Es ist jetzt fast acht Wochen her. Am 23. März berichteten wir im Newsroom des Tagesspiegels das erste Mal über den Buckelwal, von vielen mittlerweile „Timmy“ oder „Hope“ genannt. Die Deutsche Presse-Agentur titelte damals „Großwal an der Ostseeküste gestrandet“ – und wir beschlossen, dass wir die Nachricht ebenfalls vermelden wollten. Dass ich seit diesem Tag fast acht Wochen lang nahezu täglich das Schicksal „Timmys“ nachrichtlich verfolgen und später intern vom Tagesspiegel-Kollegium als „die Wal-Frau“ oder „unsere Buckelwal-Expertin“ tituliert werden würde, hatte ich auch nicht auf meiner Bingo-Karte für 2026.In knapp acht Wochen kann viel passieren: Laut KI-Chatbot kann man in dieser Zeit eine Programmiersprache wie Python lernen und selbst bereits erste Skripte schreiben. Innerhalb dieser Zeitspanne können ganze internationale politische Konflikte wie der Falklandkrieg von 1982 zwischen Argentinien und Großbritannien gestartet und wieder beendet werden. Oder aber man verfolgt acht Wochen lang das Schicksal und den Überlebenskampf eines Meeressäugers. Buckelwal-Wahn: Erst bei der Leserschaft, dann auch im Newsroom Die Odyssee von Buckelwal „Timmy“ beschäftigte mich zunächst, weil es halb Deutschland zu beschäftigen schien. Weil wir dem Interesse begegnen wollten, richteten wir bald einen Newsblog zu den neuesten Entwicklungen rund um den Wal ein. In seinen Hochphasen gehörte der Blog zu den meistgelesenen Texten der gesamten Tagesspiegel-Webseite. Alleine vom 1. bis zum 2. Mai verzeichnete unser Wal-Newsticker knapp 3,5 Millionen Seitenaufrufe. Das war der Zeitpunkt, als der mithilfe eines Lastkahns von der Ostsee bis in die Nordsee transportierte Wal schließlich vor der dänischen Nordspitze bei Skagen – unter noch nicht geklärten Umständen – freigelassen wurde. Auch im Newsroom, dem Herzstück unserer Redaktion, nahm das alltägliche Whale-Watching mitunter absurde Ausmaße an. Tauchten anfänglich hinter meinem Kopf noch zunächst ein bis zwei Köpfe aus dem Kollegium mit der Frage „Na? Wie geht es dem Wal heute?“ auf, war es zu Hochzeiten mehr als die halbe Newsroom-Besetzung. An einem Tag flackerte Kanzler Merz gerade mit einer Bundestagsrede über einen der zahlreichen TV-Bildschirme, als aus dem Newsroom-Seitenflügel jemand brüllte: „Timmy ist falsch abgebogen und wurde in Meck-Pomm gesichtet!“ Aufregung pur. Nur wenig später erörterten wir, welche Filmstars bei einer potenziellen Verfilmung des Wal-Dramas à la Roland Emmerich besetzt werden sollten: Wer spielt den leidenschaftlichen Umweltminister Till Backhaus? Und noch viel wichtiger: Können wir Elyas M’Barek irgendwie einsetzen? Anfang Mai schließlich, an einem „Pasta-Tag“ in der Tagesspiegel-Kantine, diskutierten wir in der Mittagspause, welches Bild von der Menschheit wohl Außerirdische hätten, wenn sie uns und unsere „Timmy“-Exzesse jetzt gerade studieren würden.Bei all dem darf man nicht vergessen, dass „Timmys“ Geschichte kein Spaß war, sondern für das Tier bitterer Ernst. Genauso ernsthaft beleuchtete der Tagesspiegel die Causa Buckelwal von diversen Ressorts und Blickwinkeln aus: Wir schrieben über die mitunter absurden Auswüchse von „Timmys“ Odyssee aus gesellschaftskritischer Sicht, führten ein Interview mit Umweltminister Till Backhaus und diskutierten von psychologischer Warte aus die menschliche Hybris. Wir beleuchteten wissenschaftliche Aspekte wie etwa Buckelwal-Irrwege oder den Mehrwert eines Wal-Kadavers für das umliegende Meeresökosystem. Das Gesellschaftsressort befasste sich unterdessen mit den Fragen, ob man einen Wal auch „zu Tode retten“ kann und welche Rolle rechte Aktivisten innerhalb der privaten Rettungsinitiative spielten. Das alles kannst du echt keinem erzählen, dachte ich zuerst. Kann man offenbar doch.Miriam RathjeSchon bald stieg die internationale Presse ein und berichtete, dass diese seltsamen Deutschen nebenan von der Geschichte eines Buckelwals „in den Bann gezogen“ werden und sich sogar schon Abbilder von dem Tier tätowieren lassen. Der Wal-Abgesang – Zeit, um „Timmy“ loszulassen In den morgendlichen Redaktionskonferenzen diskutierten wir regelmäßig, wie man dem riesigen Interesse noch begegnen könnte und ob es nicht bald mal genug sein und man den Wal endlich gehen lassen sollte. Wenn ich morgens als Erstes die „Timmy“-Newslage sichtete, sagte mein sehr geschätzter Kollege Tobias Mayer mir fast täglich: „Lass los, Miri!“ Aber ich konnte nicht. Ich war längst noch nicht bereit dazu – und unsere Leserschaft offenbar auch nicht. Steigende Google-Suchanfragen lügen nicht. Am 1. April lag der Buckelwal vor der Insel Poel im seichten Gewässer der Ostsee auf Grund. © dpa/FLORIAN MANZ Eines Tages wurde ich von der Chefredaktion gefragt, ob ich einen Nachruf oder alternativ eine Art Abgesang auf „Timmy“ schreiben könnte. Nur für den Fall, dass der Wal freigelassen wird – oder die schlimmste aller Befürchtungen eintrifft und das Tier verendet sein sollte. Und ich dachte bei mir: „Ein Nachruf auf einen Buckelwal? Kannst du echt keinem erzählen.“ Kann man offenbar doch. Denn ich schrieb einen „Farewell Timmy“-Text – weil dieses Tier und seine Reise nicht nur mich beschäftigten, sondern offenbar auch Sie da draußen. Sonst würden Sie jetzt wahrscheinlich auch nicht diese Zeilen lesen. Wann ist man emotional zu involviert? Während ich den Buckelwal nachrichtlich verfolgte und fast täglich darüber berichtete, vertiefte sich ganz automatisch mein Wissen über Buckelwale. Ich recherchierte zu Finnen und Fluken, zu Hautbeschaffenheiten und Skeletten, deren Gesängen, Atemluftfrequenzen, Blas-Gewohnheiten, zu deren Verhalten bei Strandungen und deren Ableben und schließlich Absinken in Form eines „Walsturzes“.Ich lernte wahnsinnig viel über Geisternetze, über Doppel-Moral aus Tierschutz-Sicht, über Vermenschlichungen eines Tieres, behördliche Zuständigkeiten und „Duldungen“ von Privatinitiativen, über Verdachtsberichterstattung gegenüber Reedereien – und schließlich über mich selbst. „Timmys“ letztes Lebenszeichen? Am 2. Mai 2026 stößt ein Buckelwal vor Skagen in Dänemark Atemluft aus. © dpa/Sebastian Peters Berichtet man fast acht Wochen lang nahezu ununterbrochen über das Schicksal und den Überlebenskampf eines Meeressäugers, dann ist man irgendwann fast automatisch emotional involviert. Die Presse soll stets objektiv berichten – und das kann auch funktionieren, wenn man sich die Pflicht zur Objektivität immer wieder und unermüdlich ins Gedächtnis ruft. Aber der Kampf um Neutralität und vor allem Distanz ist ein schwieriger und muss immer wieder neu ausgefochten werden. Denn um ehrlich zu sein, habe ich „Timmy“ sein glückliches Ende in der offenen See wirklich mehr als gewünscht – doch offenbar vergebens. Am 16. Mai stellte sich heraus, dass es sich bei dem vor der dänischen Küste verendeten Wal um „Timmy“ handelte. Ist ein solch trauriges Ende tatsächlich besser, als eine nicht enden wollende Ungewissheit? Was hat das alles mit uns gemacht? Und ziehen wir aus „Timmys“ Schicksal ganz persönlich oder auch gesellschaftlich Konsequenzen? Diese Fragen muss nun jeder für sich selbst beantworten. Fest steht, dass wir nun wohl endgültig Abschied nehmen müssen – auch ich. Lass los, Miri!