Wunderkinder auf Zeit: was der Hype um Nelio Biedermann über den Literaturbetrieb verrätDer Schweizer Bestsellerautor ist in Amerika angekommen: Ein junger Mann schreibt wie Thomas Mann! Doch schon manche literarische Blitzkarriere endete im Nichts.Paul Jandl03.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenLiteratur, die komplexer tut, als sie tatsächlich ist: der Schriftsteller Biedermann im Lichthof der Universität Zürich.Clara Watt / The New York Times / Redux / LaifNicht nur die deutschen Wörter «Blitzkrieg» und «Schadenfreude» haben sich ins Englische eingeschlichen, sondern auch das «Wunderkind». Unter der Überschrift «A Wunderkind’s Best-Selling Nostalgia» würdigte der «New Yorker» vor ein paar Wochen den Schweizer Schriftsteller Nelio Biedermann. Sein im Vorjahr im deutschen Original erschienener Roman «Lázár» ist in Amerika angekommen. Das Buch verkauft sich auch dort massenhaft, und so fühlte sich das Magazin zur durchaus legitimen Frage veranlasst: Warum? Was hat «Lázár», in dem der Niedergang eines ungarischen Adelsgeschlechts vor dem politischen Hintergrund des letzten Jahrhunderts geschildert wird, dass ihm alle verfallen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Newsletter «Das Wochenende»Inspirierende Reportagen, bewegende Geschichten, tiefgehende Hintergründe: Jeden Freitagnachmittag begleiten wir Sie mit ausgewählten Lesetipps in Ihr Wochenende.Jetzt kostenlos abonnierenDer «New Yorker» blieb kritisch. Vom Charme des Altmodischen liess er sich nicht blenden. Dass da ein Zweiundzwanzigjähriger schreiben will wie Joseph Roth oder Thomas Mann, war ihm ebenso wenig recht wie die ins Leere laufende Mystik des Romans. Die Häufigkeit schwülstiger Sexszenen wurde kritisiert, und dann gab es noch einen kurzen Ausflug ins Persönliche. Man habe gehört, Nelio Biedermann schreibe seine Bücher mit der Hand. Fast wundere man sich, dass er dabei nicht einen Federkiel verwende.Der lange Artikel hat einen Schlussakkord zwischen Befürchtung und Hoffnung. Einerseits könnte der frühe Applaus dem Autor schaden. Andererseits: Warum beim nächsten Buch nicht die literarische Mimikry weglassen und wirklich etwas ganz Eigenes, etwas noch nie Dagewesenes schreiben?Alter Adel, alles echt!Der Bestseller «Lázár» von Nelio Biedermann gehört zu den literarischen Verpackungsphänomenen. Um die eigentliche ästhetische Substanz des Romans sind Schleifchen aus der Lebenswelt des Autors gebunden, die zum wichtigsten Teil des Marketings werden. Ein junger Mann schreibt wie Thomas Mann! Alter ungarischer Adel, alles echt! Und uneitel ist Biedermann auch noch.«Alle wollen Nelio», betitelte das «Zeit-Magazin» eine Reportage, bei der man sich viel Zeit genommen hat, den Schriftsteller kennenzulernen. Es wird beschrieben, wie Biedermann nachts in New York Pizza isst. Nach einer vom Publikum gestürmten Lesung. Ganz bescheiden sitzt der unfreiwillige Star am Rand der Gruppe und trinkt nur Wasser. Die «Zeit» war auch im Zürcher Kinderzimmer, wo «Lázár» entstanden ist. Schwer vorstellbar, dass ein Vorbild wie Thomas Mann seine «Buddenbrooks» (auch mit 22!) in ähnlichem Ambiente geschrieben hat. Oder Goethe, der jedoch seinen «Lázár», nämlich den «Werther», erst mit vierundzwanzig Jahren zu Papier brachte.Dass an Nelio Biedermanns Blitzkarriere etwas besonders ist, erkennt man auch an der Riege seiner internationalen Fans. Die Schauspielerin Sarah Jessica Parker und die Sängerin Dua Lipa sind bekennende Bewunderer. Keine Geringere als Patti Smith hat für die amerikanische Ausgabe von «Lázár» den Blurb geschrieben, das Empfehlungszitat. Der Roman sei «ein herausragendes und meisterhaftes Zeugnis dafür, dass ein begabter junger Schriftsteller unter uns weilt». Das klingt ein bisschen nach dem, was Daniel Kehlmann für die deutsche Ausgabe beigesteuert hat: «Ein wirklich grosser Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.» Es stimmt schon, «Lázár» ist keine literarische Trunkenheitsfahrt, aber ein bisschen Berauschung ist auch dabei. Das nehmen nicht nur die Amerikaner gerne.Populärer RealismusMan darf den Anteil Daniel Kehlmanns an der Karriere des jungen Schweizer Kollegen nicht unterschätzen. Er ist ein selbstloser Unterstützer, der gleichzeitig aber auch den Staffelstab einer Literaturform weitergibt, die unter anderem von Umberto Eco als «Midcult» bezeichnet wurde. Es ist ein populärer Realismus, der sich leicht konsumieren lässt und beim Leser gleichzeitig das Gefühl schafft, Zeuge echter Kunst zu sein.Das gelingt durch eine leichte und das Publikum niemals überfordernde Verschiebung der Wirklichkeit ins Phantastische. In Nelio Biedermanns Roman wird heftig geraunt. Der Stammsitz der adeligen Familie liegt am Rande eines finsteren Waldes, in dem sich Seltsames zuträgt. Hier verschwinden Menschen einfach so. Reale geschichtliche Vorgänge, Gewalt und Sex sind ins Licht flackernder Metaphern getaucht, und wenn man will, kann man dieses Beleuchtungstheater natürlich auch als Sinnbild eines politisch aus den Fugen geratenen Jahrhunderts lesen. Es ist eine Literatur, die komplexer tut, als sie tatsächlich ist.Daniel Kehlmann hat als Meister des Midcult Furore gemacht. Von der «Vermessung der Welt» bis zu seinem letzten, in Amerika euphorisch rezipierten Roman «Lichtspiel» ist dem deutschen Schriftsteller das Kunststück gelungen, mit geringem ästhetischem Risiko grosses symbolisches Kapital einzusacken. Kehlmann gilt als Welterklärer. Aus dem Fundus historischer Gestalten wird er sich immer die heraussuchen, die ein Idealmass an innerer Zerrissenheit zu bieten haben. Universelle und in alle Weltsprachen übersetzbare Vertreter des Menschlichen und des fragwürdig Allzumenschlichen.Kehlmann kann erzählen, aber kann er auch gut schreiben? Was den populären Realismus, über den der Literaturwissenschafter Moritz Bassler ein wichtiges Buch geschrieben hat, neben anderem auszeichnet: Er ist gut übersetzbar. Sprachlich sind die Hürden niedrig, und es lässt sich bei der Übertragung da und dort auch gut nachbessern.Ob er abseits vom Sound alter Vorbilder weiterschreibt, wird sich bei Nelio Biedermann zeigen. Für den Zirkus, der gerade um ihn gemacht wird, kann er wenig. Für den Fortgang seiner Karriere schon. Rowohlt Berlin, Biedermanns Verlag, druckt «Lázár» gerade in der siebzehnten Auflage. Lizenzen für dreissig Übersetzungen in andere Sprachen sind vergeben.Ein Hype ist eine Hypothek, und manchmal ist es sogar besser, nicht allzu früh entdeckt zu werden. Als der spätere Büchner-Preis-Träger Clemens J. Setz 2007, mit fünfundzwanzig Jahren, seinen ganz und gar erstaunlichen Debütroman «Söhne und Planeten» veröffentlichte, ging das vollkommen unter. Was folgte, war eine allmählich Fahrt aufnehmende Laufbahn.Das Schicksal von Süskind und SchneiderDas eine Werk geschaffen zu haben, mit dem fortan alle anderen verglichen werden, kann das Schreiben zu einem Ort des Missvergnügens machen. Patrick Süskinds «Parfum» aus dem Jahr 1985 war so ein Buch. Nach dem Millionenerfolg brachte der deutsche Schriftsteller keinen Roman mehr heraus.Judith Hermanns 1998 erschienener Erzählungsband «Sommerhaus, später» traf auf sehr spezielle Art den Nerv der Zeit, und die vielleicht überzogene Erwartung, dass dieses diagnostische Niveau auch weiterhin gehalten würde, hat sich nicht erfüllt. Julia Francks Roman «Die Mittagsfrau», 2007 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und fast eine Million Mal verkauft, gehört auch in die Reihe singulärer Erfolge. Ganz zu schweigen von Melinda Nadj Abonjis «Tauben fliegen auf». Nach dem Deutschen und dem Schweizer Buchpreis des Jahres 2010 ist es ziemlich still geworden um die Autorin.Es gibt in der Literatur natürlich die One-Hit-Wonder. Die Euphorie, einen Treffer gelandet zu haben, führt zu einem Katzenjammer aus Wiederholungszwang und Schreiblähmung. Prominentestes und vielleicht mit Nelio Biedermanns «Lázár» vergleichbares Beispiel eines wie aus dem Nichts im Literaturbetrieb zündenden Romans ist Robert Schneiders «Schlafes Bruder». Auch in diesem Werk des Jahres 1992 Raunen, ein Hinuntersteigen in ferne Zeiten und eine Sphäre exquisiter Übersinnlichkeit. Zeter und Mordio im abgelegenen Vorarlberger Tal. Schneider hat für sein Buch eine altertümliche, zwischen Kitsch und Musikalität oszillierende Sprache generiert, die sich geradezu rauschhaft in den Köpfen mancher Literaturkritiker festsetzte. Der «Spiegel» prognostizierte gefährliche Folgen: «Dieser Roman wird wie eine Droge wirken. Der Entzug ist bitter, gross aber auch der Bedarf nach neuem Stoff aus derselben Feder.»«Schlafes Bruder» verkaufte sich millionenfach, eine Verfilmung durch Joseph Vilsmaier und eine Oper taten ein Übriges, aber Robert Schneider, dem plötzlich Berühmten, gelang erst einmal nicht viel. Sechs Jahre nach dem Debüt erschien der Roman «Die Luftgängerin». Von Droge keine Spur. Keine benebelten Kritiker mehr, dafür in den Feuilletons Geschichten über die ökonomische Lage des Schriftstellers. Welche Vorschüsse er für sein zweites Buch verlangt habe. Es wurde hoch gepokert. Von einem Verleger soll Robert Schneider sogar einen Audi A8 verlangt haben. Weil er ein guter Autor sei. Zusatzqualifikation: «Ich bin als Mensch aussergewöhnlich, weil ich mich entzünden kann.»Was gefährliche Entzündbarkeit betrifft, kann man bei Nelio Biedermann wahrscheinlich unbesorgt sein. Von Allüren ist bis jetzt nicht viel zu merken, und die «Zeit» weiss zu berichten, dass er aus dem New Yorker Rummel einigermassen unversehrt wieder herausgekommen sei. In der einen Hand ein Selfie mit Patti Smith, von ihr signiert mit den Worten «Writers, readers, now friends», in der anderen Hand den Schlüssel zu einer Drei-Zimmer-Altbauwohnung, die Biedermann mit seiner Schwester und einem Freund bewohnen wird. Kinderzimmer ade. Die Wunderkind-Zeiten sind wohl auch vorbei. Der nächste Roman wird zeigen, wie die Dinge wirklich sind. Angeblich liegt eine Rohfassung schon beim Verlag.Passend zum Artikel