Die HitzeUnser Kolumnist Nelio Biedermann bekommt in Paris ein mitleidiges «Mon Dieu!» zu hören, als er ins Dachgeschoss stapft. Und stürzt direkt in einen Klima-Albtraum.Nelio Biedermann12.07.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenNelio Biedermann, 22, feiert mit seinem Roman «Lázár» weltweiten Erfolg und studiert in Zürich Germanistik und Filmwissenschaft.Ruben HollingerSeht nur, wie die Eichenprozessionsspinner in Berlin die Parkbäume befallen! Wie die ersten Gewitter der Zukunft über Zürich fegen! Wie die Hitze Paris dahinrafft!Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist 22 Uhr 32, ich sitze auf dem Bett meines Airbnb in ebendieser Stadt und schwitze. Es sind dreissig Grad, immer noch. Fast zehn Grad kühler als noch vor wenigen Stunden. Das Fenster ist sperrangelweit geöffnet, neben mir steht ein Ventilator, der die heisse Luft im Zimmer verteilt. Das winzige Appartement befindet sich im sechsten Stock. Als ich heute Nachmittag in der Stadt ankam, den Bus zur Place d’Italie nahm und nassgeschwitzt das Gebäude betrat, stieg eine Frau mit mir in den Lift und fragte mich, in welche Etage ich müsse. Als ich ihr die Nummer nannte, sagte sie nur: «Mon Dieu! Courage!»Mut und Tapferkeit können wir brauchen, aber ausreichen werden sie nicht. Die Auswirkungen des Klimawandels sind inzwischen auch dort spürbar, wo sie verursacht werden. Während wir die Folgen der Zerstörung bis vor kurzem noch ignorieren oder zumindest im fernen (oder nicht so fernen) Ausland verorten konnten, müssen wir nun nicht mehr den Fernseher anstellen, um uns ihrer bewusst zu werden. Die Krise ist da, «Apocalypse Now»! Endlich brauchen wir uns nicht mehr um die düstere Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder zu sorgen, sondern können uns auf unsere eigene sengende Dystopie konzentrieren.In der Stadt des Lichts sehe ich heruntergelassene Jalousien, vor Fenster gehängte Sonnenblenden und Touristengruppen, die aussehen, als wären sie kurz davor, synchron zu kollabieren. Nachts liege ich wach, weil mich die Hitze nicht schlafen lässt, und lese im Internet Zeitungsartikel über El Niño, über das Ungleichgewicht, das wir geschaffen haben, und die Extremtemperaturen in Indien. Auf Instagram sehe ich mir Videos an, in denen sich die Menschen wie in Zeitlupe bewegen, in «cooling zones» Schutz suchen und mit Mineralsalzen versorgt werden.Ich liege wach mit dem Surren und Rauschen des unermüdlichen Ventilators neben mir und denke daran, dass auch unsere Wohnungen bald unbewohnbar sein werden. Ich stelle mir vor, wie die Hitze sie besetzt und in die Altbauwohnungen am Zürichsee einzieht und sie nicht mehr verlässt. Ich sehe die Zeltstädte vor mir, die in den Parks und auf den Grünflächen errichtet werden. Ich sehe die Menschen vor mir, die tagelang in ihnen Zuflucht suchen werden, die auf der Chinawiese, im Botanischen Garten und auf dem Friedhof Sihlfeld unter den Bäumen schlafen werden. Ich liege in meinem Appartement in Paris und schreite in meinen Träumen durch Zürich. Der See ist ausgetrocknet, die Bahnhofstrasse verwaist. In den Hauseingängen liegen tote Hunde, und am Himmel ist kein einziger Vogel zu sehen. Der Üetliberg brennt.Was wir brauchen, sind nicht Mut und Tapferkeit. Was wir brauchen, ist ein Wandel, der unserem Ende etwas entgegensetzt.«Würde und Wahn»In dieser Kolumne schreiben Schriftsteller Nelio Biedermann, 22, bekannt durch seinen Roman «Lázár», die «Magazin»-Reporterin Rafaela Roth und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, im Wechsel über das Zeitgeschehen, den alltäglichen Wahnsinn und die Schwierigkeit, Würde zu bewahren.Alle ArtikelEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
„Mon Dieu!“ – Warum Nelio Biedermann in einer Pariser Hitzenacht die nackte Angst packt.
Unser Kolumnist Nelio Biedermann bekommt in Paris ein mitleidiges «Mon Dieu!» zu hören, als er ins Dachgeschoss stapft. Und stürzt direkt in einen Klima-Albtraum.






