Der andere BlickCornelius WelpDie Timmy-Retter haben ein bedenkliches Spiel betriebenDer Wal hatte unser Mitgefühl verdient. Wunschdenken, Gefühle und Erlösungsglauben dürfen rationale Argumente aber nicht ersetzen.19.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenBuckelwal Timmy, als er noch lebteFlorian Manz / APA / Greenpeace GermanySie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Cornelius Welp, Wirtschaftsredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitierenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Timmy ist tot. Und Till Backhaus, der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, ist traurig. Er hat sich schliesslich wie kein anderer Politiker für den gestrandeten Wal ins Zeug gelegt. Den umstrittenen Rettungsversuch hat er als «verdammte Pflicht und Schuldigkeit» bezeichnet. Auch nach dem schnellen Ende des Wals sieht er das nicht anders.Er halte es für «absolut menschlich, auch die geringste Chance zu nutzen, wenn es um ein Leben geht», meint der SPD-Politiker. Diese Einstellung unterscheide Menschen von «seelenlosen Computern, die Entscheidungen aufgrund von Wahrscheinlichkeitsrechnungen treffen».Das ist eine erstaunliche Aussage. Der Minister betont zwar, dass er keine Wissenschaftskritik betreiben wolle. Und tut doch genau das in bedenklicher Form: Er diskreditiert die Meinung von Fachleuten als kaltherzig und verklärt gleichzeitig Wunschdenken zur moralisch überlegenen Wahrheit. Es ist ein Muster, dem auch besonders hartnäckige Klimawandelleugner und Verschwörungstheoretiker in der Coronazeit gefolgt sind. Es entzieht der rationalen Debatte die Grundlage.Das soll nicht heissen, dass Timmy kein Mitgefühl verdient gehabt hätte. Im Anblick des auf der Sandbank gestrandeten Giganten haben vermutlich nur wenige völlig unberührt die Achseln gezuckt und dabei nüchtern «Darwin» gemurmelt. Timmy war ein Symbol der Ausweglosigkeit. Der leidenden Kreatur. Helfen zu wollen, war da ein natürlicher Impuls.Die Hoffnung auf Rettung war irrationaler IrrglaubeEs war jedoch schon bald klar, dass die Hoffnung auf Rettung sich als irrationaler Irrglaube erweisen würde. Dass der Wal nicht fidel in den Sonnenuntergang schwimmen und dabei auch noch befreit ein Liedchen trällern würde. Dass sich eben nicht alles schaffen lässt, wenn man nur will. Dass sich Mensch und Natur nicht jenseits der Vernunft in kosmischer Harmonie vereinen.«Ich glaube an dieses Tier», hat Backhaus tatsächlich gesagt. Wenn diese rührselige Ebene einmal erreicht ist, haben Argumente keine Chance mehr. An diese erinnert stellvertretend für viele die in Sachen Tierschutz aller Hartherzigkeit unverdächtige Organisation Greenpeace.In ihrer Stellungnahme zum Tod Timmys verweist sie auf Gutachten des Deutschen Meeresmuseums und des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung sowie der Internationalen Walfangkommission (IWC). Die Umweltschützer sprechen zurecht vom Rettungsversuch als von einer «zum Teil absurden Geschichte», an deren Ende sich «ein todkrankes Tier lediglich an einem anderen Ort befand.»Der Wal sollte die Sünden mit in die Freiheit nehmenFür viele aber hatte der Kampf um Timmy wohl auch eine spirituelle Dimension. Der Wal sollte auf seinem Weg in die Freiheit einen Teil der Sünden mit sich nehmen, die die Menschen im Umgang mit der Natur auf sich geladen haben. Finden lassen sich da einige: Wissenschafter schätzen zum Beispiel, dass weltweit jährlich 300 000 Delfine und kleine Wale in Schleppnetzen verenden.Das tun sie auch in der Ostsee, die Forscher längst für ein kollabiertes Ökosystem halten und deren Fischbestand sich seit Jahren auf kritischem Niveau bewegt. Das liegt nicht nur, aber auch an der Überfischung. Die EU wollte diese unter anderem durch ein generelles Verbot von Schleppnetzen in Schutzzonen begrenzen.Neben vielen anderen hat auch der zuständige Minister Till Backhaus diese Pläne in der Vergangenheit mit Verweis auf die in seinem Bundesland noch aktiven Hochseefischer abgelehnt. Ob das deren Existenz langfristig sichert? Ob es das wert ist? Es wäre zu hoffen, dass Backhaus die Wahrscheinlichkeit bei solchen Abwägungen nicht gefühlt, sondern mit dem Computer ausgerechnet hat.3 KommentareMac Jost vor 6 MinutenMan kann es auch etwas nüchterner sehen: Profilierungssucht. Opportunismus. Spendenaquise. Abzocke. Und den Rest haben Politik (Ablenkung) und die Medien besorgt.Jörg Quitt vor 15 MinutenWas wollen Sie in einem Land erwarten, in dem der Verstand in fast allen Lebensbereichen und politischen Entscheidungen, nahezu vollständig durch Gefühle ersetzt wurde?Passend zum Artikel