Zu den unrühmlichen Rekorden der jüngeren Geschichte Kiews ist in der Nacht zum Donnerstag ein weiterer hinzugekommen. Mit gut elf Stunden musste die ukrainische Hauptstadt den bisher längsten Luftalarm in diesem Krieg erleben.Ab 21.40 Uhr am Mittwochabend beschoss Russland die Drei-Millionen-Einwohner-Metropole. Bis zum Mittag meldeten die Behörden bisher 17 Tote und 90 Verletzte sowie Zerstörungen an mehr als 30 Orten im Stadtgebiet, am meisten betroffen waren abermals Wohngebäude. Von Rettungskräften veröffentlichte Aufnahmen zeigen Bombenkrater in Wohngebieten, halb eingestürzte, mehrstöckige Wohnhäuser, brennende Dachstühle, Löscharbeiten sowie Wiederbelebungsversuche an aus Trümmern gezogenen Zivilisten.Selenskyj warnte am Mittwoch vor dem Angriff„Wir haben sehr schwere Zerstörungen und eine beträchtliche Anzahl von Opfern, darunter Kinder“, sagte der Leiter der Kiewer Militärverwaltung, Tymur Tkachenko, dem Portal „Kyiv Independent“. Die Stadt sei „aus allen Richtungen angegriffen“ worden. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sprach auf Telegram von einer „schrecklichen Nacht für Kiew“ und dem bisher „größten Angriff des Feindes“ auf die Hauptstadt.Rettungsarbeiten an einem zerstörten Wohnhaus in KiewReutersDie größten Zerstörungen habe es, so Klitschko, im südöstlich des Stadtzentrums gelegenen Wohnbezirk Darnyzkyj gegeben. Dort suchten Helfer am Donnerstag nach Überlebenden, darunter einem 15 Jahre alten Mädchen und seiner Familie. „Ein Teil ihres Hauses wurde buchstäblich weggerissen“, sagte Klitschko. Auch ein Gebäude des Rettungsdienstes und neun Rettungsfahrzeuge seien beschädigt sowie sechs Mitarbeiter, Ärzte und Fahrer, verletzt worden.Die ukrainische Luftwaffe teilte mit, dass Russland mehr als 70 Raketen, darunter fast die Hälfte schwer abzufangende ballistische Raketen sowie fast 500 Drohnen gegen die Ukraine gelenkt habe. Zwar hätten die meisten davon abgeschossen werden können, doch ist die Masse an Geschossen zu groß, als dass alle unschädlich gemacht werden könnten. Dass die Opferzahlen angesichts dieser Zerstörungskraft nicht noch höher ist, liegt auch daran, dass es längst präzise Vorhersagen für Luftangriffe gibt und die Einwohner sich darauf vorbereiten können.Am Mittwoch hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der anlässlich der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Irland in Dublin weilte, noch von dort aus vor einem bevorstehenden russischen Großangriff gewarnt und erklärt, deshalb schnellstmöglich nach Kiew zurückzukehren. Er forderte die Ukrainer auf, „unbedingt Schutz“ zu suchen und auf Luftalarme zu achten. „Wir wissen, dass Putin seit einiger Zeit einen massiven Angriff gegen die Ukraine vorbereitet. Genau diese Bedrohung steht uns heute Nacht bevor.“Metro aus Sowjetzeiten schützt nun vor MoskauLuftangriffe mit einer solch hohen Zahl an Raketen und Drohnen lassen sich heute nicht mehr unbemerkt planen, weshalb die Behörden früh im Bilde sind und die Bevölkerung informieren. Fast alle Ukrainer haben Apps auf ihren Handys, die vor Luftangriffen warnen und den Weg zu nahe gelegenen Schutzräumen weisen.Seit die russischen Angriffe spürbar zunehmen, folgen auch wieder mehr Menschen den Warnungen. Am Mittwochabend hatten Zehntausende Kiewer in U-Bahnstationen der Stadt Zuflucht gesucht. Die Metrostationen liegen hier besonders tief unter der Erde. Sie wurden zu Sowjetzeiten auch als Schutz gegen einen Atomangriff des Westens gebaut und schützen nun – Ironie des Schicksals – gegen Luftangriffe aus Moskau.Bewohner Kiews, die in der Nacht auf Donnerstag in der Metro Schutz gesucht haben.ReutersViele Ukrainer haben inzwischen Notfallsets mit Isomatten, Schlafsäcken sowie Rucksäcke mit Dokumenten und Lebensmitteln im Flur stehen, die sie bei Alarm schnell mitnehmen können. Die meisten folgen auch Kanälen in den sozialen Medien, wo Militärblogger ziemlich präzise Angaben dazu machen, wie viele Drohnen und Raketen woher kommen und in welche Richtung sie fliegen.Das hilft, die Gefahr real einzuschätzen. So bleiben die meisten zwar körperlich unversehrt, doch die psychischen Folgen zehren enorm. Luftalarme gibt es inzwischen fast jede Nacht, weshalb viele kaum Schlaf finden. Und auch tagsüber heulen immer wieder die Sirenen.Selenskyj erklärte, dass die Lieferung von Flugabwehrmunition „absolute und kritische Priorität“ habe. Die Beiträge der Unterstützerländer zum PURL-Programm, aus dem US-Waffen und Munition für die Ukraine finanziert werden, seien „essenziell“. Dazu zählten die für die Abwehr ballistischer Raketen dringend benötigten Patriot-Raketen. „Ich bin jedem unserer Partner dankbar, der hier hilft.“ Auch Deutschland beteiligt sich an dem Programm. Die Ukraine hoffe zudem auf eine Entscheidung der USA zur Lizenzproduktion von Patriots, sagte Selenskyj. „Solche Schritte können den Krieg stoppen und Angriffe wie diesen verhindern.“