«Uns ist gesagt worden: Ihr werdet mit Sicherheit etwas finden» – und dann sind Uni-Abgänger monatelang auf StellensucheJahrelang hat man mit einem Studium fast selbstverständlich einen Job gefunden. Nun fallen Junior-Positionen weg. Das wird auch zum Problem für den Arbeitsmarkt. Bericht einer Stellensuche.04.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEs sei ein «herausfordernder Zeitpunkt, jetzt auf den Arbeitsmarkt zu kommen», sagt Gerd Winandi-Martin, der an der Universität St. Gallen (HSG) die Studierenden bei der Stellensuche berät.Illustration Ida Götz, Getty / NZZNoah Bernard hat einen Masterabschluss in Biologie der ETH. Er hat sich auf Systembiologie spezialisiert, eine Disziplin, die etwa mit Computermodellen versucht, die Zusammensetzung von Zellen zu verstehen und durch Manipulation zu verändern. Während seines Studiums war Bernard im Vorstand des Studierendenverbands. Im Moment arbeitet er bei einem Pharmaunternehmen in einem befristeten Praktikum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zu seinen Aufgaben gehören Datenanalysen, aber auch das Übertragen von Informationen aus PDF-Dateien in Excel-Tabellen oder das Ausdrucken von Etiketten. Es sei «ein bisschen langweilig, aber okay», sagt er. Zuvor hatte er schon 69 Bewerbungen für andere Jobs geschrieben. Für diese Stelle habe er sich gegen 450 Bewerbende durchgesetzt, sagt Bernard.Studierende müssen länger suchenBernard hätte es wissen können. Ein Abschluss in Biologie ist kein Garant für einen Job. In der Pharmabranche gibt es wenige Stellen. Und gleichzeitig bewerben sich auf sie auch Biomedizinerinnen oder Apotheker. Doch was Bernard erlebt, gilt eben auch über seinen Studiengang hinaus: Dutzende von Bewerbungen herausschicken, bis man endlich ein Praktikum bekommt – das kennen auch andere Studierende an Schweizer Universitäten.Sie hätten ein ganzes Studium lang gehört: «You are the best», die Firmen kämen an die ETH, um sie abzuwerben, sagt Bernard. Aber das sei so nicht eingetroffen. Zumindest nicht bei ihm und seinen Kollegen. Die NZZ hat seinen Namen geändert, weil Bernard seine Karriere nicht gefährden will.Auch Klara Sasse kennt die Geschichten des garantierten Erfolgs, die man sich an Unis erzählt. Sie sind nicht immer wahr. Sasse ist Co-Präsidentin des Verbands der Schweizer Studierendenschaften, also der studentischen Vertretungen vieler Universitäten, Fachhochschulen oder Hochschulen wie der ETH. Insgesamt vertritt der Verband rund 160 000 Studierende. Sasse tauscht sich regelmässig mit den Studentinnen und Studenten aus. Und sie sagt: «Uns ist gesagt worden: Euer Studium bereitet euch auf den Arbeitsmarkt vor, ihr werdet mit Sicherheit etwas finden.»Vor ein paar Jahren sei das vielleicht noch so gewesen. Die meisten Abgängerinnen hätten innert weniger Monate etwas gefunden, was ihnen entsprochen hätte. Doch seit etwa zwei Jahren müssten die Studierenden deutlich länger suchen. Für manche Trainee-Stellen gebe es vierstufige Bewerbungsprozesse.Die Junior-Lücke schmerzt zuerst die Abgänger, dann Firmen«Wir sehen häufig, dass die Studierenden viele Bewerbungen schreiben und dann nicht einmal eine Absage bekommen», sagt Sasse. Zusätzlich würden die Konditionen der Stellen schlechter. Vieles seien befristete Verträge oder Praktika ohne Aussicht auf eine anschliessende Festanstellung. Gleichzeitig gebe es die Vorgabe, man dürfe nur eine gewisse Anzahl an Praktika gemacht haben.Faire Arbeitsbedingungen seien das nicht. Sasse sagt, viele gingen bereits mit Stress in die Suche hinein, da sie wüssten, dass sich auf das Trainee-Programm noch Hunderte andere bewerben würden. Man fange früher an, eine grosse Menge an Bewerbungen herauszuschicken. Manchmal auch in studienfremden Bereichen.Sasse sieht darin ein Problem: «Wir jungen Leute sind faktisch die Zukunft.» Man werde auch weiterhin Leute mit guter Ausbildung brauchen. Gerade um all jene Babyboomer zu ersetzen, die bald in Rente gingen.Christoph Mäder, Präsident des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, schrieb dazu Ende Mai: Trockne die Pipeline für künftige Führungskräfte aus, stünden die Firmen in zehn Jahren vor gravierenden Problemen. «Die Junior-Lücke schmerzt zuerst die Berufseinsteiger – langfristig trifft sie aber die Unternehmen selbst.»Deutlich mehr Uni-Absolventen sind arbeitslosDaten des Bundesamts für Statistik (BfS) zeigen, dass die Zahl arbeitsloser Personen mit Tertiärabschluss seit 2013 in der Tendenz gestiegen ist. Laut einer Analyse von Patrick Chuard-Keller, Ökonom beim Arbeitgeberverband, ist die Zahl arbeitsloser Uni-Masterabsolventen seit 2010 um siebzig Prozent gestiegen. Hierzu muss man jedoch sagen: Es gibt seit 2010 auch über doppelt so viele Personen, die einen Uni-Masterabschluss haben.Die Jobplattform Jobs.ch hat über sieben Millionen Stelleninserate analysiert und herausgefunden: Der Anteil aller Stellenanzeigen für Berufseinsteiger in der Schweiz ist im Jahr 2025 im Vergleich zum Durchschnittswert der Jahre 2019 bis 2022 um 32 Prozent zurückgegangen.Der Bericht führt diese Entwicklung bereits auf den Einfluss von künstlicher Intelligenz zurück: In KI-exponierten Berufen sei der Anteil der Stellenanzeigen auf Berufseinsteigerlevel relativ stärker gesunken als in weniger exponierten Kategorien; dafür würden Senior-Stellen stärker nachgefragt.Doch das allein greift zu kurz. Auch die schwache Wirtschaftslage und Krisen in diversen Branchen führen dazu, dass sich Firmen mit der Einstellung von Berufseinsteigern zurückhalten.Ungeachtet der Gründe bedeutet das Stellenangebot für Studierende wie Bernard: alles geben, am besten bereits vor dem Abschluss. Er ist systematisch vorgegangen. Seine Stellensuche hat er dokumentiert. Diese zeigt: Bernard verschickte siebzig Bewerbungen, bei Pharmafirmen im Packaging oder der Analytik, an der ETH, beim Bundesamt für Umwelt, im Bereich gebietsfremde Arten des Kantons Zürich. Die Arbeitsorte verteilten sich auf vierzehn verschiedene Städte und Ortschaften.In vier Fällen erhielt Bernard nicht einmal eine Absage. Eingeladen wurde er zu acht Vorstellungsgesprächen. Am Ende bekam Bernard drei Zusagen und entschied sich für die erste davon.Im befristeten Praktikum unterfordertAnders als viele seiner Uni-Kolleginnen und -Kollegen, die neben der Stellensuche in Cafés jobben oder für Events Bühnen oder Tische auf- und abbauen, musste Bernard neben der Stellensuche nicht arbeiten. Er konnte wieder bei seinen Eltern einziehen und sich Vollzeit bewerben.Bernard beginnt im Mai 2025 damit, nach Abschluss der Rekrutenschule. Er richtet sich ein Jobabo ein und bereitet für gewisse Bereiche wie Pharma, Biologie oder Forschung Basis-Motivationsschreiben vor, die er schnell anpassen und verschicken kann. Im Sommer vor einem Jahr wird er zu einem ersten Interview eingeladen, für ein Praktikum im Bereich Diagnostik. Danach erhält er eine Absage.Bei einer Schweizer Pharmafirma bewirbt er sich im Juli und August via deren Jobportal auf mehrere offene Stellen. Wochenlang hört er nichts. Und auch sonst bekommt er im Sommer 2025 nur Absagen. Bis er dann im Oktober eine Antwort von der Pharmafirma erhält, auf deren Jobportal er sich beworben hat. Er habe damals schon nicht mehr damit gerechnet, sagt er rückblickend.Das Vorstellungsgespräch läuft gut, man habe sich gut verstanden. Kurz darauf erhält er die Zusage für sein jetziges Praktikum bei der Schweizer Pharmafirma in einer Abteilung, die die Produktionsprozesse vorbereitet. Er beginnt im November 2025. Im Vergleich zu seinen Kommilitoninnen und Kommilitonen sei es bei ihm noch relativ schnell gegangen.Man muss hierzu aber auch sagen: Bernard war nicht wählerisch. Er habe sofort zugesagt, sagt er, beim ersten Praktikum, bei dem er eine Zusage erhalten habe.Erst einmal ist die Stelle befristet auf sechs Monate. Doch Bernard hat Glück: Nach ein paar Monaten fragt man ihn, ob er verlängern wolle. Nun arbeitet er noch bis im kommenden November. Insgesamt wird er ein Jahr im Praktikum gearbeitet haben.Es braucht die ExtrameileGerd Winandi-Martins Job ist es, Studierenden dabei zu helfen, eine Stelle zu finden. Er ist Leiter der Abteilung Career & Corporate Services an der Universität St. Gallen (HSG), die Studenten bei der Planung ihres Berufseinstiegs begleitet und Feedback zu CV oder Motivationsschreiben gibt.Auch an der HSG, die vor allem Studierende in den Bereichen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Recht und Internationale Beziehungen ausbildet, nimmt Gerd Winandi-Martin die angespannte Stimmung wahr. Als Gründe sieht er die schwache Wirtschaftslage, geopolitische Spannungen und einen technologischen Umbruch, der manche Firmen bei der Einstellung abwarten lasse. Viele seien gerade daran, ihre KI-Strategien auszuarbeiten und die Jobprofile anzupassen. «Eine Einstiegsposition für Studierende wird in zwei Jahren definitiv anders aussehen als heute.»Dazu kämen branchenspezifische Schwierigkeiten. Die Industrie befinde sich in einer Krise. Banken stellten tendenziell weniger Berufseinsteiger ein. Auch wenn viele der Branchen, in die HSG-Absolventen strebten, schon immer kompetitiv gewesen seien, sagt Winandi-Martin: «Es ist ein herausfordernder Zeitpunkt, jetzt auf den Arbeitsmarkt zu kommen.»Die Arbeitslosenzahlen selbst seien nicht so dramatisch, sagt er. Die meisten Firmen gäben an, neue Stellen zu schaffen. Doch die Studierenden seien verunsichert darüber, wie die Profile der Zukunft aussähen. «Das, was jahrelang funktionierte, funktioniert heute je nach Branche nicht mehr unbedingt.»Vier Tipps für Studierende auf JobsucheZusammen mit seinem Team hat Winandi-Martin eine Veranstaltung eingeführt, die sich «Bewerben in schwierigen Zeiten» nennt. Seit einem Jahr weist er die Studierenden darin auf vier Punkte hin:Erstens: Man solle auch dort schauen, wo man auf den ersten Blick nicht geschaut hätte. In Zukunft würden etwa viele Stellen im Gesundheitswesen oder in der Baubranche geschaffen, darunter im Management oder im Controlling, die für HSG-Studierende interessant seien. Man solle sich klar sein, dass man neben einem Plan A auch einen Plan B und vielleicht sogar einen Plan C brauche.Zweitens: Nicht Dutzende schnelle Bewerbungen herausschicken, die man mit KI generiert habe, sondern lieber weniger, dafür persönliche, selbst formulierte – gerne auch mit ungeschliffenen Sätzen. Es sei okay, zu zeigen, dass man ein junger Mensch sei und noch nicht alles perfekt könne. Dafür solle man viel lieber zeigen, dass man sich etwas überlegt habe, auf konkrete Problemstellungen der Firma eingehen und sie mit eigenen Erfahrungen verschränken.Drittens: Ein Netzwerk aufbauen, pflegen und nutzen – bereits während der Uni. Um nicht in der Flut von Bewerbungen unterzugehen, helfe es, eine persönliche Empfehlung beim Arbeitgeber zu haben.Viertens: Studierende sollten extracurriculare Tätigkeiten absolvieren, um weitere wertvolle Berufserfahrung zu sammeln und sich von der Masse an Bewerbern abzuheben. Etwa in studentischen Vereinen oder sonstigen Projekten praktische Erfahrungen, vor allem auch mit KI, sammeln. Diese Erfahrungen gehörten zwingend im CV aufgelistet.Insgesamt beobachtet Winandi-Martin einen gewissen Pragmatismus an der HSG. Und einen noch stärkeren Ansporn. Er sagt: «Bei den Studierenden ist nun angekommen, dass es oft auch die Extrameile braucht.»Bernard ist bald wieder auf der Suche nach einer nächsten Stelle. Im November läuft sein Praktikum aus. Er ist dazu bereit, sein Suchfeld zu verbreitern, etwa auch in Branchen zu suchen, die weniger mit Biologie zu tun haben. Der Lieferketten- und Logistikbereich würde ihn noch interessieren. Er habe sich hier intern auf zwei Stellen beworben.Passend zum Artikel