Ein geschwächter Buckelwal, ein engagierter Minister, übergangene Experten und eine private Rettungsinitiative mit zum Teil fragwürdiger Besetzung: Der Fall „Timmy“ bot ein Spektakel. Doch was bleibt?Viele Wochen fieberten etliche Menschen mit dem Schicksal des mehrfach an Ostseeküsten gestrandeten Buckelwals mit. Doch das vermeintliche Rettungsmärchen endete – zumindest vorerst – mit Ungewissheit und hässlichen Anschuldigungen. Bilder von der Freisetzung des schwer geschwächten Walbullen gibt es nicht. Ob er noch lebt, in welchem Zustand und wo – alles völlig unklar. Und das womöglich für immer, sollte das oft „Timmy“ oder „Hope“ genannte Tier nicht noch einmal stranden oder doch noch die bislang fehlenden GPS-Ortsdaten auftauchen. Mitte April gab Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus überraschend bekannt: Der Versuch einer privaten Initiative für einen Transport in die Nordsee werde geduldet. Finanziert wurde das Vorhaben von der aus dem Pferdesport bekannten Unternehmerin Karin Walter-Mommert und dem Mediamarkt-Gründer Walter Gunz.Fachleute von Institutionen wie dem Deutschen Meeresmuseum waren nicht beteiligt, dafür unter anderem ein peruanischer Schriftsteller, Kleintierärztinnen ohne Erfahrung mit Walen und mehrere AfD‑Sympathisanten. Auch der Initiator der Rettungsaktion, Jens Schulz, soll der AfD nahestehen. Es gab viel Fluktuation, immer wieder gingen sich Teammitglieder öffentlich gegenseitig an, zuletzt wurden beteiligten Schiffsunternehmen schwere Vorwürfe gemacht.Lesen Sie auchSolange der Wal noch vor der Insel Poel lag, ließ sich über Bilder nachvollziehen, wie am Wal gewerkelt wurde. Backhauses Engagement endete mit der Abfahrt des Transports. Dann zeigten nur noch Drohnenaufnahmen des Livestream-Anbieters News5 den Stand beim Wal. Von der Freisetzung des Tiers am 2. Mai wurden dann gar keine Bilder mehr veröffentlicht. Bereederungsgesellschaft: „Der Wal ist dann abgetaucht“Am Samstag meldete sich noch die Bereederungsgesellschaft via Anwälten zu Wort. In einer Mitteilung gab die Hamburger Anwaltskanzlei Cronemeyer Haisch an, sich im Auftrag der JEB Bereederungsgesellschaft und der Crew zu äußern. Darin heißt es, der Wal sei durch erhöhten Seegang gegen die Längsschotten der Barge gestoßen, in der er transportiert wurde. Er habe „sich Kratzer zugezogen“.Lesen Sie auchDie Freilassung sei bereits am Freitag, dem 1. Mai, eingeleitet worden, „auf Anweisung der Privatinitiative“, wie es heißt. Das Absperrnetz sei entfernt worden, wodurch die Barge offen gewesen sei. Zur Unterstützung des Wals sei ihm mit Schläuchen eine Schlinge umgelegt worden, „in Umsetzung der Vorgaben durch die Privatinitiative“, wie es heißt. Mittels der Schläuche sollte der Wal stabilisiert werden, damit er auf diese Weise freikommt. Die Freisetzung sei allerdings nicht gelungen und der Versuch bei Einbruch der Dunkelheit abgebrochen worden.Am Folgetag sei der zweite Versuch erfolgt. Jeffrey Foster vom Whale Sanctuary Project in den USA habe diesen begleitet. Laut jüngster Kanzlei-Mitteilung ließ der erhöhte Seegang einen sicheren Personentransfer von weiteren Mitgliedern der Privatinitiative aufgrund des damit verbundenen Risikos nicht zu.Lesen Sie auchErneut sei mittels Schläuchen eine Verbindung zum Wal hergestellt worden. Er sei freigekommen. „In diesem Moment wurden die Schläuche sofort gelöst.“ Die „Robin Hood“ verdriftete demnach seitwärts. Der Wal habe frei weiterschwimmen können. „Er hat nochmals geatmet, ist sodann halbtauchend an den Schiffen vorbeigeschwommen und dann abgetaucht.“ Die Bereederungsgesellschaft und die Crew hätten alles dafür getan, dass der Wal möglichst unbeschadet und so schnell wie möglich in Freiheit gelangt. Angaben zum genauen Ablauf der Freisetzung lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Der Wal-Minister Mittendrin im Wal-Spektakel stand ein SPD-Politiker, der die Wal-Rettung offenbar kurzzeitig zur Priorität seines Minister-Daseins erklärte. Mehrfach lief Backhaus selbst zum Wal, fasste das geschwächte Wildtier sogar an. Einen Termin zum Schutz von Schweinswalen in der Ostsee schwänzte er hingegen einem „Spiegel“-Bericht zufolge. Er werde den Wal bis zum Ende begleiten, betonte Backhaus mehrfach und zitierte und verteidigte die Eindrücke beteiligter Kleintierärztinnen. Am Ende zeigte sich allerdings auch er unzufrieden mit der Initiative: Vereinbarte Daten und Angaben seien bisher nicht geliefert worden. Auch ein abgesprochenes Videosystem auf dem Lastkahn mit dem Wal habe gefehlt. Lesen Sie auchBackhaus’ Beziehung zum Wal möge Ausdruck persönlicher Tierliebe sein, sagte der Politikwissenschaftler Arthur Benz, ehemals an der Technischen Universität Darmstadt. „Sie ist aber kein gutes Argument für irgendeine Entscheidung in seiner Funktion als Minister.“ Backhaus habe versucht, aus einer schlechten Situation das zu machen, was er für das politisch Beste hielt, glaubt der Politikwissenschaftler Kai Arzheimer von der Universität Mainz. Der Kommunikationsforscher Sven Engesser von der TU Dresden sieht taktische Überlegungen angesichts der bevorstehenden Landtagswahl als einen Grund an. Eine spektakuläre Tierrettung erzeuge starke Bilder, die Fürsorge, Verantwortungsbereitschaft, Heimatverbundenheit und staatliche Handlungsfähigkeit signalisierten. Die missachteten Experten Als der rund zwölf Meter lange Buckelwal vor der Ostsee-Insel Poel zum mindestens vierten Mal in einer Flachwasserzone liegenblieb, wurde nach einem Gutachten dazu geraten, das geschwächte Tier in Ruhe zu lassen und keine weiteren Bergungs- oder Motivierungsversuche zu unternehmen. In den wiederholten Strandungen sahen die Experten übereinstimmend einen Hinweis darauf, dass es dem Tier nicht gut ging. Der Buckelwal war Anfang März erstmals in der Ostsee gesehen worden. In den etwa 60 Tagen bis zu seinem Transport lag er zu rund zwei Dritteln der Zeit in Flachwasserzonen. Es gehe nicht um Zweifel an der technischen Machbarkeit, betonte das Deutsche Meeresmuseum. Bei der Bewertung gehe es um das Wohl des Tiers und die Vermeidung jeglichen weiteren Leidens. Die Tier-FansViele Menschen verfolgten die Wal-Saga aufmerksam und litten merklich mit. Allerdings wurde der schwerkranke Wal von vielen offensichtlich nicht als scheues Wildtier wahrgenommen, das sehr viel Angst und Stress empfinden kann. Geldgeber Gunz meinte gar, der Wal erinnere ihn an einen Hund, generell ein Haustier. „Für mich ist das Schönste, dass der Wal sich hat streicheln lassen und die Flosse gehoben hat und ein liebes und soziales Wesen ist.“ „So ruhig und friedlich ist er“ dürfte in verschiedenen Abwandlungen die meistgepostete Bemerkung zum Zustand des Walbullen gewesen sein. „Pudelwohl“ fühle der Wal sich in der Barge, verlautbarte auch Backhaus, nachdem das geschwächte Tier erfolgreich in das Stahlbecken getrieben war. Experten warnten vor einem gefährlichen Trugschluss: Tatsächlich wurde der geschwächte Wal vermutlich deshalb immer ruhiger, weil er schlichtweg nicht mehr konnte. Das beobachtete Verhalten des Buckelwals sei insgesamt stark passiv gewesen, hieß es vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. „Im Vergleich dazu zeigen gesunde Bartenwale, insbesondere Buckelwale, ein deutlich aktiveres Bewegungs- und Verhaltensrepertoire, einschließlich dynamischer Schwimm- und Sprungbewegungen.“ Die Menschen voller Hass Angetrieben von populistischen Stimmungsmachern gab es auf Facebook, X, Instagram oder TikTok rund um den Wal viel Druck und Hetze. Experten, Walschützer, das Ministerium, am Ende auch die Schiffsleute: Alle bekamen schlimme Hass- und Drohmails, mitunter sogar Todesdrohungen. Die Emotionalisierung von Politik sei kein neues Phänomen, sagte Arzheimer. „Die unsachlichen, persönlichen und bedrohlichen Attacken auf Expertinnen und Experten erinnern an die Pandemie.“ Vehemenz und Bedrohlichkeit von Diskussionen verschärften sich generell, sagte auch Engesser. Politiker sollten nicht dem Irrtum erliegen, dass die lautstark geäußerten Meinungen repräsentativ für die Bevölkerung seien. „Wir wissen aus der Forschung, dass sich vorwiegend eine radikale und stark emotionalisierte Minderheit an den öffentlichen Debatten beteiligt“, so Engesser. „Sehr viele Menschen haben sich jedoch vermutlich ein weitgehend sachliches Urteil über den Wal gebildet.“ Die rechte Ecke Ausgerechnet die AfD und Naturschutz? Die Partei lehnt Klimaschutzmaßnahmen ab, hält an fossilen Brennstoffen fest, will Düngereinschränkungen lockern und auch Einschränkungen der Fischerei abschaffen. Wie passt das zusammen? „Hervorragend“, sagt Kai Arzheimer. Das Wal-Schicksal werde genutzt, um vom notwendigen, aber eher technischen Umweltschutz abzulenken. Die Tatsache, dass jährlich tausende Wale und Delfine in Fischernetzen verenden, werde ausgeblendet. „Stattdessen haben Rechtspopulisten hier einmal mehr die Möglichkeit, sich als Vertreter des Volksempfindens gegenüber den unfähigen, korrupten und nun auch noch grausamen Eliten zu inszenieren.“ Parteien neigten generell dazu, emotionale Themen aufzugreifen und zu instrumentalisieren, sagte der Medienforscher Philip Baugut von der Macromedia University of Applied Sciences. Die Selbstdarsteller Mit einem Selfiestick lässt sich ein Wal zwar schwerlich retten, zum Accessoire von Menschen direkt am leidenden Tier zählte er dennoch. Der Influencer Robert Marc Lehmann hatte einen dabei, als er vor Timmendorfer Strand zum Walbullen schritt. Auch in den Wochen danach war er immer wieder bei Leuten zu sehen, die sich dem Wal näherten.
Schwierige Bilanz: Experten warnten, Fans hofften, Politiker handelten – und der Buckelwal verschwand - WELT
Ein geschwächter Buckelwal, ein engagierter Minister, übergangene Experten und eine private Rettungsinitiative mit zum Teil fragwürdiger Besetzung: Der Fall „Timmy“ bot ein Spektakel. Doch was bleibt?






