KommentarLehrpersonalgesetz: Die Vorlage ist untauglich – die Zahlenschieberei an Zürcher Schulen muss aufhörenBefürworter wollen Lehrerinnen und Lehrer «entlasten». Das Ansinnen ist per se richtig. Aber am Alltag an Volksschulen zielt das verkorkste Vorhaben vorbei. Die Politik sollte nachsitzen.10.09.2026, 05.06 Uhr4 LeseminutenUnd jetzt? Das Korsett der kantonalen Planung hat mit dem Alltag an Zürcher Primar- und Sekundarschulen wenig zu tun.Christoph Ruckstuhl / NZZEs ist vertrackt. Jeder hält Bildung für wichtig. Jede will etwas für die Schule tun. Kinder und Jugendliche seien schliesslich unsere Zukunft, so heisst es immer wieder. Aber wenn die Politik dieses wichtige Thema bearbeitet, verheddert sie sich regelmässig in ebenso theoretischen wie kostspieligen Zahlenschiebereien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die geplante Änderung des Lehrpersonalgesetzes im Kanton Zürich, die am 27. September zur Abstimmung kommt, ist das jüngste Beispiel dafür. Befürworter verkaufen die Vorlage als «Entlastung». Gegner warnen vor einer «Lohnerhöhung» der ohnehin schon überdurchschnittlich bezahlten Zürcher Primar- und Sekundarschullehrer, da der Lohn «pro unterrichtete Schulstunde» steige.Wesentlich ist allerdings etwas anderes: Die Gesetzesänderung führt schmerzlich vor Augen, wie bürokratisch und abgehoben die kantonalen Vorgaben für Lehrerinnen und Lehrer der obligatorischen Schulstufe geworden sind.«Mehr Zeit?»So sollen Klassenlehrer «mehr Zeit» für Elterngespräche, Schülergespräche und weitere Betreuungsaufgaben erhalten. Bisher mussten Klassenlehrer hierfür bei einem Vollzeitpensum mit 100 Stunden pro Jahr und Klasse auskommen. Die Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte) wollte ihnen mindestens 120 Stunden einräumen.Doch eine knappe Mehrheit aus linken Parteien, GLP und EVP zeigte sich spendabel und legte eine Schippe drauf: 160 Stunden sollen es sein. Ausserdem sollen Lehrerinnen und Lehrer ohne Klassenverantwortung ebenfalls «mehr Zeit» erhalten zur Vor- und Nachbereitung einer Schulstunde – und zwar im Umfang von zwei Minuten pro Lektion. Mit dem Alltag an Primar- und Sekundarschulen hat dieses Schattenboxen wenig bis nichts zu tun.Die Vorlage geht genauso wie das starre System an Zürcher Volksschulen davon aus, dass Lehrerinnen und Lehrer exakt notieren, wie viel Zeit sie für welche Aufgaben verwenden. Faktisch gilt das auch für Klassenlehrer, auch wenn diese ihre Arbeitszeit bereits heute nicht erfassen müssen. Aber wie will man wissen, ob man die Pauschale von 100, 120 oder 160 Stunden am Ende des Schuljahres bereits ausgeschöpft oder längst überschritten hat, ohne darüber Buch zu führen?Und vor allem: Will man das wirklich wissen? «Ich schreibe meine Zeit nicht auf. Wer das macht, ist im falschen Job»: Diese Antwort ist oft zu hören, wenn man Zürcher Primar- und Sekundarlehrer nach ihren Arbeitsstunden fragt, die sie für Unterricht sowie für dieses und jenes oder solches verwenden.Entlastung wäre andersSchule lässt sich nicht verschreiben wie ein Rezept. Lehrerinnen und Lehrer sind keine Bürolisten, die ihre Aufgaben nach einem Handbuch abarbeiten. Sie wollen unterrichten und ihre Schüler weiterbringen.Stattdessen sind Klassenlehrer mit allerlei Aufgaben konfrontiert: Sie müssen sich mit anspruchsvollen Eltern herumschlagen, Gespräche mit Heilpädagoginnen, Logopäden, Psychotherapeutinnen und Ernährungsberatern (ihrer Schüler) führen, Konzepte schreiben, Übergaben machen, sich um die Kaffeemaschine, die Kopierer, das Druckerpapier, den Bestand der Hausbibliothek kümmern. Anschaffungen und sonstige Ausgaben müssen zuerst vorgestreckt werden. Bei Klassenlagern kann das Tausende von Franken ausmachen. Und sehr viel Zeit kosten.Hier könnten Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich entlastet werden. Es kann nicht sein, dass der Klassenlehrerjob wegen solcher Nebensächlichkeiten immer unattraktiver wird. Hingegen darf bezweifelt werden, dass engagierten Pädagogen wirklich gedient ist, wenn sie wegen einer deutlich höheren Pauschale für Klassenlehreraufgaben weniger unterrichten könnten.Denn darauf könnte ein Ja zu dieser Vorlage hinauslaufen. Die verwaisten Lektionen müssten von anderen – zusätzlichen – Lehrerinnen und Lehrern übernommen werden. Nach Angaben des Volksschulamts müssten 520 Vollzeitstellen geschaffen werden. In Zeiten, da Zürich den Lehrermangel eben erst überwunden hat, erscheint das alles andere als klug. Die Gegner weisen zu Recht darauf hin, dass mit noch mehr Bezugspersonen im Klassenzimmer niemandem gedient sei – den Schülerinnen und Schülern erst recht nicht.Ein anderes Szenario ist ebenfalls wenig erspriesslich: Viele Lehrer dürften ihr Pensum just um die zu erwartende «Entlastung» aufstocken. Gleich viele Lektionen, gleich viele Schüler, aber «mehr Zeit» und daher mehr Geld: Es wäre eine Lohnerhöhung durch die Hintertür.Das Argument der Befürworter, dass alle Volksschullehrer im Kanton Zürich wegen Überstunden überlastet seien, überzeugt hingegen nicht. Diese Pädagogen haben neben 5 Wochen Ferien 8 Wochen unterrichtsfreie Zeit pro Jahr. Hier können sie Überzeit abbauen, Weiterbildungen absolvieren, den Unterricht vorbereiten – und sich vom Stress während der Schulzeit erholen.Lehrer ist ein harter Job, keine Frage. Aber eine untaugliche und noch dazu aufgeblähte Vorlage ist keine Antwort darauf. 83 Millionen Franken würde die Änderung kosten jedes Jahr. 67,3 Millionen hätten die Gemeinden zu berappen. Daher haben 102 von ihnen das Referendum ergriffen, ein einmaliger Vorgang.Das, worüber die Stimmbevölkerung Ende September zu befinden hat, ist nicht nur unausgegoren, sondern sehr teuer. Und es zielt am Kern der Sache vorbei: einer sinnvollen Entschlackung des Schulwesens. Hier muss die Politik nachsitzen. Die Zürcherinnen und Zürcher sollten mit Nein stimmen.Passend zum Artikel
Lehrpersonalgesetz in Zürich: teuer und unausgegoren
Befürworter wollen Lehrerinnen und Lehrer «entlasten». Das Ansinnen ist per se richtig. Aber am Alltag an Volksschulen zielt das verkorkste Vorhaben vorbei. Die Politik sollte nachsitzen.







