry Frémaux elegant beiseitegewischt.Dafür wogt die Empörung in Frankreich über Canal Plus umso höher. Jedes Mal, wenn das Logo der Produktionsfirma eingeblendet wird, erschallen Buhrufe im Saal. Der Hintergrund: Canal Plus hatte bekanntgegeben, nicht mehr mit den über 600 Unterzeichnern einer Petition gegen seinen Besitzer Vincent Bolloré zusammenarbeiten zu wollen. Das Wirken des rechten Milliardärs und Medienmoguls hatte zuletzt beim Traditionsverlag Grasset eine Massenabwanderung von Autoren ausgelöst.Doch davon abgesehen, dreht sich in Cannes alles um die ureigenen Spannungsverhältnisse. Das Kino befindet sich oft in einer Schleife: Filme handeln vom Filmemachen, Regisseure filmen andere Regisseure, Serien werden über Festivals gedreht, während Festivals ohnehin grundsätzlich seriell funktionieren – war die letzte Ausgabe nicht viel besser? In Cannes kann man dem Kino beim Entstehen zusehen, beim Wachsen und Sichverändern.Manchmal läuft aber auch eine Diashow der Vergangenheit. So wurde John Travolta spontan mit einer Palme d’Or ehrenhalber beglückt, worüber sich der völlig frei von Zynismus scheinende, glänzend aufgelegte Schauspieler freute wie ein Kind zu Weihnachten. Travolta, jugendlich mit Brille und Béret, präsentierte mit «Propeller One Way Night Coach» die von Nostalgie getränkte Adaption seines eigenen Kinderbuchs über die Liebe zur Luftfahrt.Für ihn «wichtiger als ein Oscar»: John Travolta stellte sein Regiedebüt «Propeller One Way Night Coach» vor und erhielt überraschend eine Goldene Ehrenpalme.Scott A Garfitt / APZuvor wurde ein Zusammenschnitt seiner Karrierestationen gezeigt – und das waren eine Menge abseits von «Grease» (1978) und seinem Comeback 1994 mit «Pulp Fiction». Der ganze Saal klatschte bei «You’re the One That I Want» mit, und kaum ein Fan würde sich danach nicht wünschen, Brian De Palmas Thriller «Blow Out» (1981) gleich anschliessend noch einmal sehen zu können. Für die beinharten Pessimisten ruft Cannes gerne zwischendurch in Erinnerung, was die siebte Kunst leisten kann.Einmal mehr die Selbstbespiegelung von Almodóvars Alter Ego: Regisseur Raúl (Leonardo Sbaraglia, rechts) diskutiert mit seinem Freund Santi (Quim Gutiérrez) seinen Ideenkonflikt.PDVon der Schwierigkeit des Schreibens und der Inspiration erzählt der spanische Altmeister Pedro Almodóvar in «Amarga Navidad», der bereits diese Woche auch in den Schweizer Kinos anläuft. Ein Regisseur, der mit einem Drehbuch über eine Filmemacherin mit Migräne und Trauer über die tote Mutter hadert, bis beide Ebenen verschwimmen. «Amarga Navidad» ist ein Film über Ideenlosigkeit, der sein konstruiertes Scheitern immerhin halbwegs charmant verkauft.Der zweifache iranische Oscar-Preisträger Asghar Farhadi lässt Isabelle Huppert in «Histoires parallèles» als chaotische Autorin in ihrer verdreckten Wohnung über ihre Nachbarn schreiben, die sie durch ein Teleskop beobachtet. Diese betreiben ein Tonstudio für Dokumentarfilme, soll ein Vogel fliegen, wird Papier gefächelt. Sound als Manipulation ist in einem verworrenen Film die beste Änderung zur Vorlage: Krzysztof Kieślowskis «Dekalog VI».Autorin mit Hang zu Exzentrik und Chaos: Isabelle Huppert als Sylvie in «Histoires parallèles».PDAuch sonst wimmelt es von Teilnehmern der Filmindustrie in der Fiktion. In «Gentle Monster» von Marie Kreutzer ist der Ehemann, der seine Sammlung von Missbrauchsdarstellungen von Kindern vor seiner Frau verheimlicht, Filmemacher. Und Adèle Exarchopoulos glänzt in «Garance» als junge Schauspielerin, die ihr Talent dem Trinken opfert. Ein kompromissloses Alkoholdrama, das mit einer positiven Note endet.Bei den männlichen Kollegen kann sich Javier Bardem Hoffnungen auf einen Schauspielpreis machen. Er brodelt in «El ser querido» als tyrannischer Regisseur, der seine lange verleugnete Tochter (Vicky Luengo) für sein historisches Drama über die Sahara castet. Am Set explodiert die unterschwellige Gereiztheit mit einer langen, grandiosen Szene um ein Fischessen. «El ser querido» macht deutlich: Die Zeit der genialisch-toxischen Diktatoren in der Kunst ist abgelaufen.Javier Bardem und Vicky Luengo beim strapaziösen Wüstendreh in «El ser querido».PDEin Dogma aus DeutschlandIst das alles nur Nabelschau? Braver Befindlichkeitsbericht einer Branche, die im Krisenfall vornehmlich um sich selbst kreist, statt die Fühler nach den tatsächlich drängenden Fragen der Gegenwart auszustrecken? Nicht zwangsläufig, da in den besseren Fällen das Thema des Filmemachens nur als Vehikel für existenzielle Themen fungiert. Doch eine Unsicherheit und auch eine Distanz zum Zuschauer bleiben spürbar – in einem Jahr, in dem Hollywood in Cannes lediglich eine Nebenrolle spielte.«So viel ist in den letzten zehn Jahren mit dem Kino passiert, es ist, wie wenn man einen fremden Wald betritt, in dem alles etwas vage ist», sagte Regisseur Nicolas Winding Refn in einem Interview. Der Däne kehrte nach einer Dekade wieder ins Kino zurück, im weitesten Sinn ebenfalls mit einem Film über das Filmemachen. «Her Private Hell» ist ein kaum mehr zu entschlüsselnder Albtraum, getränkt in Neonlicht und Gewaltspitzen, eher die private Hölle für das Publikum.Manches allerdings wirkt wie eine leicht hilflose Geste des Widerstands gegen eine unaufhaltsame Entwicklung. Während des Festivals, das vom Technologiekonzern Meta mitfinanziert wird, hat sich mit Dogma 25 Germany wieder einmal eine neue Bewegung gegründet. Das Manifest von İlker Çatak, Tom Tykwer, Nora Fingscheidt, Kurdwin Ayub und Helene Hegemann setzt auf Abstinenz: kein Internet, keine KI, kein teures Equipment. Schneller Dreh, Finanzierung ohne Auflagen. Konzipiert als «Gegenbewegung zur momentanen Entwicklung der Mainstream-Kinowelt», ist ein solches Phänomen keine Seltenheit an der Croisette, wo schnell etwas aufblüht, das irgendwann Anekdote wird.Spalier auf dem roten Teppich: Die Crew des Films «El ser querido» rund um die Hauptdarsteller Javier Bardem, Vicky Luengo und den Regisseur Rodrigo Sorogoyen.Victor Boyko / EPAPassend zum Artikel
Nicht nur wegen "The White Lotus": In Cannes kann man dem Kino beim Entstehen zusehen
An der Croisette drehen sich dieses Jahr viele Produktionen ums Filmemachen. Betreibt die Branche Nabelschau?














