Unser Kolumnist Nelio Biedermann fragt sich, warum wir mit dem Älterwerden das Staunen verlernen. Und warum es manchmal die Kunst braucht, um uns daran zu erinnern, wie unwahrscheinlich, rätselhaft und wunderbar das Leben eigentlich ist.Nelio Biedermann23.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenNelio Biedermann, 22, feiert mit seinem Roman «Lázár» weltweiten Erfolg und studiert in Zürich Germanistik und Filmwissenschaft.Ruben HollingerWir werden geboren und lernen, zu gehen. Wir werden älter und verlernen, zu sehen. Dinge, über die wir uns als Kinder zu Recht gewundert haben, werden zu einem Teil unseres Alltags und damit uninteressant. Wir fragen uns nicht mehr, wie die Bäume wissen, wann sie ihre Blätter fallen lassen müssen. Es versetzt uns nicht mehr in Staunen, dass der Mond, der jeden Abend gewissenhaft am Himmel erscheint, derselbe ist, den schon Shakespeare sah, derselbe, der nachts auf Caesar und Kleopatra schien und noch viel früher auf die Körper unserer frühesten Vorfahren, die auf dem afrikanischen Kontinent im Geäst der Bäume schliefen, um im Traum nicht von Raubtieren überrascht zu werden. Wir denken gar nicht erst darüber nach, so, als hätten wir Angst, unsere Gedanken zu verschwenden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Manchmal kommt es mir vor, als würden wir uns absichtlich in die Stumpfheit flüchten, weil wir diese unwahrscheinliche Welt anders gar nicht aushalten können. Manchmal glaube ich, wir haben den offenen Blick unserer Kindheit längst verloren und das Staunen und die Neugier verlernt. Wir verbringen jeden Tag Stunden an unseren Handys, verschwenden Hunderte von Wochen in unserem Leben in einer digitalen Welt. Und nicht einmal darüber wundern wir uns. Selbst diese digitale Welt kann uns nicht erstaunen.Dabei ist es doch völlig unglaublich, dass wir mit Menschen am anderen Ende der Welt sprechen und sie sehen können, dass wir Zugriff haben auf jeden Ort, uns nicht mehr fragen müssen, wie es wohl aussehen mag in Peking, Buenos Aires oder Johannesburg, sondern einfach nachschauen können, mit wenigen Klicks. Es ist doch ein Grund zu massloser Begeisterung, dass wir Nachrichten verfassen können, auf die das Gegenüber nicht mehr wochenlang warten muss, sondern die in Echtzeit über Tausende von Kilometern übermittelt werden.Aber wir nehmen das alles gar nicht wahr. Bis uns etwas aufschreckt, uns aus diesem stumpfsinnigen Dahinleben herausreisst, und sei es nur für einige Augenblicke. Vielleicht stirbt jemand in unserem Umfeld und führt uns vor Augen, dass auch uns nur eine bestimmte Anzahl von Tagen bleibt. Oder aber wir waren krank, und jetzt, da wir wieder frei atmen und schmecken können, erscheint uns die Welt plötzlich wie ein neuer Ort.Ich bin der Meinung, dass genau dieses Wachrütteln Aufgabe der Kunst ist. Wenn eine Regisseurin zeigt, wie in einem Fenster die Sonne blitzt, wenn ein Schriftsteller wie Proust die Physiognomie eines Fisches auf seinem Teller beschreibt und ihn mit einer Meereskathedrale vergleicht, dann geht es ihnen darum, sich selbst und allen anderen bewusst zu machen, dass sie leben und dass dieses Leben voller Wunder ist. Und wenn man aus dem Kino auf die Strasse tritt und auf einmal alles wahrnimmt, als sei man wieder ein Kind: das Rattern der Trams, die kalte Luft, die Farben des Abendhimmels – dann merkt man, dass Kunst unentbehrlich ist.«Würde und Wahn»In dieser Kolumne schreiben Schriftsteller Nelio Biedermann, 22, bekannt durch seinen Roman «Lázár», die «Magazin»-Reporterin Rafaela Roth und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, im Wechsel über das Zeitgeschehen, den alltäglichen Wahnsinn und die Schwierigkeit, Würde zu bewahren.Alle ArtikelEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Warum das Staunen verschwindet – und wie Kunst unser Leben neu beleben kann
Unser Kolumnist Nelio Biedermann fragt sich, warum wir mit dem Älterwerden das Staunen verlernen. Und warum es manchmal die Kunst braucht, um uns daran zu erinnern, wie unwahrscheinlich, rätselhaft und wunderbar das Leben eigentlich ist.







