«Hitzefrei!», «Eiswürfel!», «Klimaanlagen!» – Das fordern die Zürcher Schüler bei über 30 Grad. Linke Politiker wollen vorerst Pausenplätze entsiegeln und Bäume pflanzenIn der Stadt Zürich wird es immer heisser. Doch nur wenige Klassenzimmer sind für Hitzetage gerüstet.Jana Kehl23.06.2026, 05.01 Uhr4 LeseminutenKinder auf dem Pausenplatz eines Zürcher Schulhauses: Hitzefrei wurde in den 1980er Jahren abgeschafft.Karin Hofer / NZZAn diesen Sommernachmittagen ähnelt die Zürcher Schule Rütihof einem Ameisenbau, der nicht zur Ruhe kommt. In den kühlen Gängen verteilen sich die Sechstklässler, rennen dort hin und her. Immer wieder werden sie von der Lehrerin ermahnt, leise zu sein und die Aufgaben konzentriert zu lösen. Im abgedunkelten Unterrichtszimmer nebenan setzen sich die Kinder der fünften Klasse in einen Kreis auf den Boden. Auch sie reden wild durcheinander, obwohl sie sich nacheinander melden sollten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Schülerinnen und Schüler scheinen sich des selbst verursachten Chaos bewusst zu sein. Sie erklären es mit der Hitze, den 33 Grad Celsius, die auch drinnen zu spüren sind. Es sei zu heiss für den Unterricht, konzentrieren könnten sie sich auf jeden Fall nicht mehr. Wenig überraschend haben die Kinder denn auch eine schnelle Lösung bereit: «Hitzefrei!»Von schulfreien Tagen bei Hochtemperaturen hat sich die Politik in Zürich vor über 40 Jahren verabschiedet. Die spontane Betreuung zu Hause lasse sich oft nicht organisieren, lautet der Grundtenor bis heute. Gleichzeitig ist man sich einig, dass Mathe-Aufgaben und Deutschprüfungen im Sommer zunehmend eine Zumutung sind. In den vergangenen Jahren verzeichnete die Stadt Zürich im Schnitt etwa 16 Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad in dichtbesiedelten Gebieten. Treffen die Szenarien von Meteo Schweiz ein, könnten es bis 2060 jährlich doppelt so viele sein.Es brauche deshalb Massnahmen, um die Schulhäuser für die steigenden Temperaturen zu rüsten, betonen die meisten Politiker in der Stadt. Der einfachste Weg, Klassenzimmer von 30 auf 24 Grad abzukühlen, wären Klimaanlagen. Doch diese Option ist umstritten.Mehr Schwammstadt auf den PausenplätzenDie rot-grüne Mehrheit im Gemeinderat schlägt vor, die «bioklimatische Situation» zu verbessern. Konkret soll die Stadt in diversen Schulanlagen mehr Bäume pflanzen, Fassaden begrünen und Pausenplätze entsiegeln – «damit Kinder und Jugendliche auch im Sommer an den Schulen gut lernen und draussen spielen können», wie es im entsprechenden Vorstoss heisst. Jüngst hat das Parlament diesen an den Stadtrat überwiesen, der nun eine Vorlage dazu ausarbeiten muss.Studien zeigen zwar, dass sich die gefühlte Aussentemperatur durch sogenannte Schwammstadt-Massnahmen um bis zu 7 Grad senken lässt. Doch in den Klassenzimmern der 1992 eröffneten Schule Rütihof, die am Hönggerberg ohnehin schon im Grünen liegt, bleibt es heiss. Andere Lösungen sind deshalb gefragt.«Eiswürfel!», schlägt ein Schüler vor. Kälteres Trinkwasser wäre doch schon etwas, sagt er, die anderen Kinder nicken zustimmend. Mehr Konfliktpotenzial bieten die Ventilatoren, welche die Schule in den Unterrichtszimmern verteilt hat. Der Luftzug sei zwar angenehm, oft komme es jedoch zu Streit, weil einige mehr von diesem abbekämen als andere. Darum fordert eine Schülerin: «Klimaanlagen!» Mit einer solchen wäre es jetzt im ganzen Schulzimmer «schön kühl», sagt sie.Die Forderung nach Klimaanlagen wird lauterAnders als in vielen südlichen Ländern oder den USA sind Klimaanlagen in der Schweiz kaum verbreitet. Das liegt unter anderem daran, dass sie wegen des hohen Strombedarfs vielerorts noch als umweltschädlich gelten. Und doch wird die Forderung nach den Kältemaschinen lauter.«Was wollen wir unseren Schülern, Lehrern, Patienten oder älteren Menschen in Alterszentren noch zumuten?», fragte etwa der GLP-Nationalrat Patrick Hässig jüngst im Parlament. Der Bundesrat solle prüfen, wie Klimaanlagen gezielt eingesetzt werden könnten.Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz hielt vor einigen Wochen in einem Positionspapier fest: Bei extremen Hitzewellen sei eine aktive Raumkühlung unumgänglich. Weiter forderte er einen Grenzwert von 26 Grad für Klassenzimmer, den das Seco bereits für Büros empfiehlt.Und in der Stadt Zürich sagte der ehemalige Schulvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) der NZZ im vergangenen Jahr: «Bei über 30 Grad kann man Kinder kaum unterrichten.» Gerade in den oberen Etagen vieler Zürcher Schulhäuser seien Klimaanlagen nötig. Die «bisherige Praxis» sehe das jedoch nicht vor.Zuständig für bauliche Massnahmen an den Zürcher Schulen ist das Hochbaudepartement unter der Leitung von Stadtrat Tobias Langenegger (SP), der kürzlich die Nachfolge von André Odermatt (SP) angetreten hat. Bei Neubauten setze man in der Regel auf «leistungsstarke und nachhaltige Massnahmen» wie das sogenannte Free Cooling und Zugluftkühlung, schreibt die Medienstelle des Departements auf Anfrage.«Die Verwendung von Klimaanlagen ist aber heute bereits möglich und dürfte in Zukunft angesichts der steigenden Hitzebelastung noch zunehmen.» Für einen nachhaltigeren Betrieb biete sich der auf eigenen Dächern produzierte Solarstrom an. Laut der Medienstelle wurden in den neu gebauten Schulanlagen Brunnenhof und Borrweg im vergangenen Jahr bereits Klimaanlagen installiert.Grüne Agenda statt pragmatischer Lösungen?Selina Walgis (Grüne), die selbst Lehrerin ist, hat den Vorstoss im Gemeinderat mit eingereicht. Auf den Zürcher Schulanlagen gebe es viele versiegelte Flächen – und dementsprechend auch «viel Potenzial», um das Hitzeproblem langfristig zu lindern, sagt sie auf Anfrage. Selbstverständlich brauche es aber auch bauliche Massnahmen. «Auf Klimaanlagen kann aus Sicht der Grünen dort zurückgegriffen werden, wo ökologischere Massnahmen nicht ausreichen.»Dass die Linken auf Bäume statt auf eine aktive Kühlung setzen, ärgert die Bürgerlichen. Die Gemeinderätin Sabine Koch (FDP) kritisiert gegenüber der NZZ: «Die geforderten Massnahmen der Begrünung und Entsiegelung bedienen die Agenda der Grünen, schnelle pragmatische Lösungen bieten sie aber nicht.» Auch Sonnenstoren könnten Abhilfe schaffen, Klimaanlagen müssten zumindest in Erwägung gezogen werden.Letztlich gibt es im Stadtparlament aber auch einige wenige Stimmen, die das Problem als gar nicht so drastisch sehen. Die Stadt habe bereits genügend Vorkehrungen getroffen, sagte etwa Jean-Marc Jung (SVP) während der Debatte: «Wir müssen jetzt Hitzeresistenz aufbauen – und das müssen auch die Kinder bis zu einem gewissen Grad.»Die Schule Rütihof wolle man mittelfristig unter anderem «maschinell» kühlen, schreibt die Stadt auf Anfrage – auch wenn bis anhin keine Meldungen von Überhitzung eingegangen seien. Viele Schüler halten jedoch am ursprünglichen Plan «Hitzefrei!» fest. Einer von ihnen beginnt am Schul-Laptop zu googeln, blickt dann freudig auf und sagt: «Doch! Das ist an den Schulen erlaubt!» Kurz darauf folgt die Ernüchterung: Seine Rechercheergebnisse beziehen sich auf Deutschland, wo Schüler je nach Bundesland an Hitzetagen freibekommen. In der Schweiz hingegen müssen Kinder auch bei grosser Hitze in die Schule.Passend zum Artikel
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In der Stadt Zürich wird es immer heisser. Doch nur wenige Klassenzimmer sind für Hitzetage gerüstet.
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