Die Illusion der Rettung: Timmys Leidensweg bis zum TodDie Rettung des gestrandeten Tieres wurde zum Medienspektakel und zum Streitfall unter Fachleuten. Vor Dänemark fand man nun seinen Kadaver.Armin Arbeiter, Berlin16.05.2026, 18.07 Uhr4 LeseminutenDer Buckelwal Timmy ist tot.APA/Greenpeace GermanyDie Möwen picken am blutigen Wal-Kadaver an der dänischen Küste. Wahrscheinlich versorgen sie mit dem Fleisch ihre Küken – denn gerade ist Brutzeit. Was in der Natur ein gewöhnlicher Vorgang ist, sorgt beim Menschen für helle Aufregung. Noch nie hat ein Wal Deutschland dermassen bewegt wie Buckelwal «Timmy», dessen Kadaver die Möwen nun verwerten: Wochenlang verfolgten Behörden, Tierschützer, Schaulustige und Medien das Schicksal des Tiers, das sich in die Ostsee verirrt hatte. Was zunächst als eine ungewöhnliche Tierbeobachtung begann, wurde rasch zu einem öffentlichen Drama: Aktivisten waren sich sicher, der Wal spräche zu ihnen, Politiker nutzten ihn für ihren Wahlkampf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Timmy strandete mehrfach, wurde von Fachleuten untersucht, von Helfern bewacht, von Drohnen gefilmt und schliesslich in einer aufwendigen privaten Rettungsaktion Richtung Nordsee gebracht. Über kaum ein Wildtier wurde in Deutschland in den vergangenen Wochen so intensiv gestritten. War der Transport eine letzte Chance – oder verlängerte er nur das Leiden eines schwer geschwächten Tieres? Behörden, Meeresbiologen, Tierschützer und private Retter kamen zu unterschiedlichen Einschätzungen.Nun ist klar: Der Versuch endete tödlich. Der vor der dänischen Insel Anholt entdeckte tote Buckelwal ist nach Angaben der dänischen Umweltbehörde Timmy. Damit findet eine wochenlange Odyssee ihr Ende, die weit über Norddeutschland hinaus Aufmerksamkeit erregte. Die Chronik des Leidensweges eines Tieres, das Menschen bewegte – und einer Rettung, deren Sinn bis zuletzt umstritten blieb.Der Leidensweg des Buckelwals «Timmy»3. März: Timmy wird erstmals im Raum Wismar gesichtet. Zu diesem Zeitpunkt ist das Tier in Fischereigerät verfangen. Ein Grossteil der Leinen- und Netzteile können von Einsatzkräften von Sea Shepherd und des Deutschen Meeresmuseums entfernt werden. In den folgenden Wochen wird der Buckelwal wiederholt in küstennahen Bereichen der westlichen Ostsee beobachtet.22./23. März: In der Nacht strandet das Tier im Flachwasserbereich vor Niendorf bei Timmendorfer Strand. Eine Sandbank schneidet das Tier vom offenen Wasser ab. Helfer öffnen Timmy mit Gerätschaften einen Weg. In der Nacht auf den 27. März schwimmt er sich selbständig frei.28. März: Der Wal strandet erneut, diesmal in einem Flachwasserbereich der Wismarer Bucht. Weil steigender Wasserstand eine Selbstbefreiung möglich erscheinen lassen, wird zunächst nicht aktiv eingegriffen. In der Nacht kommt das Tier frei, liegt am nächsten Morgen aber wieder im flachen Wasser.30. März: Das Tier schwimmt am Abend erneut aus eigener Kraft los.31. März: Der Buckelwal wird wieder vor Wismar gesichtet. Wenig später schwimmt er in die Kirchsee vor der Insel Poel. Gegen Mittag meldet Greenpeace, dass er erneut gestrandet sei. Um das Tier wird ein Sperrbezirk von 500 Metern eingerichtet, zudem ein Drohnenüberflugverbot verhängt. In den folgenden Tagen bewegt sich das Tier kaum. Nach Beobachtungen von Fachleuten macht es einen sehr schwachen Eindruck.7. April: Fachleute untersuchen Timmys Gesundheitszustand. Das am 11. April veröffentlichte Gutachten kommt zu einer pessimistischen Einschätzung. Eine wiederholte Strandung weise bei Walen in der Regel auf ein schweres Gesundheitsproblem hin. Eine Lebendbergung sei wegen geringer Erfolgsaussichten und hoher Verletzungsgefahr nicht zu empfehlen. Der Wal solle möglichst nicht gestört und palliativ begleitet werden, etwa durch Ruhe und Befeuchtung der Haut. Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern veröffentlicht das Gutachten und verweist auf die wissenschaftliche Beratung. Trotz dieser Einschätzung beginnt Mitte April ein neuer Rettungsversuch durch eine private Initiative. Finanziert wird die Aktion nach Medienberichten von der Unternehmerin Karin Walter-Mommert und dem Media-Markt-Mitgründer Walter Gunz.16. April: Mobile Kräne, Schwimmpontons und weiteres Gerät treffen am Hafen von Kirchdorf ein. Helfer legen Tücher auf die Haut des Wals. Am 17. April reagiert das Tier bei einer Annäherung heftig mit Bewegungen von Schwanz- und Brustflossen.20. April: Timmy schwimmt bei höherem Wasserstand kurzzeitig los, kommt aber wieder in der Bucht zum Stillstand.28. April: Der Buckelwal wird in einen mit Wasser gefüllten Lastkahn, eine sogenannte Barge, gebracht. Mit dieser Konstruktion wird das Tier aus der flachen Ostsee in Richtung Nordsee transportiert. Der mehrtägige Schleppverband fährt um Dänemark herum in Richtung Skagerrak. Die Aktion bleibt umstritten: Befürworter sehen darin eine letzte Chance für das Tier, Kritiker verweisen auf seinen schlechten Zustand, die lange Liegezeit und die Belastungen des Transports. Sie sollen Recht behalten.2. Mai: Die private Initiative meldet, der Wal habe den Lastkahn am Morgen verlassen. Nach Angaben von Beteiligten schwimmt das Tier zunächst eigenständig. Auf Drohnenaufnahmen ist zeitweise ein Wal im Wasser zu sehen; gesicherte Angaben zu Zustand, Schwimmrichtung und genauer Situation gibt es zunächst nicht.Nach der Freilassung sollte ein GPS-Tracker Auskunft über Timmys weiteren Weg geben. Nach Angaben der privaten Rettungsinitiative war das Gerät kurz vor oder während der Aussetzung an dem Wal angebracht worden. Belastbare, öffentlich nachvollziehbare Positionsdaten lagen danach jedoch nicht vor; zeitweise hiess es, der Sender liefere keine verwertbaren Signale.15. Mai Vor der dänischen Insel Anholt wird ein toter Buckelwal gefunden. Zunächst meldet die zuständige dänische Behörde, am Tier sei kein GPS-Sender entdeckt worden.16. Mai Der Tracker wird nach Berichten von einer Tierärztin und zwei dänischen Tauchern am Kadaver geborgen. Die Seriennummer des Geräts stimmt mit jener des an Timmy angebrachten Trackers überein. Es ist klar: Timmy ist tot.Was passiert nun mit dem toten Timmy?Anders als viele Deutsche betrachten die Dänen Walstrandungen als natürlichen Lauf der Natur, in den der Mensch nicht eingreifen sollte. «Er behindert niemanden und nichts da draussen, also muss eine Verlegung auf Kosten der Deutschen erfolgen», sagte Morten Abildstrøm, Leiter der dänischen Naturschutzbehörde.Somit werden sich die Möwen wohl weiter an Timmys Kadaver laben – und damit ihre Küken grossziehen.Passend zum Artikel