Die Französisch-Hefte sind aufgeschlagen, Füller gezückt, die jungen Augenpaare der Klasse 8e nach vorne zur Tafel gerichtet. „Non, je n’y vais pas avec Lilly“, schreibt Lilly, was ihr eine Mitschülerin auf Französisch diktiert. Zu Deutsch: „Nein, ich gehe nicht mit Lilly dorthin.“ Ist nicht böse gemeint, sondern Sprachunterricht mit Schülerbezug. Und der spielt sich hier nicht in einem regulären Klassenzimmer im Schulgebäude ab, sondern an selbst gebauten Holztischen und Bänken unter freiem Himmel, gesäumt von Schatten spendenden Bäumen und Büschen.Die Georg-August-Zinn-Schule liegt am Rande von Reichelsheim, malerisch eingebettet in die geschwungene Wald- und Wiesen-Hügellandschaft des Odenwalds. Doch es kommt hier noch etwas dazu, was den Outdoor-Faktor erhöht: An der Kooperativen Gesamtschule mit rund 1100 Schülern arbeiten sie seit einigen Jahren daran, dem zunehmenden Hitzestress im Schulgebäude infolge der Klimaerwärmung entgegenzuwirken und zu entkommen. Sie haben draußen drei sogenannte Grüne Klassenzimmer eingerichtet, zusätzliche Aufenthalts- und Lernplätze an der frischen Luft geschaffen, Flächen entsiegelt oder Schatten spendende Bäume und Sträucher gepflanzt. Und Weiteres ist in Planung an der vom Land seit 2021 auch deshalb als „Gesundheitsfördernde Schule“ zertifizierten Gesamtschule. Zudem seit 2025 eine von bislang 25 hessischen UNESCO-Projektschulen mit einem Schwerpunkt auf nachhaltiger Entwicklung.Im alten Flachbau ist es im Sommer „unerträglich heiß“„Man ist an der frischen Luft und mal in einer anderen, angenehmen Umgebung“, erläutert Schülerin Lilly, warum sie die Alternative draußen gut findet. Wenn es sehr heiß sei, könne man sich hier besser konzentrieren als drinnen. „Es wird gut angenommen“, fasst Julia Eberle zusammen, Klassenlehrerin der 8e und an der Schule zuständig für den Außenbereich. Zwar muss sie kurz gegen das Läuten der Kirchenglocken anreden, doch das tönt nur einmal täglich um zwölf Uhr, wie sie versichert. Es gebe vereinzelt Schüler, denen der Draußenunterricht schwerer falle, weil sie dort abgelenkter seien. Auch manche Kollegen lehnten es ab, weil sie es anstrengend finden. „Es bedeutet ein Umdenken, dass sich auch draußen Lernen abspielt“, betont Eberle, die Mathe und Deutsch unterrichtet. Aber ihre Draußen-Ausrichtung habe sich an der Schule gut eingespielt und komme insgesamt gut an. Die Grünen Klassenzimmer seien im Sommer meist ausgebucht, eigentlich bräuchten sie mehr.Hat noch weitere Pläne: Lehrerin Julia Eberle mit ihren Schülerinnen.Lando HassDer Bedarf wird etwa im Lehrerzimmer im zweiten Stock des Siebziger-Jahre-Schulkomplexes nachvollziehbar. Es liegt unter dem Flachdach und hat eine breite Fensterfront. „Es wird unerträglich heiß hier drin“, betont Julia Eberle. „Das ist dann schon eine Quälerei.“ Das treffe ähnlich auf viele Klassenräume zu. Aber hitzefrei sei, wenn überhaupt, wegen der Unterrichtsgarantie frühestens ab der fünften Stunde möglich. Dabei sei es im Sommer schon in der dritten Stunde kaum aushaltbar. Deswegen begrüßt auch Kollegin Claudia Heilmann die Ausweichmöglichkeit: „Ich finde es toll, dass man die Option hat, rauszugehen.“ Die Grünen Klassenzimmern böten zudem eine gewohnte Struktur.Zu verdanken ist das nicht zuletzt Lehrer Christian Hofmann, Mitinitiator des Draußenkonzepts, in dessen Werkunterricht das Holzmobiliar größtenteils entstanden ist. Das hat nicht nur Kosten gespart, sondern bedingt auch Lerneffekte. „Die Kinder gehen ganz anders damit um und achten mehr darauf, wenn sie sinnvolle Sachen für sich selbst bauen.“ Und die Sinnhaftigkeit von Außenmöbeln können sie auf Nachfrage im Werkraum für die Holzarbeiten anschaulich begründen. „Bei 35 Grad im Klassenzimmer klebt alles und man kann sich nicht gut konzentrieren“, sagt Max, 13 Jahre alt. „Wenn die Schüler schwitzen, stinkt das“, ergänzt sein 14 Jahre alter Mitschüler Paul. Und für Sofie ist es dann draußen „viel angenehmer, und das Lernen macht auch mehr Spaß.“Fördergeld von der Umwelthilfe für ProjekteWas an der Gesamtschule in Reichelsheim passiert ist, wurde unterstützt von der Deutschen Umwelthilfe als Teil einer bundesweiten Offensive zum klimaangepassten Umbau von Schulhöfen. Zusammen mit dem Deutschen Kinderhilfswerk warnt die Umwelthilfe schon länger vor einer Gefahr für Kinder und Jugendliche, weil trotz Klimakrise und immer stärkeren Hitzewellen viele Schulen versiegelte und unbeschattete Betonwüsten seien und wie Backöfen aufheizten. Schulen können sich bei der Umwelthilfe oder dem Kinderhilfswerk für Projekte bewerben, um ihre Schulhöfe grüner und kühler zu machen. Sie werden dabei beraten und begleitet, teils gibt es Fördergeld.Französischunterricht: Eine Schülerin schreibt an die Tafel.Lando HassBislang haben bundesweit knapp 100 Schulen teilgenommen, davon 20 in Hessen. „Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Ilka Markus, Teamleitung Stadtnatur und Kommunaler Umweltschutz bei der Umwelthilfe. Die Hitze an Schulen sei ein „riesiges Problem, das sich immer weiter zuspitzt“. Viele Schüler müssten bei Raumtemperaturen über 30 Grad in Klassenzimmern sitzen, bei denen manche Erwachsene nicht mehr arbeiten dürften. Da genüge es nicht, wenn freiwillig ein paar Schulhöfe umgestaltet würden. „Wir wollen, dass das an allen Schulen passiert und bestimmte Standards geschaffen werden.“ Doch entsprechende Forderungen in Richtung Politik würden bislang verhallen. Es fehle da auch ein übergreifendes Monitoring, wie heiß konkret es an den Schulen ist. „Diese Datenlage wäre sehr wichtig, um die Problematik in die Politik zu tragen und das Thema in die Breite zu bekommen.“Pause in der Georg-August-Zinn-Schule. Auf dem Bolzplatz spielen ein paar Jungs Fußball, während eine Mädchengruppe auf einer der selbst gebauten Lümmelbänke herumfläzt und quatscht. Andere klettern im schattigen Niederseilgarten oder spielen Tischtennis, und die älteren Mädels bevorzugen den abgelegenen Hackschnitzelplatz auf der anderen Seite des Schulgebäudes. „Wir haben noch viele Pläne“, sagt Julia Eberle. Bald pflanzen sie große Fassadenbäume vor eine der sich besonders aufheizenden Gebäudefronten. Den gepflasterten Platz neben dem Naschgarten mit den Beerensträuchern wollen sie demnächst auch noch von seinen Steinen befreien.„Wir haben hier den Vorteil, dass bereits 50 Prozent unserer Fläche entsiegelt war“, nennt die Lehrerin eine Voraussetzung, die ihren Begrünungsansatz begünstigt habe. Auch seien sie ein dynamisches Kollegium und hätten einen sehr engagierten Förderverein und unterstützenden Landkreis. Und nicht zuletzt Schüler, die sich einbringen und beteiligen bei einer Umgestaltung, die vor allem ihnen dient: „Wir wollen hier Wohlfühlräume zum Lernen schaffen.“