Die meisten New Yorker wirken derzeit wie stillgestellt. Die Normalität hat derzeit immer noch hysterische Züge. Szenen aus dem Ausnahmezustand.

Dieser Text der Schriftstellerin Kathrin Röggla ist erstmals am 14. 9. 2001 in der taz erschienen – wenige Tage nach dem Anschlag. Wir veröffentlichen ihn zum 25. Jahrestag noch einmal als Teil einer Auswahl von Texten, um die Lage von damals begreifbar zu machen. Alle Texte diese Reihe finden Sie hier.

1. life

jetzt also hab ich ein leben. ein wirkliches. in meinem wirklichen leben hab ich ihn schon von weitem laufen gesehen, ich dachte nur nicht, dass er ins haus hinein wolle. er raste direkt hinein in den aufzug, blieb auch erst da stehen neben mir, und hat mit seltsamer stimme, so, als müsste er es sich erst selbst erzählen, gesagt: „new york is definitely the wrong city to live in at the moment!“ jetzt schweigt er. eine weile stehen wir nebeneinander, bis ich ein vorsichtiges „you’re right!“ von mir gebe.

vorsichtig aus scheu vor dem, was er erlebt haben könnte, komme ich doch letztendlich selbst gerade von der straße, wo ich menschen schreien gesehen habe, heulen, gestikulieren. aber auch seltsam ruhige menschen, die einfach nur geradeaus blickten richtung world trade center „or the place formerly known as world trade center“, manche mit radios in der hand, die informiertheit suggerieren und so zu kommunikativen anziehungspunkten werden.