Der 15-Jährige wollte Mediamatiker werden. Geklappt hat es nicht. Nun sagt er: «Ich bin arbeitslos, bevor ich eine Lehrstelle habe. Das ist wirklich nicht angenehm»Die meisten Lehrverträge im Kanton Zürich sind unterschrieben. Dennoch gibt es Jugendliche, die noch immer um ihre berufliche Zukunft bangen – und zu ungewöhnlichen Mitteln greifen.Jana Kehl13.07.2026, 05.07 Uhr5 LeseminutenNicht alle finden eine Lehrstelle in ihrem bevorzugten Gebiet.Illustration Anja Lemcke / NZZFür Zürcher Schülerinnen und Schüler haben die Schulferien begonnen. Für einige von ihnen sind es die letzten, weil sie danach ihren ersten Beruf antreten. Bis Anfang Juli wurden im Kanton Zürich über 11 500 Lehrverträge unterschrieben, etwa 2000 Stellen sind derzeit noch ausgeschrieben. Die Bildungsdirektion spricht von einem «stabilen Lehrstellenmarkt». Und doch ist das Bewerbungsjahr nicht für alle Jugendlichen erfreulich verlaufen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Einer von ihnen ist Davide, 15 Jahre alt. Er möchte anonym bleiben, um seine Lehrstellensuche nicht zusätzlich zu erschweren. Der Sek-A-Schüler hat in den vergangenen Monaten Dutzende von Bewerbungen geschrieben – und trotz guten schulischen Leistungen und vielen positiven Schnupperberichten Dutzende von Absagen erhalten. Wie passt das zum «stabilen Lehrstellenmarkt»? Annäherung an eine Bewerbungsodyssee.Die Sache mit dem Traumjob Vor etwa einem Jahr begann Davide, sich zu bewerben. Er habe einen klaren Berufswunsch gehabt, sagt er während eines Videoanrufs, bei dem er in seinem Zimmer sitzt: «Nach einer Schnupperlehre als Mediamatiker war mir klar, dass ich eine Lehrstelle für diesen Beruf finden will.» Die kreative Arbeit am Computer habe ihm zugesagt. Damit war der Jugendliche jedoch nicht der Einzige.Aus den zahlreichen Absagen an Davide, die der NZZ vorliegen, geht hervor, dass sich zum Teil über 100 Jugendliche für eine Mediamatiker-Lehre beworben haben. So schnell habe er sich nicht entmutigen lassen, sagt Davide, der über 40 Motivationsschreiben für seinen Traumberuf verfasst hat. «Mir war aber irgendwann klar, dass ich mich nicht nur darauf fokussieren kann.» Auch als kaufmännischer Angestellter oder als Konstrukteur habe er geschnuppert und sich beworben.Für die Lehre als kaufmännischer Angestellter wurden 2025 am meisten Verträge abgeschlossen, für dieses Jahr liegen noch keine Zahlen vor. Ein konkreter Einfluss der wachsenden Bedeutung der künstlichen Intelligenz auf das Angebot lässt sich laut Bildungsdirektion nicht feststellen.Auch scheint KI die Berufswahl der Jugendlichen kaum zu beeinflussen: Bei der kaufmännischen Lehre, aber auch bei Berufen im Bereich der visuellen Kommunikation und der Informatik sei die Nachfrage in der Vergangenheit jeweils «etwas grösser» gewesen als das Angebot, schreibt die Bildungsdirektion. Für welchen Beruf am meisten Bewerbungen eingegangen sind, geht aus den vorhandenen Zahlen nicht hervor.Über Linkedin zur Lehrstelle?Weil sich die Absagen häuften und diese Davide zunehmend beschäftigten, sorgte sich auch sein Vater. Um ihn bei der Lehrstellensuche weiter zu unterstützen, teilte er auf Linkedin einen Post inklusive Bewerbungsvideo. Etwas, das immer mehr Eltern tun. Sie suchen im weltweit grössten sozialen Netzwerk für berufliche Kontakte ebenfalls Lehrstellen für ihre Kinder.Die Eltern seien wegen der Reichweite des Internets im Bewerbungsprozess sichtbarer geworden, schreibt die Bildungsdirektion. Dies bedeute aber nicht automatisch, dass sich Eltern stärker einbrächten als früher. Zudem sei die Unterstützung aus der Familie wichtig – solange die Jugendlichen den Bewerbungsprozess «eigenständig gestalten» und «ihre Motivation selbst zum Ausdruck bringen». Eine «Verschiebung der Rekrutierungsprozesse» auf Linkedin lässt sich laut Kanton bei den Lehrstellen nicht feststellen.Er habe eigentlich selbst ein Profil auf der Plattform erstellen wollen, sagt Davide: «Aber ich habe dummerweise mein richtiges Alter angegeben, und dann wurde ich gesperrt.» Die Altersgrenze auf der Plattform liegt bei 16 Jahren. Der Beitrag des Vaters stiess am Ende auf grosse Resonanz, die Online-Community wünschte dem Jugendlichen viel Glück. Doch ein konkretes Angebot ergab sich nicht.Eignungstests und geeignetere KandidatenDer Bewerbungsprozess sei je nach Lehrstelle unterschiedlich verlaufen, sagt Davide. Einmal sei er nach einem Gespräch unter die Top drei gekommen und dann zu einem Schnuppernachmittag eingeladen worden. «Ich habe sehr positives Feedback erhalten.» Doch dann folgte die grosse Ernüchterung: «Die Stelle wurde nochmals neu ausgeschrieben, und ich erhielt wenig später eine Absage.»Man wolle sichergehen, dass man den richtigen Kandidaten finde, habe ihm das Unternehmen auf Nachfrage gesagt. Ein anderer Lehrbetrieb schrieb, einen «geeigneteren Kandidaten» gefunden zu haben. Wiederum ein anderer schrieb in der schriftlichen Absage: «Bitte sei nicht enttäuscht – das bedeutet nicht, dass du nicht geeignet bist.»Er hätte sich mehr Klartext gewünscht, sagt Davide. Als mögliche Gründe für die Absagen nennen er und seine Familie den Eignungstest, bei dem er nicht in allen Bereichen gut abgeschnitten habe. Das wurde ihm auch in einer Absage bestätigt: Man ziehe Bewerbungen mit einer höheren Punktezahl vor, heisst es in dieser. Setzt sich die Leistungsgesellschaft also – trotz Diskussionen um die Abschaffung von Schulnoten – bei der Lehrstellensuche durch?Viele Lehrbetriebe fordern, dass die Bewerber den Multicheck-Eignungstest eines privaten Anbieters mit den Unterlagen einreichen. Dieser prüft das Schulwissen und Fähigkeiten wie Vorstellungsvermögen und Konzentrationsfähigkeit. Eltern stellen die Aussagekraft des Tests jedoch immer wieder infrage. Ebenso kritisieren sie, dass sie die Kosten von bis zu 150 Franken pro Test sowie allfällige Vorbereitungskurse selbst tragen.Mehrere Unternehmen halten auf Anfrage fest, dass der Multicheck zusätzliche Informationen gebe, bei der Auswahl jedoch nicht allein ausschlaggebend sei. Ähnlich tönt es vonseiten der Bildungsdirektion: Eignungstests wie der Multicheck hätten sich bei gewissen Betrieben «als unterstützendes Selektionskriterium» etabliert. In den Berufsinformationszentren im Kanton Zürich sowie im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich könnten die Jugendlichen gratis für den Test üben.Auf der Warteliste für ein weiteres SchuljahrSchliesslich gibt es auch Lehrbetriebe, die ihre Stellen bis anhin noch nicht besetzen konnten. Besonders viele freie Lehrstellen gibt es laut Bildungsdirektion in Berufsfeldern wie dem Baugewerbe und der Maschinenindustrie. Verträge können bis nach dem Sommer unterschrieben werden.Gelegentlich schaue er, ob ihn eine der ausgeschriebenen Stellen interessiere, sagt Davide. Gleichzeitig ist er aber an der Berufswahlschule Bülach für das Berufsvorbereitungsjahr angemeldet: «Vielleicht ist es gut, wenn ich noch ein bisschen mehr Unterstützung beim Bewerben bekomme.»Das «Entwickeln einer realistischen beruflichen Perspektive» sei im Berufsvorbereitungsjahr ein wesentliches Ziel, schreibt die Berufswahlschule auf Anfrage. Die Gründe für den Besuch seien aber vielfältig: Manche Jugendliche benötigten beispielsweise mehr Zeit für die Berufswahl oder Unterstützung beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen. Andere wiederum müssten die schulischen Grundlagen aufarbeiten.Noch ist Davides Platz aber auch hier nicht sicher: Bis Anfang Juli verzeichnete die Schule 250 Anmeldungen für das kommende Schuljahr. Weil es aber nur 160 Plätze gibt, wird derzeit eine Nachrückliste geführt. Auch Davide steht auf dieser Liste. Wie die Schule schreibt, gebe es bis zum Schulbeginn im August erfahrungsgemäss laufend Jugendliche, die noch eine Lehrstelle fänden – und sich deshalb wieder vom Berufsvorbereitungsjahr abmeldeten: «Angebot und Nachfrage finden so bis zum Start des Schuljahres häufig ins Gleichgewicht.»Arbeitslos? Vorsorglich ist Davide auch für das Motivationssemester angemeldet. Hier würde er auch Praktika absolvieren und einen kleinen Lohn erhalten. Da der Lohn dabei über das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum ausgezahlt wird, mussten ihn seine Eltern jedoch als arbeitslos melden. Davide sagt: «Arbeitslos, bevor ich eine Lehrstelle habe. Das ist wirklich nicht angenehm.»Der Kanton will mehr Lehrabschlüsseehj. Während der Bewerbungsprozess für einige Jugendliche weitergeht, will die Zürcher Regierung die Zahl an Lehrabschlüssen erhöhen: «Eine abgeschlossene Lehre ist ein starkes Fundament für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn», schreibt sie in einer Mitteilung. Ausserdem sei der Kanton Zürich auf ausgebildete Fachkräfte angewiesen.Hierfür will der Regierungsrat einerseits Lehrlinge, welche die Abschlussprüfungen nicht bestanden haben, bei der Wiederholung unterstützen. Der Besuch der Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse sollen für sie kostenlos sein. Andererseits will er bereits bei der Vorbereitung auf die Berufslehre ansetzen. Die Vorlehre und die Integrationsvorlehre sollen vereinheitlicht werden. Letztere richtet sich an spät zugewanderte Personen und Geflüchtete.Die Massnahmen bedingen eine gesetzliche Änderung. In einem nächsten Schritt soll das Kantonsparlament über diese diskutieren.Passend zum Artikel
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