Pro ArtikelDer rechte General, der Giorgia Meloni ins Schwitzen bringtDer Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt hat die Nervosität in Italiens rechtem Lager befeuert. Im Zentrum steht der frühere General Roberto Vannacci, dessen Partei Futuro Nazionale in den Umfragen stark zulegt.11.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenPolit-Aufsteiger des Jahres in Italien: «R»oberto Vannacci.Francesco Fotia / ImagoEin «sensationeller Sieg» war es für Matteo Salvini von der Lega, eine «schreckliche Nachricht» nannte es Antonio Tajani von der Berlusconi-Partei Forza Italia (FI). Gemeint war die Meldung über den Triumph der AfD in Sachsen-Anhalt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unterschiedlicher hätten zwei der drei Koalitionspartner der italienischen Regierung den Ausgang der Wahl im ostdeutschen Bundesland nicht bewerten können. Giorgia Meloni ihrerseits, die Dritte und Wichtigste im Bunde, zog es einstweilen vor, zu schweigen.Differenzen in der Römer Regierung sind an sich nichts Aussergewöhnliches. Doch diesmal sind sie um einiges grösser als üblich. Denn innerhalb des Regierungsbündnisses stellt man sich besorgt die Frage, ob die AfD-Welle auch nach Italien überschwappen könnte.AzM – Alternative zu MeloniMit der neuen Rechtspartei Futuro Nazionale (FN) des ehemaligen Generals Roberto Vannacci hat sich in Italien vor kurzem eine neue politische Gruppierung gebildet, die das Zeug hat, das bisherige Gleichgewicht rechts der Mitte erheblich zu stören. «Alternative zu Meloni» nennt sie – auf Deutsch und in Anlehnung an Sachsen-Anhalt – das bürgerlich-liberale Blatt «Il Foglio».Gemäss den letzten Umfragen hat FN mit fast 8 Prozent die Lega (4,4 Prozent) und FI (gut 7 Prozent) bereits deutlich überholt. Und wenn Lega und FI wackeln, sind mit Blick auf das bevorstehende nationale Wahljahr 2027 die Schwierigkeiten programmiert. Vannaccis Partei fischt erfolgreich in Matteo Salvinis Teich und scheint auch einige FI- und Meloni-Wähler abzuholen, die vom Kurs der Regierung enttäuscht sind.Der rege Zuspruch für Vannacci ist über Italien hinaus von besonderem Interesse. Denn er zeigt, dass ganz rechts aussen selbst dann noch Platz vorhanden ist, wenn eine pointiert rechts stehende Regierung am Werk ist – eine Exekutive zudem, von der man nicht sagen kann, dass sie die Trendthemen Migration und Sicherheit verschlafen hätte. Meloni kann in der Zuwanderungspolitik für sich in Anspruch nehmen, die Zahl der illegal eingereisten Migranten stark reduziert zu haben.Trotzdem profiliert sich auch Vannacci mit dem Migrationsthema und darüber hinaus in vielen anderen Bereichen, die der amtierenden Exekutive eigentlich lieb sind: Recht und Ordnung, Familie, Ablehnung von «Gender-Ideologie» und Leihmutterschaft. Vannaccis Rezeptur in diesen Punkten ist zwar um einige Grade schärfer als diejenige der Rechtsregierung. Doch das Menu ist dasselbe.Die grössten Unterschiede zu Meloni und Co. liegen vornehmlich in der Aussenpolitik, namentlich in der Europa-Politik und im Ukraine-Konflikt. Vannacci ist ein EU-Gegner und gilt als Putin-Freund. Diesbezüglich ist er nahe bei der AfD, die ihm im Übrigen auffallend viel Wohlwollen entgegenbringt.Sie haben ihn nicht kommen sehenFür Italiens regierende Rechte ist Vannacci ein schwieriger Fall. Und eigentlich hätte es ihn gar nicht geben dürfen. Namentlich Giorgia Meloni und Matteo Salvini waren 2022 mit dem Anspruch angetreten, rechts von Fratelli d’Italia und Lega kein Kraut wachsen zu lassen. Nicht von ungefähr hatte sich die Regierungschefin wenig um eine scharfe Abgrenzung nach ganz rechts bemüht und zum Beispiel jede Diskussion um das an den Faschismus erinnernde Parteilogo abgewürgt.Salvini seinerseits versuchte sogar, Vannacci einzubinden. Er bot ihm das Vizepräsidium der Lega an, was dieser gerne annahm. Doch kaum hatte er 2024 für die Lega einen gut dotierten Sitz im Europaparlament erobert, wandte er sich schrittweise von Salvini ab. Im Februar 2026 gab er die Gründung seiner eigenen Partei bekannt. Vannacci habe im Taxi der Lega Platz genommen, sich nach Strassburg chauffieren lassen – und sei dort ausgestiegen, ohne zu bezahlen, murrten einige Lega-Exponenten.Es gibt in Italiens Politik eine Formulierung, die gerne verwendet wird, wenn Personen falsch eingeschätzt werden. «Non ci hanno visto arrivare», zu Deutsch: Sie haben uns nicht kommen sehen. Elly Schlein vom oppositionellen Partito Democratico (PD) hatte die Redewendung für sich in Anspruch genommen, als sie 2023 ziemlich überraschend als Parteivorsitzende des PD gewählt wurde; und auch Giorgia Meloni hat schon darauf verwiesen, um ihren Aufstieg von der Ragazza aus einfachen Verhältnissen in die barocken Prunksäle des Palazzo Chigi in Rom zu illustrieren.Italien hat ein unstillbares Verlangen nach neuen Köpfen, solchen, von denen man vermutet, dass sie nicht schon durch die Unsitten des Politbetriebs verdorben sind. Auch Silvio Berlusconi, eine Art Donald Trump avant la lettre, gehörte seinerzeit, wenngleich vor einem völlig anderen Hintergrund, in diese Kategorie. Er war der neue Kopf, der in den neunziger Jahren den politischen Aufbruch nach den grossen Schmiergeldskandalen hätte verkörpern sollen.«Trojanisches Pferd Russlands»Auch Vannacci ist ein Politiker von dieser Sorte: ein neuer, frischer Kopf. Auch ihn haben sie nicht kommen sehen. Geboren 1968 in La Spezia, absolvierte er die Militärakademie in Modena und die sogenannte Anwendungsschule in Turin. Ausgestattet mit einem Universitätsabschluss in strategischen Wissenschaften, internationalen Beziehungen und Militärwissenschaften, wurde er später Kommandant eines Fallschirmjägerregiments und leitete Einsätze in Krisengebieten in Somalia, Rwanda, Bosnien, dem Irak, Libyen und Afghanistan. Von Anfang 2021 bis 2022 war er Militärattaché in Moskau. 2023 wurde er zum Divisionsgeneral befördert.Ins politische Geschehen griff er ernsthaft erst 2023 ein – mit der Publikation eines Buches im Eigenverlag, das völlig unerwartet zu einem Bestseller wurde. In dem Buch «Il mondo al contrario», zu Deutsch: «Verdrehte Welt», breitete er seine Vorstellung gesellschaftlicher Normalität aus. Er rechnet darin mit Feministinnen und Migranten ab, stellt fest, dass Homosexuelle «nicht normal» seien, ärgert sich über Tierrechtsaktivisten und so weiter. Sich selbst sieht er in der genetischen Nachfolge von grossen «Italienern» wie Romulus, Dante, Michelangelo und Julius Cäsar.Die Publikation löste in Rom einige Empörung aus. Verteidigungsminister Guido Crosetto, ein enger Vertrauter und Parteifreund von Giorgia Meloni, distanzierte sich von dem General und suspendierte ihn im Februar 2024 vom Armeedienst. Seither bezieht Vannacci eine Rente. Und sorgt für Unruhe im Politikbetrieb.Inzwischen hat Vannacci die Aufmerksamkeit der internationalen Medien erlangt. Die «Financial Times» («FT») hat den General vor wenigen Tagen als «trojanisches Pferd Russlands» bezeichnet. In dem Artikel kommt unter anderen ein früherer britischer Militärattaché und Kollege Vannaccis aus Moskauer Zeiten zu Wort, der bestätigt, dass der General eine Vorliebe für Putins Vorstellungswelten habe. Wie viele andere glaube auch Vannacci, dass der Krieg gegen die Ukraine vom Westen provoziert worden sei.Der «FT»-Artikel hat in Rom starkes Aufsehen erregt und weitere Recherchen italienischer Medien nach sich gezogen, die im Tagesrhythmus nun angebliche oder tatsächliche Verbindungen des Generals zu russischen Regierungskreisen ans Tageslicht bringen.Mario Montis StandpaukeVor Wochenfrist wurde Vannacci derweil nach Cernobbio an den Comersee eingeladen. Dort trifft sich jeweils nach der Sommerpause die italienische und die internationale Wirtschafts-, Finanz- und Politikelite zum sogenannten Forum Ambrosetti. Die Einladung an den Aussenseiter stiess da und dort auf heftige Kritik. Vannacci liess sich dadurch nicht beirren.Allerdings traf er in Cernobbio in der Person des früheren EU-Wettbewerbskommissars und ehemaligen Regierungschefs Mario Monti auf einen illustren Gegner. Monti, der als Technokrat nach den Berlusconi-Jahren den italienischen Haushalt sanieren musste, gilt nicht als Mann der lauten Worte.Mit schwacher Stimme sagte der 83-jährige Monti zu dem neben ihm auf einem Podium sitzenden Vannacci: «Beim Hören Ihrer Reden und beim Lesen Ihres Programms sehe ich einen Aspekt des Faschismus – den tückischsten», meinte Monti. Und erklärte: «Wahrscheinlich geht es Ihnen nicht um die Wiedergründung der Partei, aber ich finde bei Ihnen die Wiederbelebung des Narrativs, der Rhetorik und des Geistes des Faschismus.»Die aktiven italienischen Politiker ihrerseits haben noch keine Antwort auf Vannacci gefunden. Eine Brandmauer wie gegenüber der AfD gibt es nicht. Aber viel Ratlosigkeit.Passend zum Artikel
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