Er ist gekommen, um zu bleiben: Roberto Vannacci, 57 Jahre alter pensionierter Heeresgeneral, hat die Politik Italiens binnen drei Jahren im Sturm erobert. Stand heute ist nach den Parlamentswahlen 2027 die Bildung einer Mitte-rechts-Koalition ohne Vannacci und dessen Partei Futuro Nazionale (Nationale Zukunft) nicht möglich. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni braucht Vannaccis Partei, will sie 2027 für eine zweite Amtszeit von fünf Jahren wiedergewählt werden, ohne auf linke Koalitionspartner angewiesen zu sein.Am Montag erinnerte Vannacci an den „Urknall“ seiner politischen Laufbahn, wie er es formulierte: das Erscheinen seines Buchs „Il mondo al contrario“ am 10. August 2023. Das Pamphlet des rechten Grobians, der mit Lust die Regeln der Wokeness verletzt, erschien im Selbstverlag und erreichte innerhalb weniger Tage auf Amazon die Spitze der Bestsellerliste italienischer Sachbücher. Das Buch, das inzwischen in mehreren Übersetzungen erschienen ist – auf Deutsch im Februar 2024 unter dem Titel „Verdrehte Welt“ –, hat eine Gesamtauflage von mehr als 250.000 Exemplaren erreicht. Es dürfte Vannacci Tantiemen von mehr als einer halben Million Euro eingebracht haben.Vor allem aber machte das Buch seinen Autor schlagartig berühmt. Da hatte sich einer getraut, gegen das von ihm beklagte „Einheitsdenken“ (pensiero unico) aufzubegehren – im Namen und Interesse der „schweigenden Mehrheit“, wie Vannacci behauptete. In seinem Buch bezeichnete er Homosexuelle als „nicht normal“ und Feministinnen als „moderne Hexen“. Er forderte die Erweiterung des Rechts zur Selbstverteidigung: Wer einen Einbrecher stelle, solle diesen straffrei „mit einem beliebigen Gegenstand durchbohren“ dürfen. Über die schwarze Volleyballspielerin Paola Egonu, geboren 1998 in Italien als Tochter nigerianischer Eltern und seit 2014 eine der Stützen der italienischen Nationalmannschaft, schrieb Vannacci: „Paola Egonu ist italienische Staatsbürgerin. Aber es ist klar, dass ihre körperlichen Merkmale nicht die Italianità (das Italienischsein) repräsentieren.“Erst Scherereien, dann AufstiegSein Buch brachte Vannacci erst Scherereien mit seinen zivilen Vorgesetzten ein, kurz darauf dann den Aufstieg in die nationale Politik. Verteidigungsminister Guido Crosetto, einer der engsten politischen Vertrauten Melonis, suspendierte Vannacci mit dem Argument, der General habe sein Buch ohne Einwilligung der Armeeführung veröffentlicht und „mit persönlichen Wahnvorstellungen das Heer, das Verteidigungsministerium und die republikanische Verfassung diskreditiert“.Es war Matteo Salvini, seit Oktober 2022 Vizeministerpräsident und Verkehrsminister in Melonis Kabinett, der das politische Naturtalent Vannaccis erkannte. Salvinis Werben um Vannacci hatte zunächst Erfolg. Als unabhängiger Kandidat auf der Liste der rechtsnationalen Lega wurde Vannacci bei den Europawahlen im Juni 2024 nach Straßburg gewählt. Im April 2025 trat Vannacci der Lega bei, im Mai ernannte ihn Salvini zum stellvertretenden Parteichef. Doch die Allianz der Alphamänner der italienischen Rechten hielt nicht lange. Im Februar 2026 verließ Vannacci die Lega und gründete seine eigene Partei.Seither nahm die neue Rechtsaußenpartei Futuro Nazionale (FN) eine erstaunliche Entwicklung. Vannacci rekrutierte unermüdlich Mitglieder, trieb die Gründung von Orts-, Provinz- und Regionalverbänden voran. Beim ersten Parteikongress im Juni 2026 wählten die rund 1700 Delegierten neben dem Parteichef Vannacci einen fünfzehnköpfigen Vorstand, einen nationalen Ausschuss sowie regionale Parteiführungen. Die Partei gewann nach eigenen Angaben bis Ende Juli 130.000 Mitglieder. In der Abgeordnetenkammer sind inzwischen acht Parlamentarier zur FN übergelaufen, jeweils zur Hälfte von Salvinis Lega und von der christdemokratischen Partei Forza Italia (FI) unter Führung von Außenminister und Vizeministerpräsident Antonio Tajani.Im Kampf mit Brüssel „zu weich“ geworden?Im Senat hat die FN noch keine eigene Parlamentariergruppe. Aber die Partei ist ausweislich jüngster Umfragen zur nationalen Größe geworden. Mit sieben Prozent Zustimmung liegt Vannaccis FN gleichauf mit Tajanis FI und einen Punkt vor Salvinis Lega. Vannaccis mittelfristiges Ziel bis zu den Wahlen 2027 ist es, ein zweistelliges Ergebnis zu erreichen. Viel spricht dafür, dass die von den Wählern rechts der Mitte als dynamisch wahrgenommene FN bald zur zweitstärksten Kraft der politischen Rechten werden könnte – hinter Melonis rechtskonservativer Partei Brüder Italiens mit zuletzt 27 Prozent Zustimmung. Tajani und Salvini sind als Parteiführer jeweils angeschlagen, ihre Parteien befinden sich im Abwärtstrend. Vannacci sagt über Salvinis Lega und Melonis Brüder Italiens, die beiden Hauptkonkurrenten auf der Rechten, diese seien in der Regierungsverantwortung im Kampf gegen die illegale Migration und in der Auseinandersetzung mit Brüssel „zu weich“ geworden.Mit der Parole „Italien den Italienern“ fordert Vannacci, die nationalen Interessen in der Migrationspolitik und generell gegenüber der EU entschiedener zu vertreten. Melonis jüngste „Offensive“ in der Migrationspolitik nach dem Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta hängt ursächlich mit dem Aufstieg von Vannaccis Partei zusammen. In Umfragen kommen die drei Parteien von Melonis Mitte-rechts-Koalition auf 40 Prozent. Die linken Oppositionsparteien unter Führung der Sozialdemokraten erreichen den gleichen Wert. Zwei liberale Kleinparteien in der Mitte stagnieren bei zusammen fünf Prozent.Am Rande einer Veranstaltung zu seinem persönlichen „Urknall“ vor drei Jahren sagte Vannacci Anfang der Woche, er erwarte gerne und jederzeit einen Anruf der Regierungschefin. Seit der Gründung seiner Partei im Februar habe er weder mit Meloni noch mit Tajani oder Salvini gesprochen. „Ich betrachte Giorgia Meloni als die Herrin des Hauses“, so Vannacci. „Ich erwarte von ihr, dass sie mit jedem spricht, der ihr Haus betritt.“ Hereingebeten hat Meloni Vannacci freilich nicht. Noch nicht.
Roberto Vannacci: Warum Giorgia Meloni ihn braucht
Vor drei Jahren trat der Heeresgeneral auf die politische Bühne. Jetzt ist ohne seine Partei Nationale Zukunft keine Mitte-rechts-Koalition mehr möglich.







