Warum ich nur noch Städte dateUnser Kolumnist ist froh, dass ihn das Alter vom sozialen Zwang zum Daten befreit hat. Eine Art des Datings begeistert ihn aber anhaltend.05.07.2026, 05.30 Uhr2 Leseminuten«Würde und Wahn»In dieser Kolumne schreiben Schriftsteller Nelio Biedermann, 22, bekannt durch seinen Roman «Lázár», die «Magazin»-Reporterin Rafaela Roth und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, im Wechsel über das Zeitgeschehen, den alltäglichen Wahnsinn und die Schwierigkeit, Würde zu bewahren.Alle ArtikelOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass ich mittlerweile in einer Lebensphase bin, in der die soziale Erwartung, sich Dating hinzugeben, deutlich nachgelassen hat, halte ich für einen Segen des Alters. Nicht, dass ich mich gesellschaftlichen Trends im Allgemeinen leicht verschliesse. Modisch beuge ich mich noch fast immer allen Diktaten, auch wenn das im Endergebnis wohl nicht mehr ohne die eine oder andere Peinlichkeit auskommt. Aber den Trend zum Later Dating kann ich mit einem milden Zen-Lächeln an mir vorbeiziehen lassen.Ehrlich gesagt habe ich für die Kulturtechnik des Datings noch nie wirklich viel Begeisterung aufgebracht. Ich verstehe nicht, warum man dem unverfänglichen «Mal ein Bier trinken oder so» ein derart ergebnisorientiertes Framing verpassen musste. Selbstverständlich hatte auch ich früher gelegentlich nichts gegen einen positiven Ausgang des Dating-Verfahrens. Doch das Verfahren selber fand ich schon immer qualvoll. Reden, versuchen halbwegs attraktiv zu wirken, interessiert zu sein, aber vor allem so tun, als wäre das alles ganz unbedeutend und nicht vielmehr ein erbarmungsloser Due-Diligence-Prozess.Das digitale Zeitalter halte ich unter dem Strich für positiv (solange ich nicht mehr gezwungen bin zu telefonieren, dürfen Musk und Co. von mir aus machen, was sie wollen). Doch bezüglich Kennenlernen hat das Internet alles noch verschlimmert. Wie gesagt, was hier getrieben wurde, konnte man sich auch früher zusammenreimen, wenn man wollte. Auf Dating-Plattformen, wo offenbar mittlerweile der Grossteil des Datings seinen Anfang nimmt, kann es über die gehegte Endabsicht aber nicht mehr die geringsten Zweifel geben.Und war nicht gerade das noch das Spannendste daran: das Interagieren, ohne sich sicher zu sein, um welche Art von Austausch und Beziehungsstatus es sich hier gerade handelt, etwas, das mit einem Blick oder einer Bemerkung von einer Art in eine ganz andere oszillieren konnte? Anbändeln in der Idealform, das ist Leben als Möglichkeit, als reine Frage. Ich glaub, ich hab das schon einmal aufgetischt: Auf Griechisch, der Sprache, in der Europa philosophisch zu denken lernte, heisst Frage «erotisi».Jetzt merke ich aber gerade, dass ich Dating gar nicht kategorisch ablehne. Es gibt eine Art Dating, auf das man mich jederzeit schleppen darf, es ist jenes mit Orten. Diese Art Dating nimmt regelmässig an fremden Flughäfen ihren Anfang, wo ich mich unweigerlich immer frage: Wäre es möglich, mit dieser Stadt das Leben zu teilen? Ich habe sogar schon Mogadiscio und Odessa gedatet. Und beim vierten Date gehe ich mir dann Wohnungen anschauen. Doch glücklich machen Leute wie ich Immobilienmakler in aller Regel nicht. Denn der Reiz der Sache liegt darin, alles offenzulassen, niemals anzukommen. Du bist toll, könnte was werden mit uns, aber sorry, ich muss leider weiter.Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, nomadisiert durch die Welt, früher auf der Suche nach Gefahr, heute nach Ruhe. Er schreibt hier im Wechsel mit Rafaela Roth, 38, «Magazin»-Reporterin, und Nelio Biedermann, 22, Romanautor.Joël HunnEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel