Immer mehr Zürcher Schulen wagen «Hitzefrei light» – und legen sich dabei mit dem Kanton anDie rechtlichen Grundlagen für schulfrei an Hitzetagen fehlen. Doch die Pädagogen werden kreativ – und begründen ihre Massnahmen mit dem «Schutz» der Lehrpersonen und Kinder.Jana Kehl26.06.2026, 05.03 Uhr4 LeseminutenEin Teenager springt in die Limmat. Doch Hitzefrei bleibt für viele Kinder ein unerfüllter Wunsch.Ennio Leanza / KeystoneEigentlich wollte Jörg Walser, Rektor der Schule Meilen, diese Woche Glacen für die Kinder und Jugendlichen organisieren. Doch er bekam kein Kühlfahrzeug mehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Mittwoch entschied sich die Schulpflege der Zürcher Gemeinde dann für eine andere Massnahme gegen die Hitze im Klassenzimmer. In einer E-Mail schrieb die Schule Meilen an die Eltern: «Der Unterricht fällt für alle Schülerinnen und Schüler morgen und übermorgen Nachmittag (25. und 26. Juni) wegen der hohen Temperaturen aus.»Der Entscheid sei «pragmatisch und einstimmig» gefallen, so Walser. «Ausschlaggebend war die Hitzewarnstufe vier.» Diese zweithöchste Stufe gilt seit Donnerstag neu auch für den Kanton Zürich. Unterricht mit bis zu 26 Schülerinnen und Schülern sei bei 35 Grad schlichtweg nicht möglich, sagt Walser. «Es geht der Schule Meilen darum, sowohl die Kinder als auch die Lehrpersonen vor der Hitze zu schützen und zu entlasten.»Auch andernorts heisst es für die Schülerinnen und Schüler derzeit: halbtags hitzefrei. So dürfen etwa Lehrpersonen an der Primarschule Dübendorf den Kindern an diesen Nachmittagen freigeben, wie die Schule in einer Medienmitteilung schreibt. Grund dafür seien die «einmalig» hohen Temperaturen. Zudem seien die «Abkühlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt», da das Freibad in Dübendorf derzeit umgebaut werde.Beim kantonalen Volksschulamt überzeugen diese Begründungen jedoch nicht: «Im Kanton Zürich gibt es keine gesetzlichen Grundlagen für Hitzeferien», sagt die Leiterin Myriam Ziegler zur NZZ. Die Schulen hätten eine Obhutspflicht: Während der Schulzeiten stünden die Kinder und Jugendlichen unter der Aufsicht von Lehrpersonen. «Deshalb findet Schule auch bei Hitze statt.»Zurück in die Siebziger?Anders sah das vor über fünfzig Jahren aus, als die Kinder an heissen Tagen frei bekamen. «Auch der beste und folgsamste Schüler freut sich, wenn einmal etwas ausser Programm, ausser Stundenplan geschieht», schrieb die NZZ im Jahr 1974. «Hitzeferien» seien so etwas – und doch blieben schulfreie Tage bei Temperaturen über 30 Grad eine «Rarität», heisst es im Artikel. «Ein kurzes Gewitter schon bringt die kleine Abkühlung – und aus ist der Traum.»In den achtziger Jahren wurde die Hitzefrei-Regelung im Kanton Zürich abgeschafft. Bis heute gibt es aus Sicht des Volksschulamts «gute Gründe» dagegen: Einerseits gälten die Schulpflicht und das Recht auf Bildung, sagt Ziegler. Andererseits seien die Eltern darauf angewiesen, dass die Kinder den Unterricht besuchen könnten und betreut würden.Und trotzdem: Die Temperaturen steigen laut Meteo Schweiz, Hitzetage sind schon lange keine «Rarität» mehr. Immer wieder legen sich Schulen mit dem Kanton an. 2019 etwa verkündete die Schulleitung der Schule Tömlimatt in Kappel am Albis eines heissen Tages: «Wir haben entschieden, dass die Kinder am Donnerstag freihaben.» Kurz darauf schritt der Kanton ein und pfiff die Schule zurück, wie diese Zeitung berichtete.Heute versuchen es Schulen wie jene in Dübendorf und Meilen mit einer Art «Hitzefrei light». Der Schulpflege sei bewusst gewesen, dass der Entscheid nicht den Vorgaben des Volksschulamtes entspreche, sagt Jörg Walser. Allerdings finde der Unterricht am Vormittag statt, und auch am Nachmittag komme die Schule der Aufsichtspflicht nach. Für jene Kinder, deren Eltern berufstätig seien, habe man «ein Spezialprogramm» zusammengestellt. Die Lehrpersonen seien also nach wie vor anwesend.Dass Kinder von berufstätigen und nicht berufstätigen Eltern trotzdem ungleich behandelt würden, sei ihm ebenfalls bewusst, sagt Walser. Er hoffe letztlich aber auf Flexibilität: «Möglicherweise kommen auch Kinder mit ihren ‹Gspänli› zur Schule, die nicht unbedingt müssten.» Umgekehrt gehe er davon aus, dass auch Eltern gemeinsame Lösungen finden würden, um die Kinder zu Hause oder in der Badi zu betreuen.Schulfrei contra Fussbäder – jetzt sind die Gemeinden gefragtLaut Volksschulamt gibt es auch für «Hitzefrei light» keine gesetzliche Grundlage. Die Rahmenbedingungen seien klar, sagt Ziegler. «Als Amt weisen wir die Schulen regelmässig darauf hin.» Letztlich dürften und sollten die Schulen «kreativ» sein: «Wir haben schon verschiedene Ansätze gehört, von Fussbädern und Glacen-Produktion über Verlegungen des Unterrichts in den Wald bis zu Wasserschlachten», sagt Ziegler.Schulfrei contra Fussbäder – langfristig dürften beide Massnahmen zu kurz greifen. Gefragt sind deshalb vor allem die Gemeinden. Sie müssen laut Ziegler Massnahmen im Hinblick auf weitere Hitzetage analysieren und ihre Schulen auch baulich dafür rüsten.Auf Gemeindeebene ist man sich jedoch ebenfalls uneinig, was das beste Rezept gegen die Hitze im Klassenzimmer ist. Das zeigte sich jüngst in der Stadt Zürich. Die rot-grüne Mehrheit im Stadtparlament will sogenannte Schwammstadt-Massnahmen vorantreiben – und somit mehr Pausenplätze entsiegeln sowie Bäume pflanzen. Bürgerliche Politiker hingegen kritisieren, man lenke von effektiveren Lösungen wie Klimaanlagen ab.Während die Hitzewelle nächste Woche abflachen soll, dürfte sich die politische Diskussion rund um die schwitzenden Schulkinder und Lehrer also weiter aufheizen.Passend zum Artikel
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