Warn-SMS und «Aussenschulzimmer»: Der Zürcher Gemeinderat arbeitet sich am Hitzesommer abNach den aussergewöhnlich heissen Wochen sehen alle Parteien im Zürcher Stadtparlament Handlungsbedarf. Beim «Wie» ist es mit der Einigkeit allerdings vorbei.10.09.2026, 05.29 Uhr4 LeseminutenDer Sommer in Zürich war aussergewöhnlich heiss. Der links-grün dominierte Gemeinderat will mit verschiedenen Massnahmen der Bevölkerung künftig mehr Abkühlung und Schutz bieten.Christian Beutler / KeystoneDie Hitze hat sich am Mittwoch zwar mit einer deutlichen Abkühlung verabschiedet, aber der Zürcher Gemeinderat hat sie noch nicht abgeschrieben. Die Diskussion im Stadtparlament drehte sich am Mittwoch mehrmals um die Frage, wie die Stadt ihre Bevölkerung gegen extreme Temperaturen schützen kann. Der Hitzeinsel-Effekt war besonders in der Innenstadt frappant. Die Messstation bei der Kaserne im Kreis 4 verzeichnete zwischen Juni und August 38 Tropennächte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In verschiedenen, zum Teil als dringlich erklärten Vorstössen zeigte sich: Die Besorgnis über die «Hitzeinsel» Zürich ist parteiübergreifend. Und auch, dass hohe Temperaturen ein Gesundheitsrisiko sind, wurde im Rat von links bis rechts bekräftigt. Bei den Massnahmen, wie mit dem Phänomen umzugehen sei, war es mit der Einigkeit allerdings vorbei. Dennoch wurden gleich vier Vorstösse aus unterschiedlichen Ecken an den Stadtrat überwiesen.Warn-SMS und kühle KirchenAus der Feder der Grünen stammten gleich zwei Ideen. Zum einen möge die Stadt die Bevölkerung künftig aktiver vor grosser Hitze warnen. Dafür schlagen sie drei Massnahmen vor: An stark frequentierten Orten soll vermehrt auf die Gefahren der Hitze und auf kühle Orte aufmerksam gemacht werden. Die Stadt soll zudem Warn-SMS verschicken dürfen, wie sie das etwa schon bei Schnee oder Ozonbelastung tun kann. Zudem soll eine öffentlich zugängliche sogenannte Cool-Map Orte verzeichnen, an denen es kühl ist: etwa Kirchen, Parks, Museen oder kostenlose Badis.Unterstützung erhielten die Grünen nicht nur von der SP und der AL, die zudem noch vorschlug, das Warnsystem der Stadt mit jenem des Bundes zu koppeln. Auch die Mitte und die Grünliberalen hatten Sympathien für den Plan, die Stadt in Sachen Hitzewarnung in die Verantwortung zu nehmen. Christoph Riedweg (GLP) erinnerte zudem an das Unwetter von Mitte Juni und an den Hagelsturm von Ende August und wies darauf hin, dass auch in solchen Fällen wohl ein Warnsystem sinnvoll wäre. Karin Stepinski (Mitte) fand insbesondere Gefallen an der Cool-Map, wofür sie Ansätze bereits in Deutschland beobachtet hat. Dort würden Kirchen als kühle Orte beworben. Sie bat den Stadtrat aber angesichts der bereits vorhandenen Möglichkeiten um eine pragmatische Umsetzung unter Berücksichtigung bestehender Strukturen.Dagegen waren lediglich SVP und FDP, die vor zu viel Bürokratie respektive einer «Intensivbetreuung» der Bürger warnten. Es gebe doch schon sehr viele Serviceleistungen der Stadt, die man einfach besser nutzen sollte. Der zuständige Stadtrat Andreas Hauri (GLP) wies zwar darauf hin, dass zwei der vorgeschlagenen Massnahmen bereits in der Umsetzung begriffen seien – dennoch stimmte eine deutliche Mehrheit des Rates für die Überweisung des Postulats.Weniger Zustimmung erhielten die Grünen für die Idee, Schulen systematisch mit beschatteten Unterrichtsmöglichkeiten im Freien auszustatten. Mitinitiatorin und Lehrerin Selina Walgis berichtete von ihren Erfahrungen, mit Schülern bei über 30 Grad im Schulzimmer an einen Aussenplatz zu wechseln – und wie diese Tische und Bänke im Schatten immer beliebter geworden seien. Sie stellte nicht in Abrede, dass die Schulhäuser an die veränderten klimatischen Bedingungen angepasst werden müssten. Doch könnten «Aussenschulzimmer» eine sinnvolle Ergänzung sein.Während die SVP darin ein Beispiel für die rot-grüne Ideologie und die Aversion gegen Klimaanlagen sah, widersprach Walgis in den Reihen der GLP ausgerechnet eine Berufskollegin. «Eine herzige Idee» sei das, sagte Florine Angele, die in Opfikon unterrichtet. Aber die Massnahme sei weder effektiv noch skalierbar. Zum einen, weil die Hitze im Freien an gewissen Tagen noch schwerer erträglich gewesen sei als drinnen. Zum anderen sei die Lernatmosphäre draussen nicht überall gegeben – nicht nur in Opfikon, wo alle paar Minuten ein Flugzeug über den Kopf donnere. «Es gibt keinen anderen Weg als die Klimatisierung der Klassenzimmer», sagte Angele. So lehnte nicht nur die SVP, sondern auch die GLP, die Mitte und die FDP das Postulat ab.Es wurde dennoch mit knapper Mehrheit angenommen. Der Schulvorsteher Balthasar Glättli, der sich gegenüber Klimaanlagen weniger skeptisch zeigt als seine grüne Partei, nannte den Vorstoss eine «konkrete Ergänzung» zu den Plänen, die der Stadtrat in Bezug auf Hitze an den Schulen bereits prüft.Mehr Platz für SchwimmerEbenfalls eine grosse Mehrheit fand die Idee der SP, der Stadtrat möge noch mehr einfache und kostenlose Einstiege in den Zürichsee ermöglichen. Die Initianten argumentieren unter anderem mit den hohen Temperaturen, die zu einer verstärkten Nutzung des Zürichsees zur Abkühlung führen könnten. Zudem sei der Preis für den Badieintritt nicht vernachlässigbar – und für manche Bevölkerungsgruppen zu teuer. Für Kinder oder ältere Personen sei der Zustieg zum See an manchen Stellen nach wie vor schwierig.Überwiesen wurde schliesslich auch ein Postulat der FDP – und zwar ohne vorgängige Debatte. Die Partei fordert den Stadtrat auf, die städtischen Gesundheitseinrichtungen – Spitäler, Alterssiedlungen sowie die Gesundheitszentren für das Alter – daraufhin zu überprüfen, ob sie auf längere Hitzeperioden vorbereitet seien. Dabei ginge es um organisatorische und bauliche Massnahmen, die vulnerable Personen vor extremen Temperaturen schützen könnten. Eine technische Lösung werde bewusst nicht vorgegeben, argumentierten die beiden Initianten Thomas Hofstetter und Brenda Mäder.Sie kamen allerdings darum herum, den links-grün dominierten Rat von ihrer Idee überzeugen zu müssen. Weil ein signifikanter Teil der Ratsmitglieder nach der Pause nicht pünktlich auf ihren Plätzen zurück war, entschied der Präsident kurzerhand, das Postulat ohne Debatte und Abstimmung an den Stadtrat zu überweisen. Die Exekutive wird dieser Hitzesommer also wohl noch einige Monate beschäftigen.Passend zum Artikel
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