Schluss mit Praktikum, spätestens nach einem Jahr: Zürcher Kitas sollen jungen Mitarbeitenden eine Lehrstelle anbietenDas Parlament will verhindern, dass Kita-Angestellte sich von Praktikum zu Praktikum hangeln.23.06.2026, 05.07 Uhr4 LeseminutenZürich will gegen die «Generation Praktikum» in Kindertagesstätten vorgehen.Gaëtan Bally / Keystone«Haben Sie Erfahrung mit der Betreuung von kleinen Kindern?» – Die natürliche Antwort von vielen Jugendlichen, die sich für eine Lehrstelle in einer Kindertagesstätte bewerben, dürfte lauten: «Nein – wie sollten wir auch? Wir gehen noch zur Schule!» Aber damit könnten sich etliche junge Frauen und ein paar wenige Männer bereits in eine schwache Position manövriert haben. Denn: keine Erfahrung – keine Lehrstelle, so zumindest lautet eine simple Version, die man sich über die Kita-Branche erzählt. Also müssen Kandidatinnen zuerst ein Praktikum machen. Und dann noch eins und noch eins. Bevor sie eines Tages vielleicht eine Ausbildung zur Fachfrau Betreuung (Fabe) beginnen können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Problem: Diese ebenso günstigen wie ungelernten Mitarbeiterinnen können dem sogenannten Betreuungsschlüssel einer Kinderkrippe angerechnet werden. Das Prinzip dahinter kann man sich ungefähr so vorstellen: Laut Empfehlung des Branchenverbands Kibesuisse sollen jugendliche Praktikanten jeweils 2,5 Kinder im Alter zwischen 1,5 und 3 Jahren gleichzeitig betreuen. Lernende sollen 3,5 Kinder dieser Altersgruppe betreuen dürfen, ausgebildete Kinderbetreuerinnen können sich um 5 kleine Kita-Besucher auf einmal kümmern und so weiter.Kurz: Je erfahrener die Mitarbeiterinnen, desto mehr Kinder sollen Kita-Betriebe ihnen anvertrauen können.Aber das ist graue Theorie, formuliert für eine ideale Welt. Für die Zürcher Politik hingegen ist klar: Kita-Betriebe stellen viele Praktikantinnen an, anstatt von Anfang an auf die Ausbildung von Lehrlingen zu setzen. Denn: Mitarbeiterin ist Mitarbeiterin. Die Gesetzgebung unterscheidet nicht zwischen Jugendlichen mit und solchen ohne Ausbildung. Das schaffe einen – falschen – Anreiz, Praktikanten in Endlosschlaufe zu beschäftigen. Und das soll sich ändern.Wie gross ist das Problem?Die Kommission für Bildung und Kultur des Kantonsrats hat dem Zürcher Parlament am Montag einen Antrag unterbreitet, der mit diesen prekären Ausbildungsverhältnissen Schluss machen soll. Die Arbeit von Praktikantinnen soll nur noch maximal ein Jahr lang dem Betreuungsschlüssel eines Kita-Betriebs angerechnet werden können. Danach, so die Überlegung der Kommissionsmehrheit, sollten die wichtigsten Fragen geklärt sein: Will die Kita-Praktikantin wirklich Kita-Fachperson werden? Hat sie sich bewährt? Falls ja, sollte sie qualifiziert sein für den Job – und eine Lehrstelle erhalten.Der Berufseinstieg soll schneller, direkter, zielgerichteter erfolgen. In der Kinderbetreuung ist das häufig nicht der Fall, so scheint es zumindest. Laut einer Längsschnittanalyse des Bundesamtes für Statistik lag der Anteil der Jugendlichen, die ihre Lehre als Fachperson Betreuung direkt nach der Schule beginnen konnten, bei mickrigen 13 Prozent. Über die Hälfte der Befragten waren ein Jahr lang auf der Suche. 25 Prozent mussten sich zwei Jahre gedulden, bis es endlich klappte mit einem Ausbildungsplatz. Die Zahlen in den Unterlagen der Bildungskommission stammen aus dem Jahr 2015.Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte) versuchte dagegenzuhalten. Praktika seien kein dauerhafter Zustand, sagte sie in der Debatte im Parlament. Der Anteil der Praktikantinnen in Zürcher Kitas sei gesunken: von 17 Prozent im Jahr 2018 auf 11 Prozent. Das Problem, das die Vorlage adressieren will, ist also bei weitem nicht so gross, wie die Bildungskommission dem Plenum weismachen wollte.Dennoch scheint Konsens zu sein, dass sich Kinderkrippen mit Praktikantinnen nicht aus ihrer Verantwortung für Berufseinsteigerinnen stehlen dürfen. Die Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren und die Erziehungsdirektorenkonferenz – der Steiner pikanterweise selbst angehört – empfehlen, dass Praktikantinnen «in der Regel» nicht als Betreuungspersonen «einkalkuliert» werden sollen bei der Ermittlung der hauseigenen Betreuungskapazitäten. Klares Ja zum KompromissSteiner machte denn auch klar, dass der Regierungsrat den Antrag der Kommissionsmehrheit – Praktika in Kitas auf maximal ein Jahr begrenzen – unterstütze. Das Begehren der Minderheit des Gremiums indes lehne man ab. Linke Mitglieder der Bildungskommission unter Federführung von Carmen Marty Fässler (SP) hatten verlangt, dass Praktikantinnen gar nicht mehr als Betreuungspersonen anzurechnen seien. Das hatte auch eine parlamentarische Initiative gefordert, die die Kommissionspräsidentin Karin Fehr Thoma von den Grünen 2021 eingereicht hatte – und die überhaupt erst zum Kompromissvorschlag der Kommissionsmehrheit geführt hatte.Nicole Wyss von der Alternativen Linken betonte in der Debatte, dass die Frage der Ausbildung von jener der Kita-Finanzierung nicht zu trennen sei. Ohne Praktikanten, ohne Lehrlinge, ohne Zivildienstleistende könnten Kitas den Betrieb dichtmachen. Eine Vollkostenrechnung würde die ohnehin hohen Beiträge der Eltern noch weiter steigen lassen. Wyss’ Partei plädierte für kantonale Unterstützung von Kita-Betrieben – und erklärte Stimmfreigabe für die Abstimmung im Rat.Diese fiel deutlich aus. Mit 118 zu 54 Stimmen stimmte das Parlament dem Vorhaben zu, das Kinder- und Jugendhilfegesetz im Sinne der Mehrheit der Bildungskommission zu ändern: Nach höchstens einem Jahr also sollen Praktikanten im komplizierten Kita-Personalsystem nicht mehr als Betreuungspersonen gelten. Um deren Arbeit weiterhin verbuchen zu können, müssen Kita-Betriebe ihnen eine Lehrstelle anbieten.Passend zum Artikel
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