PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftBuckelwal in der OstseeTotgesagte leben längerVeröffentlicht am 19.04.2026Lesedauer: 5 MinutenDer Buckelwal vor der Insel Poel. Der Rücken ist mit Tüchern abgedecktQuelle: Stefan Sauer/dpaEin Land flippt aus: Ein Buckelwal soll um jeden Preis gerettet werden. Warum eigentlich? Vor Poel liegt das geschwächte Tier seit Wochen fest, Rettungsversuche scheitern, Experten warnen. Ob das Drama nun doch ein gutes Ende findet?Er wollte sich einfach nicht retten lassen. Als sich am Freitagvormittag zwei Taucher dem vor der Ostsee-Insel Poel gestrandeten Buckelwal nähern, schlug das Tier heftig mit seiner Fluke, der Schwanzflosse, und dreht sich um etwa 90 Grad. Da war nichts zu machen, die Helfer zogen sich wieder zurück. Nach wenigen Minuten beruhigte sich der Meeressäuger wieder und lag erneut still im Wasser, wie in den vergangenen Tagen und Wochen. Ab und an stieß er eine Atemwolke aus seinem Blasloch, viel mehr tat sich nicht.Das Schicksal des tonnenschweren Wasserbewohners beschäftigt seit Anfang März ganz Deutschland. Der Boulevard gab ihm einen Namen, „Timmy“, weil er zuerst am Timmendorfer Strand zu sehen war. Ihm folgen Journalisten auf Schritt und Tritt und alle möglichen tatsächlichen und angeblichen Experten deuten jede seiner Bewegungen. In Live-Tickern und Web-Cams informieren „Bild“-Reporter die ganze Welt unter der Überschrift „Der Krimi um Timmy“ über jedes Zucken („Er taucht aus dem Nebel auf“). Der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), gibt vor den Kameras tägliche Bulletins zum Gesundheitszustand des Tieres aus („ein schwer kranker Patient“), und eigentlich hieß es schon, dass „Timmy“ dem Tode geweiht sei.Denn strandet ein solcher Koloss wie in seinem Fall mehrere Male hintereinander, gibt es in der Regel kaum eine Chance, ihn wieder zurück aufs Meer zu locken. Die Internationale Walfangkommission (IWC) wies in einem Schreiben an das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns darauf hin, dass bislang kein vergleichbarer dokumentierter Vorgang bekannt sei, bei dem ein Wal innerhalb weniger Tage mehrfach strandete und dabei überlebte. Offiziell waren alle Rettungs- und Hilfsversuche für den nahezu bewegungslos daliegenden Wal vor zwei Wochen als sinnlos und potenziell tierquälend beendet worden. Ein wissenschaftliches Gutachten bestätigte dies vor einer Woche.Lesen Sie auchDas Ende kommt in diesen Fällen schleichend; der aufgelaufene Wal erstickt an sich selbst, weil der Körper auf die Organe drückt und irgendwann die Atmung versagt. Die Alternative wäre eine kontrollierte Sprengung des Tieres, wie sie australische Wal-Retter vorschlugen. Dabei brächten Taucher Sprengsätze am Kopf an, die sein Leben bei der Detonation schmerzfrei in Sekundenschnelle beenden würden. Doch die Aussicht auf ein küstennahes Wal-Frikassee wollte sich dann niemand antun.Stattdessen also: Rettung um jeden Preis. Und wie es sich für ein Drama gehört, meldeten sich nun zwei weiße Ritter, die „Timmy“ mit einem gewagten Plan wieder in die Freiheit schleppen wollen. Der Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz und die Unternehmerin Karin Walter-Mommert, eigentlich dem Pferderennsport verhaftet, wollen mit einer selbst finanzierten Rettungsinitiative das Tier mit Luftkissen und Schwimmpontons anheben und bis in die Nordsee oder den Atlantik schleppen. Backhaus meint, dass das eine gute Idee ist: „Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass es diese Chance gibt, dass dieses Projekt erfolgreich sein wird“, sagte er am Donnerstag. „Diese Chance wollen wir nutzen.“Warum das Schicksal des Wales teils hysterische Züge annimmt, bleibt unklar. Backhaus erhielt Morddrohungen, weil er den Wal zunächst sterben lassen wollte; Demonstranten durchbrachen eine Absperrung, um zu „Timmy“ zu kommen, ein Influencer, der sich als Wal-Sachverständiger präsentierte, gab Tipps, die sich im Nachhinein als haltlos entpuppten. Fast hat es den Anschein, als würde das Land eine eigene „Artemis“-Mission starten – statt um den Mond zu fliegen, retten die Deutschen ein Tier.Dass jeden einzelnen Tag 150.000 Schweine und 10.000 Rinder in deutschen Schlachthäusern sterben und zu Steaks, Wurst und Leder verarbeitet werden, scheint dabei niemanden zu stören – immerhin handelt es sich bei ihnen auch um Säugetiere. Doch von den vierbeinigen Fleischlieferanten geht weniger Glamour aus als vom mächtigen Meeressäuger, einst Wappentier von „Greenpeace“, der seit Jahrtausenden durch die Ozeane kreist und als „Moby Dick“ in die Annalen der Literaturgeschichte einging.Mensch und Wal verband dabei lange kein so kitschig anmutendes Verhältnis, wie es sich jetzt an der Ostseeküste besichtigen lässt. Die ersten Waljäger machten vor 7000 Jahren den Meeresbewohnern den Garaus, belegen archäologische Funde. Vom 17. Jahrhundert an fuhren Fangflotten hinaus, um Wale zu jagen und zu töten. Die Menschen aßen das Fleisch und nutzten den Tran für Seifen, Suppen und Lampenöl. Um 1840 waren weltweit etwa 900 Fangschiffe unterwegs, die in guten Jahren bis zu 10.000 Exemplare erlegten. Strandete ein Wal vor der Küste, fuhren die Bewohner hin, töteten ihn und weideten seinen Körper aus. Den Kadaver überließen sie Fischen und Vögeln.Die Mystifizierung begann mit Hermann Melvilles erwähntem Roman von 1851, in dem der Dichter seinen Kapitän Ahab den Wal jagen lässt, der ihm einst ein Bein abriss. Den haltlosen, ins Irre gleitenden Zorn des Kapitäns fasste der Autor in einem berühmten Zitat so zusammen: „Wäre sein Leib eine Kanone, er hätte sein Herz auf ihn geschossen.“Lesen Sie auchAnfang des 20. Jahrhunderts bliesen die Länder die Jagd auf die Wale allmählich ab, da die Bestände zu stark zusammenschmolzen. Seit 1986 gilt ein weltweites Moratorium, das den Fang nur noch indigenen Völkern und der Forschung gestattet. Die Vermenschlichung des Wales vollendete sich dann mit zahlreichen Greenpeace-Aktionen, sowie Filmen wie „Free Willy“ und TV-Serien wie „Flipper“, die den Zuschauern suggerierten, einen im Wasser lebenden entfernten Verwandten vor sich zu haben. Statt wie früher mit Harpunen auf ihn zu schießen, überschütten ihn die Menschen nun mit Liebe.Die für Freitag geplanten Rettungsmaßnahmen verzögerten sich. Am Sonntag waren Helfer immer noch mit den Vorbereitungen beschäftigt. Die privaten Investoren beklagten derweil eine Verzögerungstaktik der Behörden. Ihnen würden „ständig neue Steine in den Weg gelegt“, sagte Karin Walter-Mommert der Nachrichtenagentur AFP. Ob der gestrandete Wal einen Transport ins offene Meer überlebt, ist indes unklar. „Die Chancen, dass er in der Nordsee landet und dort frei schwimmt, sind gering“, sagte ein Sprecher der Umweltschutzorganisation Greenpeace der Nachrichtenagentur dpa. Er geht davon aus, dass der Wal dort ertrinken wird, weil er so geschwächt ist.Die selbst ernannten Retter aber bewahren sich ihren Optimismus. Eine Sprecherin den von Walter Gunz eingesetzten Helfer-Teams sagte am Freitagmittag: „Der Wal hat sich heute schon wunderbar bewegt. Wir haben viel Energie gespürt.“ Am frühen Montagmorgen stieg das Wasser, welches durch einen Sturm über der Ostsee in die Bucht gedrückt wurde. Um 7.05 Uhr schwamm der Wal los …
Buckelwal-Drama: "Timmy" kämpft um sein Leben – Rettungsaktion mit Luftkissen geplant - WELT
Ein Land flippt aus: Der Wal „Timmy“ soll um jeden Preis gerettet werden. Warum eigentlich?






