KommentarDie Zürcher Stadtparlamentarier gönnen sich eine satte Lohnerhöhung um 30 Prozent. Sie haben das Milizsystem nicht verstandenSchon wieder will sich der Gemeinderat höhere Entschädigungen zuschanzen. Dabei gäbe es bessere Möglichkeiten, das Amt attraktiv zu halten.15.08.2026, 05.00 Uhr3 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDie Mehrheit des Zürcher Stadtparlaments ist sich einig: Die 125 Gemeinderätinnen und Gemeinderäte, die Woche für Woche zusammentreten und über Velowege, Genossenschaftswohnungen und Sans-Papiers streiten, verdienen zu wenig. Praktischerweise können jene, die das beklagen, selbst Abhilfe schaffen und sich eigenmächtig den Lohn erhöhen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ihr Eifer in dieser Frage ist beeindruckend. Ein erster Anlauf mit völlig überrissenen Ansätzen scheiterte letztes Jahr in einer Volksabstimmung.Mehr oder weniger umgehend, nachdem die Abstimmungsurnen verstaut waren, machten sich die Gemeinderäte erneut ans Werk. Das Verhalten grenzt an Zwängerei.Die Parlamentarier geben sich diesmal bescheidener. Anstatt dass sich ihre Jahresentschädigung verdoppelt, soll sie «nur» noch um 30 Prozent steigen – auf rund 21 000 Franken pro Person im Jahr. Dazu kommen neu Beiträge an die berufliche Vorsorge. Im Ratssaal klopfte man sich auf die Schultern und sprach von einem «Kompromiss».Die SVP, die als einzige Partei auch die abgespeckte Erhöhung bekämpft, hat ausgerechnet, dass die neuen Ansätze bei einem hypothetischen Vollzeitpensum auf einen Jahreslohn von über 130 000 Franken hinauslaufen würden.Es ist ein höchst lukrativer Kompromiss, auf den sich die Parlamentarier geeinigt haben und über den die Zürcher im September abstimmen werden. In anderen Stadtparlamenten, etwa in Bern, St. Gallen oder Luzern, liegen die Ansätze zum Teil deutlich tiefer.Mitte-links begründet die Erhöhung im Wesentlichen mit zwei Punkten: der Teuerung und der gestiegenen Aufgabenlast. Beides taugt jedoch bei genauerer Betrachtung nicht, um den satten Aufschlag zu rechtfertigen.Tatsächlich liegt die letzte Änderung der Zürcher Entschädigungsverordnung lange Zeit zurück. 1998 passte man sie letztmals an. Die Teuerung betrug seither aber nicht 30, sondern bloss 16 Prozent.Und an der erhöhten Arbeitsbelastung sind die Herren und Frauen Gemeinderäte zu einem grossen Teil selbst schuld. Mit Leidenschaft diskutieren sie in Kommissionen und Ratsdebatten ausschweifend über Nonsens-Vorlagen und Nebensächliches wie stressfreie Billettkontrollen, Gesundheitsbänklis oder Laubbläser. Mit mehr Fokus auf das Wesentliche wäre allen gedient, nicht zuletzt den Steuerzahlern.Dazu kommen in der neuen Vorlage Punkte, die stutzig machen. Warum etwa für den jährlichen Quartierempfang des Ratspräsidenten neu 30 000 statt wie bisher 20 000 Franken nötig sind, erschliesst sich nicht.Aber das sind Rappenspaltereien. Das Wichtige an der Zürcher Abstimmung ist eigentlich etwas anderes. Die befürwortenden Gemeinderäte tun so, als wäre das Amt des Volksvertreters ein Job wie jeder andere – mit Lohnerhöhungen, garantierten Teuerungsausgleichen und Benefits wie Sonderzulagen für Babysitter.Diese Leute verkennen den Kern des Milizsystems. Die Arbeit in einem Parlament ist eben nicht zu vergleichen mit der Tätigkeit in einer Bank oder einer Werbeagentur. Man leistet einen Dienst an der Gemeinschaft, nicht im Eigeninteresse oder zum Broterwerb. Eine bescheidene Aufwandentschädigung ist angemessen, aber sie sollte nicht zu einem wesentlichen Bestandteil des Lebensunterhalts werden.Arbeitgeber haben ihrerseits eine Verantwortung dafür, politisches Engagement ihrer Angestellten zu schätzen und etwa durch flexible Arbeitszeiten zu ermöglichen. Auch im Parlament sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um den Aufwand für Erwerbstätige und junge Eltern zu reduzieren – zum Beispiel durch vermehrte virtuelle Kommissionssitzungen.Werden solche Optionen konsequent genutzt, bleibt das Amt in der Legislative hochattraktiv. Auch ohne übertriebene Lohnerhöhung.Passend zum Artikel
Die Zürcher Stadtparlamentarier wollen sich eine satte Lohnerhöhung gönnen. Sie haben das Milizsystem nicht verstanden
Schon wieder will sich der Gemeinderat höhere Entschädigungen zuschanzen. Dabei gäbe es bessere Möglichkeiten, das Amt attraktiv zu halten.






