Walter Bieri / KeystoneZuerst macht 9/11 das Land betroffen. Dann wird es durch einen Amoklauf, ein Grounding und katastrophale Unfälle erschüttert. Die Schweiz muss feststellen: Sie bleibt nicht mehr verschont.Michael Hermann, Samuel Tanner11.09.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenDie neue ZeitrechnungHier ist es 16 Uhr, als dort der Südturm des World Trade Center einstürzt. Die News-Sites im Internet zeigen erste Bilder, sie lösen Schockwellen aus. Die Zwillingstürme sind selbst jenen, die noch nie in New York waren, vertraut. Sie überragen die Skyline von Manhattan und sind Monumente für Amerikas Modernität und Dominanz. Jetzt laufen in der Schweiz, wie überall auf der Welt, die Bilder von CNN in Endlosschleife: die Flugzeuge, die in die Türme fliegen; die Türme, die zeitversetzt einstürzen; die Staubwalze in den Strassenschluchten; die von Asche überzogenen Gesichter; Sirenengeheul. Alles wirkt unwirklich und doch so unmittelbar. Man sieht, begreift aber nicht. Real Time heisst die neue Zeitrechnung, in der einen auch eine ferne Katastrophe unmittelbar treffen kann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«So etwas könnte auch bei uns passieren»: Der Terroranschlag auf die Türme des World Trade Center in New York erschüttert auch ein Urgefühl in der Schweiz.ABC/APNur die Politik reagiert lange nicht, Bundespräsident Moritz Leuenberger wird später sagen, man habe ihn am 11. September zu spät informiert. Noch am gleichen Dienstagabend drückt er «die tiefste Betroffenheit der Schweiz» aus, es handle sich um eine Katastrophe apokalyptischen Ausmasses. Am Tag danach läuten im ganzen Land die Kirchenglocken für Amerika. Der Bundesrat beginnt seine Sitzung mit einer Gedenkminute. Im Migros-Einkaufszentrum Neumarkt in Biel geht um 10 Uhr 30 eine Bombendrohung ein, aber die Polizei findet keine Sprengladung.Ein Urgefühl der Schweiz ist das Verschontbleiben, aber nun scheint die Schweiz nicht unbetroffen zu bleiben. Der Swiss-Market-Index taucht um 7,1 Prozent. Und der Informationschef der Schweizer Luftwaffe erschüttert dieses Urgefühl, indem er zugeben muss: «So etwas könnte auch bei uns passieren» – dass ein Linienflugzeug gekidnappt und in ein Gebäude gesteuert wird.Fahnen hängen auf halbmast. Die Miss-Schweiz-Wahl wird abgesagt. Der Moderator Bernard Thurnheer erklärt, angesichts des Horrors in den USA sei so eine Show «völlig pietätlos». Vorgesehen war ein Auftritt des Aargauer Weltstars DJ Bobo vor einer Hochhaus-Skyline: «Das wäre sicher als Zynismus ausgelegt worden.» Zudem hätten die Models die geplante Hintergrundmusik nach dem Attentat als «zu arabisch» abgelehnt. Dass der Terror einen islamistischen Hintergrund hat, hat sich rasch bestätigt.Für die Swissair, die die Schweiz mit der Welt verbindet, hat der Terroranschlag unmittelbare Folgen. Vier Tage lang bleiben die Flugzeuge der wichtigen Nordatlantikroute am Boden. Die finanziellen Folgen treffen ein Unternehmen, das bereits schwer verschuldet ist. Und dann streiken am Flughafen Genf auch noch Hunderte Angestellte, um gegen einen Stellenabbau zu protestieren. «Jetzt droht Mario Corti die Situation zu entgleiten», sagt ein Vertreter der Swissair-Aktionäre über den Mann, der die Fluggesellschaft retten soll.Es sind die Vorboten eines schwarzen Herbsts, der die Schweiz noch lange prägen wird. Nur zwei Wochen nach 9/11, dem Attentat von New York, wird das Land in seinem Zentrum getroffen.Land der EigensinnigenDie Schweiz und der schwarze Herbst des Jahres 2001: Das ist nur einer von vielen Schicksalsmomenten in der jüngeren Geschichte dieses Landes. Nach dem Ende des Kalten Kriegs hat sich die Schweiz der globalisierten Welt angepasst und sich neu erfunden – um das «Land der Eigensinnigen» zu bleiben. So heisst das neue Buch des Politikexperten Michael Hermann und des NZZ-Inlandredaktors Samuel Tanner, aus dem dieser Text stammt. Das Buch erscheint diesen Herbst im Echtzeit-Verlag. Leserinnen und Leser der NZZ können es schon jetzt für 32 statt 36 Franken vorbestellen.91 SchüsseAls Friedrich Leibacher am 27. September 2001 seinen Hyundai Sonata vor dem Zuger Parlamentsgebäude parkiert, führt er Flugblätter mit, auf denen «Tag des Zornes für die Zuger Mafia» steht. Was er damit meint, zeigt er in den Minuten, die nun folgen. In eine selbstfabrizierte Polizistenuniform gekleidet, betritt er schwer bewaffnet das Regierungsgebäude, schiesst erst mit der Schrotflinte aus nächster Nähe auf eine Frau, dann aus der Hüfte mit dem Sturmgewehr fluchend auf alle, denen er im Kantonsratssaal begegnet, tötet vierzehn Personen, Regierungsräte und Kantonsrätinnen, verletzt achtzehn weitere teilweise schwer, bis er sich mit dem 91. Schuss mit einer Pistole selber richtet.Leibacher ist 57 Jahre alt, Invalidenrentner und im Kanton als Kleinkrimineller und Querulant bekannt: Im Restaurant Baarburg warf er einst einem Chauffeur der Zugerland Verkehrsbetriebe vor, er fahre betrunken Bus, und bedrohte ihn mit einer Pistole. Nachdem der Busfahrer gegen ihn geklagt hatte, liess Leibacher den Fall juristisch eskalieren, beschäftigte alle Stellen in Zug und ging bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Nach Leibachers Tod findet die Polizei neun Bundesordner mit Akten und Briefen, Belege des Wahns. Bekannt wird, dass er einst in der Dominikanischen Republik verhaftet wurde, wegen Gewalt an seiner damals minderjährigen, schwangeren Frau.In seinen Briefen habe Leibacher jedoch nie mit Gewalt gedroht, sagen die Behörden nach dem Amoklauf. Von einem Hiesigen schien eine solche Tat undenkbar. Bundespräsident Leuenberger ist überzeugt, dass «die Gewaltexplosion» vom 11. September in New York im Attentäter von Zug «einen Nachahmungstrieb» geweckt habe.Der Zuger Schriftsteller Thomas Hürlimann publiziert im Oktober 2001 in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» einen Aufsatz über «mein Land in seiner grössten Krise», in dem er vor allem über seine Heimatstadt Zug und auch über das Attentat schreibt: «Vielleicht, ein gefährliches Vielleicht, geschah es nicht zufällig in diesem Herbst.» Was Hürlimann damit meint?Mit Zug trifft der Amoklauf ausgerechnet jenen Ort, der wie kein anderer im Land auf die Globalisierung setzt – und dabei bleiben will, wie er immer war.Von einem Hiesigen schien eine solche Tat undenkbar: der Amoklauf auf das Zuger Kantonsparlament am 27. September 2001.Urs Flüeler / KeystoneZug als SymbolZug ist ein katholischer Sonderbundskanton, der schon früh geprägt wurde durch Einwanderer aus der protestantischen Wirtschaftsmetropole Zürich. Es waren Zürcher Industrielle, die hier Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den späteren Weltkonzern Landis & Gyr gründeten. So wurde Zug zu einem Industrieplatz. Nicht viel später war es ein Zürcher Treuhänder, der für seine Klienten einen günstigen Ort suchte, um Holding- und Domizilgesellschaften anzusiedeln. In Zug fand er eine Regierung, die nicht wie seine eigene unter dem Eindruck einer aufstrebenden Linken stand, sondern sich bereitwillig neue Steuergesetze diktieren liess. So wurde Zug zum Finanzplatz. Auch wenn die katholischen Kirchtürme nun im Stadtbild zwischen hohen Geschäftshäusern verschwinden – eine amerikanische Skyline besitzt das kleinstädtische Zug noch immer nicht.Thomas Hürlimann beschreibt einen Ort, der lange «im trauten Trott des neunzehnten Jahrhunderts» lebte, bis der Steuerfuss gesenkt wurde und er sich «wie durch Zauberei» in einen internationalen Finanzplatz verwandelte, «eine von Haifischreitern aus aller Welt angeschwommene Bucht»: Ohne dass sich äusserlich viel geändert hätte – «nach wie vor hingen Geranientöpfe von den Perrondächern der Bahnstation» –, habe der Kantonshauptort «einen Aufsturz zum viertgrössten Ölumschlaghandelsplatz der Welt» erfahren. Natürlich herrschten in beiden Welten verschiedene «Gesetze und Geschwindigkeiten». Ein Städtchen, zwei Zeiten: die A- und die B-Schweiz an einem Ort vereint.Da habe, im wahrsten Sinn des Wortes, eine «Zeit-Bombe» getickt, schreibt Hürlimann. So macht er den Massenmörder Leibacher zu einer Art Rächer der gespaltenen Zeit. Was Leibacher mit seinem Amoklauf trifft, ist eine Schweiz, für die derartige Grausamkeiten bisher weit weg waren. «Sogar in der friedlichen Schweiz», wie die «Frankfurter Rundschau» schreibt, scheint es damit vorbei zu sein.Nach dem Attentat von Zug globalisiert die Schweiz ihr Risikomanagement. Schleusen werden installiert und Zutrittskontrollen eingerichtet. In dem Land, in dem sich unbewachte Politikerinnen und Politiker an Bahnhöfen oder an Schwingfesten bestaunen lassen und wo Parlamente und selbst das Bundeshaus bisher schrankenlos zugänglich waren. 9/11 hat die Welt verändert, der Amoklauf von Zug verändert die Schweiz. Das Sicherheitsdispositiv wird gestärkt, zumindest diese Besonderheit des Sonderfalls ist zu Ende. Ausgelöscht durch den Amoklauf eines Hiesigen.Das Sicherheitsdispositiv wird gestärkt: Nach dem Amoklauf von Zug ist der Zugang zum Bundeshaus mit Schranken versehen.Alessandro Della Valle / KeystoneUnd dann folgt keine Woche später, am 2. Oktober, das nächste nationale Drama. Um 16 Uhr 17 erhält eine Ansagerin am Flughafen Zürich einen Zettel – und weiss noch nicht, dass sie gleich eine Grabrede sprechen wird: «Meine Damen und Herren, liebe Fluggäste. Aus finanziellen Gründen ist die Swissair nicht mehr in der Lage, ihre Flüge durchzuführen.» Schon morgens um 10 Uhr blockiert die Londoner Flughafenpolizei zwei Flugzeuge der Swissair, weil die Piloten die Landegebühr nicht bezahlen können. Die Piloten waren noch mit Couverts mit grossen Noten ausgestattet worden, aber jetzt ist das letzte Geld ausgegeben. «We are running out of cash», soll die Finanzchefin Jackie Fouse an den Sitzungen gesagt haben. Und tatsächlich zahlt die Swissair damals allein für Zinsen und laufende Verluste 5 Millionen Franken, jeden Tag. Es ist das Ende. 19 000 Passagiere stranden. Am Flughafen Zürich stehen die Flugzeuge aneinandergereiht auf dem Rollfeld – wie auf einem Friedhof.Die Swissair war einmal der Stolz der Schweiz: eine Airline, die einen überallhin bringt und sicher wieder zurück, die einem die Illusion vermittelt, dass das elegante Schweizerkreuz auch im Himmel leuchtet (zumindest auf der Heckflosse der Swissair) – eine «fliegende Bank». Ein reiches Land leistete sich eine exklusive Airline: mit «Grüezi» beim Boarding und dem besten Service über den Wolken. Die Rentabilität war andernorts besser, das Image nicht.Ein nationales Drama: Flugzeuge der Swissair bleiben am Boden, aufgenommen am 3. Oktober 2001.Steffen Schmidt / KeystoneIn der alten 1980er-Jahre-Welt, in der der Luftverkehr kartellartig organisiert war, in der die Ticketpreise abgesprochen wurden und viele Staaten ihre eigenen Fluggesellschaften schützten, flog die Swissair ruhig und stabil. Aber in der neuen Welt der 1990er Jahre beginnen die Turbulenzen: Der europäische Luftverkehr liberalisiert sich, die Ticketpreise sinken, Fluggesellschaften fusionieren und wachsen. Die Swissair müsste sich anpassen, aber die Umstände könnten besser sein. Weil sich die Schweiz im Jahr 1992 in der Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gegen die neue politische Ordnung entscheidet, darf die Swissair weder Direktflüge zwischen EWR-Ländern anbieten noch Passagiere einsteigen lassen, wenn sie in EWR-Ländern zwischenlandet. Eine Allianz mit anderen, ähnlichen Airlines wird überlebenswichtig. Aber was wirtschaftlich gefordert wäre, ist politisch nicht gefragt.19 000 Passagiere stranden: ein älteres Paar am Terminal A des Flughafens Zürich.Walter Bieri / KeystoneSchon im Jahr 1993 plant die Swissair eine Fusion mit der schwedischen SAS, der niederländischen KLM und der österreichischen AUA. Das Projekt heisst Alcazar. Im Bundeshaus wird in allen Landessprachen betont, allein die Unternehmensleitung habe darüber zu entscheiden. Tatsächlich ist der politische Gegendruck gross. SVP-Verkehrsminister Adolf Ogi, der sich einst vehement für den EWR eingesetzt hat, erklärt nun mit patriotischem Stolz, der Bundesrat sei überzeugt, dass «der Name Swissair von hohem Wert ist und als Aushängeschild unseres Landes erhalten werden soll». Gleichzeitig soll der Credit-Suisse-Chef und Swissair-Verwaltungsrat Rainer E. Gut derart hohe Forderungen gestellt haben, dass die Fusion scheitert.Es ist symbolhaft. Die Bundeshaus- und die Business-Schweiz, verkörpert vom Berner Oberländer Ogi und vom einstigen Wall-Street-Banker Gut, bewegen sich in gegensätzliche Richtungen – und tragen gemeinsam zum Scheitern von Alcazar bei.Zur Alternative wird die «Hunter-Strategie», ein Alleingang, der in einem fast wahnhaften Wachstumsprojekt endet, in unzähligen Beteiligungen, in einer Holding mit 260 Unterfirmen in 30 Ländern, im Chaos. Noch im August des Jahres 2000 sagt der Finanzchef der Swissair einen Gewinn von 200 Millionen Franken voraus. Im Dezember bilanziert er einen Verlust von 2,9 Milliarden.Verfall einer EliteAus diesem Chaos tritt ein Mann mit einem Lebenslauf heraus, in dem alles einer natürlichen Ordnung zu folgen scheint. Eric Honegger wächst als Sohn des Bundesrats Fritz Honegger am Zürichsee auf. Er studiert Geschichte und Publizistik und promoviert, wird schnell Gemeinderat, Parteisekretär, Kantonsrat, natürlich für die FDP. Als er die nächste Stufe nimmt, sagt er: «Ich bleibe zwölf Jahre im Regierungsrat, dann wechsle ich in die Wirtschaft.» Nichts anderes geschieht. Auf sein Ruhegehalt als Regierungsrat verzichtet er, dafür nimmt er Einsitz in den Verwaltungsräten von NZZ, UBS und Swissair. Als sein Nachbar Hannes Goetz das Swissair-Präsidium abgibt, ist klar, wer ihm nachfolgt.Im Frühling 2000 wird Eric Honegger zum Präsidenten gewählt, er bekommt einen der prestigeträchtigsten Posten der Schweizer Wirtschaft. Als er im März 2001 entlassen wird, stirbt er den sozialen Tod. In dem knappen Jahr hat Honegger die Swissair zu einem Milliardenverlust geführt, den CEO Philippe Bruggisser entlassen und ihn ad interim gleich selbst ersetzt. Schliesslich hat Honegger auch den Glauben an das Gute verloren. In seinen biografischen Aufzeichnungen schreibt er später: «Dass (. . .) mein Hinauswurf von keiner menschlichen Regung meiner ehemaligen Verwaltungsratskollegen begleitet war, sass tief.»Er sollte sie retten, aber es war schon zu spät: Mario Corti, der letzte CEO der Swissair.Alessandro Della Valle / KeystoneIm Verwaltungsrat der Swissair, eigentlich ein Klub der vornehmen Bedächtigkeit, herrscht die Panik von Machthabern kurz vor dem Ende ihrer Macht. Über Jahrzehnte hat das freisinnige Milieu die wichtigen Figuren der Schweizer Wirtschaft gestellt. Tagt der Swissair-Verwaltungsrat, versammelt sich die Macht im Land: Andres F. Leuenberger ist gleichzeitig Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse und von Swiss Life sowie Vizepräsident von Roche. Vreni Spoerry ist Ständerätin des Kantons Zürich und Verwaltungsrätin von Credit Suisse, Zurich Versicherung und Nestlé. Lukas Mühlemann ist das Gesicht von McKinsey, Swiss Re und Credit Suisse. Mit dem Grounding endet deshalb nicht nur eine Reihe von Karrieren, sondern auch die Selbstgewissheit eines Establishments.Zumal der Filz im entscheidenden Moment nicht mehr hält: Ausgerechnet Marcel Ospel war während eines Langstreckenflugs angeblich nicht erreichbar, als es um existenzielle Garantien für die Fluggesellschaft gegangen wäre. Er ist der Präsident der UBS, die nur sieben Jahre später in einer globalen Finanzkrise selbst auf Rettung angewiesen ist: durch den Staat. Der Fall dieser beiden schweizerischen Institutionen bedroht den alten Gesellschaftsvertrag, der auf Vertrauen baut: Die Wirtschaft hält sich zurück und hält sich an verantwortungsvolle Prinzipien und muss deshalb nicht durch den Staat gebändigt werden.Die Swissair liess die Schweiz über sich hinauswachsen: mit Direktverbindungen nach Tokio, Moskau, New York. Ihr symbolisches Ende nimmt sie im Jahr 2007 mit dem grössten Gerichtsprozess, den das Land bis dahin gesehen hat: in einer Mehrzweckhalle in Bülach. Alle Angeklagten werden freigesprochen.Die Swissair liess die Schweiz über sich hinauswachsen: mit Direktverbindungen nach Tokio, Moskau, New York.Steffen Schmidt / KeystoneDas Ende des VerschontseinsIn der Schweiz, die in zwei Weltkriegen unversehrt blieb, gab es einen langen Diskurs über das Verschontbleiben von der Geschichte. Max Frisch reiste durch das vom Zweiten Weltkrieg zerstörte Deutschland und notierte: «Es bleibt eine Art von schlechtem Gewissen, das sich selber nicht klar wird, Unbehagen der Verschonten, das uns seit Jahren begleitet.» Friedrich Dürrenmatt sprach sein Leben lang von einem «verschonten Gefängnis», ein- und ausgeschlossen vom Weltenbrand gleichzeitig. Und er fragte sich, ob die Schweiz «einfach von der Weltgeschichte vergessen worden war, dispensiert, sitzengelassen, als Fossil behandelt – auch das kommt ja vor».Es waren nicht nur schriftstellerische Selbstbefragungen, es war eine oppositionelle Kritik am bürgerlichen Sonderfall: an einer Schweiz, die sich im Zweifel zurückzieht, deren Kraft im Verborgenen liegt. Wo der Schmuck und das Vermögen in Schliessfächern eingeschlossen werden. Wo die wichtigsten Bauwerke, die Tunnel, in den Untergrund führen. Wo der politische Erfolg auf der Neutralität beruht und der geschäftliche Erfolg auf Diskretion und informellen Abmachungen.In den 1990er Jahren verändert sich die Schweiz. Sie sucht die Vorteile der Globalisierung, ohne von ihren Nachteilen heimgesucht werden zu wollen. Ein knappes Jahrzehnt lang gelingt es dem Land einigermassen, diese Illusion zu wahren. Im Herbst 2001 fällt sie in sich zusammen. Nach dem Grounding der Swissair hinterfragt Bundespräsident Moritz Leuenberger «die Risikogesellschaft». Es ist die neue Realität. Die Schweiz verweltlicht. Die Swissair wird zur Swiss und gehört bald der deutschen Lufthansa. Immerhin das Schweizerkreuz an der Heckflosse bleibt.Der Trauerredner dieses schwarzen Herbsts: Bundespräsident Moritz Leuenberger an der Gedenkfeier für die Opfer des Zuger Amoklaufs.Jens Meyer / AP«Hört das denn nie auf?»Dieser Herbst ist aber noch nicht zu Ende. Am 24. Oktober fährt ein Lastwagen einer belgischen Firma von Airolo her in den Gotthardtunnel. Der Chauffeur ist alkoholisiert und hat Mühe, seinen Lastwagen in der Spur zu halten. Er fährt auf den Randstein, reisst die Ein-Kilometer-Tafel mit, bis er irgendwann die Tunnelmauer berührt und auf die Gegenfahrbahn gerät. Entgegen kommt ihm ein italienischer Lastwagenfahrer, der sofort reagiert und auszuweichen versucht. Er kann eine Kollision aber nicht verhindern. Ein Tank bricht auseinander, ein Kurzschluss entzündet den Diesel, bald brennen die auf einem der Lastwagen geladenen Pneus. 1200 Grad im Gotthard, elf Personen sterben.Inferno im Gotthardtunnel: Ein Lastwagen verunfallt am 24. Oktober 2001.Kantonspolizei Tessin / KeystoneAm 24. November fliegt ein Jumbolino der Crossair, aus Berlin-Tegel kommend, den Flughafen Zürich an. Es ist kurz nach 22 Uhr, leichter Schneefall, dunkle Nacht, die Sicht ist eingeschränkt. An Bord sind unter anderen die Pop-Sängerin Melanie Thornton, der Vizebürgermeister von Jerusalem und die spätere SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Kurz vor der Landung verschätzt sich der Pilot, er unterschreitet die Mindestflughöhe und streift Bäume im Wald bei Bassersdorf. Der Jumbolino stürzt ab und fängt Feuer, vierundzwanzig Personen sterben, neun überleben. Eine von ihnen ist Jacqueline Badran.Es sind Unglücke im Fernverkehr, der die Schweiz mit der Welt verbindet. Und die Welt mit der Schweiz.Als Bundespräsident Moritz Leuenberger vom Absturz der Crossair vernimmt, stöhnt er: «Hört das denn nie auf?» Er ist das Gesicht dieses Herbsts, wie von Edvard Munch gemalt. Als Bundesrat schien er sich immer eine ironische Distanz zu bewahren und in manchen öffentlichen Auftritten eher Bundesratsdarsteller zu sein – als Bundespräsident findet er seine Rolle. Er reist an die Katastrophenorte und spricht den Trost für ein getroffenes Land.Hört das denn nie auf! Die Katastrophen dieses Herbsts haben nicht nur jede für sich Opfer produziert, sondern insgesamt ein ganzes Land in seinem Selbstverständnis erschüttert: die Schweiz.Der Absturz im Wald bei Bassersdorf: Am 24. November geht ein Jumbolino der Crossair zu Boden.Walter Bieri / KeystonePassend zum Artikel
Tage des Entsetzens: Wie der schwarze Herbst 2001 die Schweiz prägte
Zuerst macht 9/11 das Land betroffen. Dann wird es durch einen Amoklauf, ein Grounding und katastrophale Unfälle erschüttert. Die Schweiz muss feststellen: Sie bleibt nicht mehr verschont.








