Die Tage des TräumensUnser Kolumnist Nelio Biedermann taucht in die Celebrity-Welt der Literatur-Festivals. Sie ist fast schon zu schön ist, um wahr zu sein.Nelio Biedermann12.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenNelio Biedermann, 22, feiert mit seinem Roman «Lázár» weltweiten Erfolg und studiert in Zürich Germanistik und Filmwissenschaft.Ruben HollingerIch betrete den Frühstückssaal, lege mir zwei Brötchen, etwas Käse und rohes Gemüse auf den Teller und setze mich an den hintersten Tisch. Neben mir trinkt Siri Hustvedt ihren Kaffee, gegenüber von mir sitzen Kiran Desai und Georgi Gospodinov.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Georgi erzählt gerade, wie er vor Jahren Paul Auster kennengelernt habe. Es sei wie in einem von Austers Romanen gewesen. Sie hätten sich in Brooklyn gekreuzt, nachdem Georgi ihm Jahre zuvor in einem Brief geschrieben habe, wie sehr er ihn bewundere. Auster erkannte ihn nicht, und Georgi wusste nicht, wie er ihn ansprechen sollte. Ohne etwas zu sagen, ging er an ihm vorbei. Da begann plötzlich ein Kind zu schreien, es war vom Fahrrad gefallen, und sowohl Auster als auch Georgi eilten herbei, um ihm aufzuhelfen.Nach dem Frühstück teile ich mit David Szalay den Shuttle, der die Autorinnen und Autoren vom Hotel zum Louisiana Museum bringt. Wir unterhalten uns über Kopenhagen, das sich nach einer Woche in Marseille wie eine Simulation anfühlt. Eine saubere, unaufgeregte, gedämpfte Welt, in der es kaum Autos gibt und der Fahrradverkehr so geschmeidig durch die leisen Strassen gleitet, dass man meinen könnte, er befinde sich auf Schienen.Der Backstage-Bereich des Festivals ist ein ehemaliges Bootshaus mit gläserner Front, hinter der das flache, graue, wunderschöne Meer beginnt. Das Museum, das als Festivalgelände dient, ist ein Traum. Weiche Hügel, Bäume, die im Wind rauschen, der vom Meer heranbläst, gläserne Gänge, in denen man an Statuen von Giacometti und Miró vorbeikommt, und über allem der weite Himmel, der sich im Zehnminutentakt verändert und an die Gemälde niederländischer Meister erinnert.Ich lerne die Legende hinter dem Museumsnamen kennen: Angeblich hatte der Gründer drei Ehefrauen, die auf märchenhafte Weise alle den Namen Louise trugen. Ich höre mir andere Lesungen an, bin begeistert von Leïla Slimanis Bühnenpräsenz und Douglas Stuarts Fähigkeit, direkt zum Publikum zu sprechen. Ich sitze in der vordersten Reihe und kann nicht ganz glauben, dass ich mich später nicht in die Signierschlange stellen muss, sondern mit ihnen zu Abend essen darf.Am nächsten Morgen wird alles noch unwirklicher. Ich sitze vor zwei Kameras und beantworte Fragen. Und während ich die Fragen beantworte, stelle ich mir vor, wie sich mein sechzehnjähriges Ich, das gerade seine Begeisterung für das Schreiben entdeckt hat, genau dieses Video anschaut, so, wie es sich all die anderen Videos des Louisiana-Channels angeschaut hat. Sie verschlungen hat, auf der Suche nach Ratschlägen, nach Ermutigung, nach Ähnlichkeiten mit diesen Vorbildern, die all das bereits erreicht hatten, wonach ich mich damals sehnte, für die es vermutlich schon gewöhnlich geworden war, dieses Leben, das ich mir so sehr wünschte. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht erschien es auch ihnen wie ein Traum, Teil dieses Festivals zu sein.Nelio Biedermann, 22, feiert mit seinem Roman «Lázár» weltweiten Erfolg und studiert in Zürich Germanistik und Filmwissenschaft. Er schreibt hier im Wechsel mit Rafaela Roth, 38, «Magazin»-Reporterin, und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion.«Würde und Wahn»In dieser Kolumne schreiben Schriftsteller Nelio Biedermann, 22, bekannt durch seinen Roman «Lázár», die «Magazin»-Reporterin Rafaela Roth und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, im Wechsel über das Zeitgeschehen, den alltäglichen Wahnsinn und die Schwierigkeit, Würde zu bewahren.Alle ArtikelEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Die Tage des Träumens: Einblicke in die Welt der Literatur-Festivals
Unser Kolumnist Nelio Biedermann taucht in die Celebrity-Welt der Literatur-Festivals. Sie ist fast schon zu schön ist, um wahr zu sein.








