Kiews Horrornächte: Nach dem jüngsten russischen Grossangriff suchen Rettungskräfte nach Überlebenden im SchuttDie ukrainischen Vorräte an Patriot-Abwehrraketen sind nahezu erschöpft. Die tödlichen Folgen zeigen sich bei einem Besuch in einem schwer getroffenen Kiewer Aussenquartier.07.07.2026, 18.00 Uhr5 LeseminutenNiemand weiss, welches Quartier es als nächstes trifft: In der Nacht auf den Montag sind in Kiew 16 Menschen bei russischen Luftangriffen ums Leben gekommen.Alina Smutko / ReutersWenn es Morgen wird in Kiew, ist die Angst wie weggewischt. Die Dunkelheit hat sich in die Luftschutzkeller und U-Bahn-Schächte zurückgezogen. Die Sonne spiegelt sich in den goldenen Zwiebeldächer der St.-Michaels-Kirche, und die Weiden im Stadtpark wogen friedlich im Wind. Kiew ist vor allem eine schöne Stadt – so schön, dass es den Menschen tagsüber oft schwer fällt, an den Horror der Nacht zu glauben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist Montagnachmittag in Kiew, die vorangegangene Nacht war ohrenbetäubend laut. Während auf den Trottoirs des Stadtzentrums Menschen Glacé essen, mit ihren Hunden Gassi gehen oder unterwegs ins Fitnesscenter sind, sitzt ein Ehepaar etwa 30 Autominuten entfernt im Stadtteil Darnizja unter einem Nussbaum. Der Mann hält eine brennende Zigarette in der Hand, mit der anderen streicht er Tränen aus dem Gesicht seiner Gattin. Dicht hinter ihnen stehen zwei Frauen in blauen Westen. Es sind Notfallpsychologinnen, die nach jedem Raketeneinschlag in Kiews aufgeboten werden.Etwa fünfzig Leute versammeln sich an diesem Ort zwischen zwei riesigen Wohnblöcken aus Sowjetzeiten. Auf dem Parkplatz nebenan haben einige Autos zerborstene Scheiben oder sind ganz ausgebrannt. Ein Klangteppich aus Sägegeräuschen und leisem Murmeln der Menschen überzieht die Szenerie. Die Umstehenden tauschen kaum Blicke, einige halten sich an den Händen, andere stehen eng umschlungen. Ihre Blicke sind fixiert auf ein gewaltiges Loch über ihren Köpfen.Einschlag einer russischen RaketeEiner der Wohnkomplexe wurde offenbar direkt von einer russischen Rakete getroffen. Die oberen drei Stockwerke sind zerstört, als hätte ein Riese in einen Kuchen gebissen und den Bissen wieder ausgespuckt. In den Trümmern stehen oder hängen behelmte Retter in gelben Overalls. Sie sind durch Seile gesichert und graben sich mit blossen Händen durch den Schutt. Sie ziehen bunte Bettdecken aus den Trümmern und werfen sie beiseite. Ein Geruch wie von verbranntem Treibstoff liegt in der Luft.Ein Paar wartet seit dem Morgen vor dem zerstörten Haus, in dem ihre Tochter gewohnt hat. Stunden später erfahren sie von ihrem Tod.Vitaliy VirchenkoIn der Nacht auf Montag startete Russland eine Angriffswelle, in deren Zentrum einmal mehr Kiew stand. Präsident Wolodimir Selenski sprach von 68 Marschflugkörpern und ballistischen Raketen sowie 350 Drohnen verschiedener Typen, die Russland in dieser Nacht eingesetzt habe. Die russische Taktik sei unverändert, schrieb Selenski auf X: «Sie wollen so vielen Ukrainern wie möglich schaden.» Russland spricht von einer Vergeltungsaktion gegen den «ukrainischen Terrorismus», also die gezielten Schläge der Ukrainer gegen strategische Ziele in Russland. Moskau behauptete, man beschiesse wichtige «Entscheidungsinfrastruktur» und militärische Einrichtungen in Kiew.Ein Mann aus einem der umliegenden Gebäude erklärt, was seiner Ansicht nach passiert ist: In der Nähe befinde sich eine Produktionsstätte der Armee, die Glasfaserkabel für Drohnen herstelle. Nein, offiziell bestätigt sei das nicht, aber jeder hier wisse das. Die Russen hätten dieses Quartier schon im Juni angegriffen. «Jetzt kamen sie zurück, um die Sache zu erledigen», sagt der Mann.Ein gellender Schrei unterbricht das Gespräch. Niemand braucht sich umzudrehen, um zu wissen, woher er stammt: vom Ehepaar unter dem Walnussbaum. Nach stundenlanger Suche wurde ein erstes Opfer gefunden. Es ist die Tochter der beiden. Das Heulen der Mutter ist nicht menschlich, es klingt wie von einem Tier. Die Leute halten ihren Blick fern vom Nussbaum, als hätte sich dort jemand in aller Öffentlichkeit nackt ausgezogen. Über den Köpfen der Menschen betten die Rettungskräfte die Leiche der Frau in eine orange Wanne. Es ist jetzt ganz still, die Kreissägen sind abgestellt. Ein Kran senkt die Tote behutsam zu Boden.Im Morgengrauen beginnt die Suche nach verschütteten Bewohnern. Am Nachmittag finden die Rettungskräfte die Leiche einer 23-jährigen Frau.Vitaliy VirchenkoImHinter dem Gebäude zirkeln Dascha und Karolina um den schweren Radlader, um bessere Sicht auf das Haus zu haben. Dascha ist 14 Jahre alt und hat die Nacht im Ferienhäuschen der Eltern ausserhalb Kiews verbracht. Sie zeigt auf ein Fenster im dritten Stock, wo zwei Feuerwehrleute versuchen, sich Zugang zu verschaffen. Ihre zwei Jahre ältere Freundin Karolina, die gleich um die Ecke wohnt und seit dem Morgengrauen mit Dascha die Löscharbeiten beobachtet hat, übernimmt das Sprechen für ihre Freundin.«Das war Daschas Zimmer», sagt sie. Schwer vorstellbar, dass sie aus ihrem Kinderzimmer noch irgendwas retten können wird. Was immer das Mädchen dort zurückgelassen hat, bevor es in die Ferien fuhr, haben die Wucht des Einschlags und die nachfolgende Explosion vermutlich zerstört. «Wie geht es dir?» fragt die Übersetzerin. Dascha schaut irritiert. Was soll sie denn jetzt darauf antworten? «No more feelings left», erklärt stattdessen Karolina auf Englisch.Trotzdem in Kiew bleibenDann grinst Dascha unvermittelt. Sie freut sich über ein Stück Pizza, das ihr eine Fremde in die Hand gedrückt hat. Wann immer es zu Raketeneinschlägen kommt, stehen noch vor Morgengrauen Dutzende Freiwillige bereit, oft sind es selbst Jugendliche, die Essen und Getränke verteilen, und klafterweise Spanplatten heran schleppen, damit zerborstene Fenster abgedichtet werden können.Dascha (rechts) war nicht zu Hause, als ihr Kinderzimmer zerstört wurde. Sie und ihre Freundin Karolina wollen weiterhin in Kiew leben.Vitaliy VirchenkoSeit Anfang Juli haben fünfzig Zivilpersonen ihr Leben bei den russischen Angriffen auf Kiew verloren. Fünf von ihnen waren Nachbarn der beiden Mädchen. Und es sieht nicht so aus, als lasse Russland die ukrainische Hauptstadt bald in Ruhe. Wollen die beiden Teenager nicht lieber wegziehen? «Das ist meine Stadt. Hier bin ich geboren und aufgewachsen», sagt Karolina. Sie wisse nicht, was die Zukunft bringe, nicht einmal, was sie dereinst studieren werde oder welchen Beruf sie ergreifen wolle. Aber sie weiss, wo sich ihre Zukunft abspielen wird: in Kiew.Aus dem Spätnachmittag ist Abend geworden. Selenski schickt eine Nachricht über seine offiziellen Social-Media Kanäle: Die Ukraine hat ihren Vorrat an Patriot-Raketen aufgebraucht. Das bodengestützte Flugabwehrsystem ist die einzige Möglichkeit, ballistische Raketen vor dem Einschlag abzufangen. Die Kiewer Bevölkerung weiss auch in Zukunft nie, welches Quartier als nächstes Schmerz und Tod durchleiden muss.Auf dem Rückweg ins Zentrum sehen wir eine Gruppe Radsportler, die in Lycra-Anzügen Richtung Stadtwald strampeln. Kiewer sitzen in den Strandbädern, die Hitze hat seit ein paar Tagen nachgelassen, und nur noch wenige suchen Abkühlung im Fluss. Die Sonne leuchtet schräg über den Dnipro auf die Skyline der Stadt, die Gebäude in honiggelbes Licht getaucht.Auf Whatsapp-Kanälen leuchten Warnungen vor dem nächsten russischen Angriff auf. Bunte Emojis symbolisieren todbringende Gefahr: Comic-Raketchen stehen für Lenkwaffen, Vespa-Töffli für Shahed-Drohnen. Grad ist der Horror der nächsten Nacht schwer vorstellbar, doch alle wissen, dass er schon in wenigen Stunden zurückkehren könnte.Angehörige verschütteter Anwohner hoffen auf Information durch die Kiewer Polizei.Alina Smutko / ReutersPassend zum Artikel
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