ErklärtLehrpersonalgesetz: Sinnvolle Massnahme gegen «Gratisarbeit» an der Volksschule oder eine «Lohnerhöhung» für Lehrerinnen und Lehrer?Zürich streitet über Lehrerlöhne und die Arbeitsbedingungen an Primar- und Sekundarschulen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur kantonalen Abstimmung vom 27. September im Überblick.23.07.2026, 05.00 Uhr5 LeseminutenDie Zürcher Stimmbevölkerung wird darüber zu befinden haben, ob Lehrerinnen und Lehrer mehr Zeit zur Vorbereitung des Unterrichts erhalten sollen.ImagoDer Zürcher Volksschule steht ein heisser Spätsommer bevor. Am 27. September befinden die Stimmberechtigten über eine Änderung des kantonalen Lehrpersonalgesetzes – beziehungsweise über eine Anpassung des sogenannten Berufsauftrags für Lehrerinnen und Lehrer der Kindergarten-, Primar- und Sekundarstufe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das klingt sehr technisch und ist es auch. Aber weil es um das Ideal guter Schulbildung, einen angeschlagenen Beruf, das Machtgefüge zwischen Kanton und Gemeinden und um viel Geld geht, haben Gegner und Befürworter die Vorlage längst mit weit einprägsameren Begriffen versehen: Das Nein-Lager spricht von einer «Lohnerhöhung» für eine ohnehin schon gutbezahlte Berufsgruppe. Befürworter wollen das Mass der «Gratisarbeit» reduzieren, die überlastete Lehrerinnen und Lehrer im Kanton Zürich heute leisteten.Am Anfang dieser Kontroverse stand ein Paket, mit dem die Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte) die Anstellungsbedingungen der Volksschullehrer verbessern wollte. Eigentlich ein unbestrittenes Vorhaben. Aber dann machte sich eine knappe Mehrheit aus linken Parteien sowie EVP und GLP im Kantonsrat daran, die Vorlage der Regierungsrätin um mehrere Dutzend Millionen Franken aufzublasen – worauf FDP, SVP und 99 Gemeinden das Referendum dagegen ergriffen.Und so werden die Zürcher Stimmbürgerinnen und Stimmbürger das letzte Wort haben. Die wichtigsten Punkte zu der Abstimmung.InhaltsverzeichnisWorum geht es?Was heisst das konkret?Was kostet die Vorlage?Was sagen die Gegner?Wie viel verdienen Zürcher Lehrer wirklich?Worum geht es?Die Entschädigung der Zürcher Volksschullehrer basiert auf einem ebenso regulierten wie reichlich abstrakten System. Den Pädagoginnen und Pädagogen steht für ihre Aufgaben in Kindergärten und Schulen ein streng limitiertes Zeitbudget zur Verfügung. In einem Handbuch des Volksschulamts heisst es dazu wörtlich: «Der Arbeitgeber (bzw. der Gesetzgeber) gibt vor, wie viel Arbeitszeit er einer Lehrperson für eine Aufgabe zur Verfügung stellt. Die Lehrperson hat sich an diese Vorgabe zu halten.»Die Bildungsdirektorin und das Parlament haben sich hier ein zähes Hin und Her geliefert. Für ihre Kernaufgabe – den Unterricht – wollte Steiner den Lehrerinnen und Lehrern zunächst mehr Zeit einräumen. Pro erteilte Schulstunde pro Woche sollte die Lehrerschaft übers ganze Jahr gesehen 60 statt 58 Stunden bezahlte Arbeitszeit zur Verfügung haben, also für die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der betreffenden Lektion.Aber dann krebste die Bildungsdirektion zurück. 58 Stunden sollten reichen. Einer hauchdünnen linken Mehrheit im Kantonsrat im Verbund mit EVP und GLP war das jedoch zu wenig. Sie legte 1 Stunde obendrauf. Zudem sollen Klassenlehrer für ihre Aufgaben – Zeugnis- und Elterngespräche, Konfliktmanagement und so weiter – deutlich mehr Zeit erhalten: 160 Stunden pro Jahr und Klasse statt mindestens 120, wie von Silvia Steiner vorgeschlagen. Im derzeit geltenden Reglement sind 100 Stunden dafür vorgesehen.Was heisst das konkret?58 Stunden pro Jahr und Schulstunde bedeuten umgerechnet, dass Lehrerinnen und Lehrer für eine Lektion jeweils eine bezahlte Arbeitszeit von 1,49 Stunden verwenden können, also gut 89 Minuten. Bei 59 Stunden pro Jahr sind es nach Angaben des Volksschulamts knapp 91 Minuten. Zur Vor- und Nachbereitung einer Schulstunde à 45 Minuten bleiben in diesem Szenario also 46 Minuten, 2 mehr als bisher.Was kostet die Vorlage?2 Minuten mehr Zeit pro Schulstunde klingt nach wenig, ein winziges Schräubchen für mehr «Gerechtigkeit» im Schulbetrieb. Doch in dem vorliegenden Gesamtpaket summieren sich die Mehrausgaben auf 83 Millionen Franken pro Jahr. Denn: Etwas mehr Zeit zur Vor- und Nachbereitung sowie deutlich mehr Kapazitäten für Klassenlehreraufgaben würden zwangsläufig dazu führen, dass die Lehrerinnen und Lehrer weniger unterrichteten als heute. Die verwaisten Schulstunden müssten andere übernehmen. Es brauchte zusätzliches Personal. Die Kantonsregierung geht davon aus, dass die Vorlage 520 zusätzliche Vollzeitstellen nötig machen würde. Das wiederum könnte ein altes Problem aufs Tapet bringen, das das Volksschulamt im vergangenen Frühling für beendet erklärt hatte: den Lehrermangel.Brisant ist, wer für die Mehrkosten der Gesetzesrevision aufkommen soll. Den Löwenanteil (67,3 Millionen) hätten die Gemeinden zu bezahlen. Der Kanton – der Urheber der Vorlage – würde sich mit 17,7 Millionen begnügen. Mit anderen Worten: Er befiehlt, lässt aber vor allem andere bezahlen. Der Vorschlag der Bildungsdirektorin hätte jährlich bloss 31 Millionen Franken gekostet.Was sagen die Gegner?Das Geld dürfte sich als Knackpunkt erweisen im Abstimmungskampf. Die Vorlage von Silvia Steiner hätte man «zähneknirschend» noch mitgetragen. Aber das aufgeblähte Paket des Parlaments sei schlicht zu teuer, heisst es von FDP, SVP und von Gemeindevertretern. Winterthur etwa müsste zusätzliche Lohnkosten in Höhe von 5,4 Millionen stemmen – «Geld, das wir nicht haben», sagte der scheidende Stadtpräsident Michael Künzle (Mitte) im April zur NZZ.Der Graben zwischen Gegnern und Befürwortern verläuft mitten durch die Parteien hindurch: Im Kantonsrat stimmten die Grünen für die teure Variante. In Winterthur indes beschloss die Stadtpartei, das Referendum des Stadtrats zu unterstützen – aus finanziellen, aber auch aus staatspolitischen Überlegungen, wie die Partei damals verkündete: Die Verteilung der Kosten zwischen Kanton (20 Prozent) und Gemeinden (80 Prozent) sei anzupassen.Für die Zürcher FDP ist klar: Die Gesetzesänderung komme einer «Lohnerhöhung» für Lehrerinnen und Lehrer gleich. Denn, so die Erklärung der Liberalen: Der Lohn «pro unterrichtete Stunde» steige unbestrittenermassen, da weniger zu unterrichten sei. Das aber sei keine Entlastung, «sondern bestenfalls ein Schmerzensgeld», schreibt der FDP-Bildungspolitiker Marc Bourgeois in einem Positionspapier der Partei. Schule sei zu kompliziert geworden. Das Grundübel indes – «ideologisch getriebener Firlefanz» der Personalverbände – bleibe durch die Gesetzesänderung unangetastet.Wie viel verdienen Zürcher Lehrer wirklich?Die Antwort lautet: mehr als in allen anderen Kantonen. In Zürich dürfen Primarlehrer mit abgeschlossenem Studium mit einem Einstiegsgehalt von 98 900 Franken rechnen. Macht 7600 Franken brutto im Monat, für ein Vollpensum. Der Maximallohn unter Zürcher Primarlehrern beträgt 152 600 Franken oder gut 11 700 Franken pro Monat – laut einer Erhebung mehrerer Deutschschweizer Bildungsdirektionen ein einsamer Spitzenwert.In Basel-Stadt (137 500 Franken), Genf (135 700 Franken) oder im Kanton Bern (125 800 Franken) liegen die höchsten Gehälter deutlich tiefer. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die meisten Lehrerinnen und Lehrer Teilzeit arbeiten.Was sagen die Befürworter?Für sie würde die Vorlage eine Entlastung bringen, die dringend geboten sei. Lena Fleisch, die Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands (ZLV), sagte zur Eröffnung der Abstimmungskampagne des Ja-Komitees vor den Sommerferien: «Heute leisten Lehrpersonen knapp 1,5 Stunden unbezahlte Arbeit täglich.» Fleisch bezieht sich damit auf eine Erhebung des nationalen Lehrerverbands. Der neue Berufsauftrag bilde die Realität des Schulalltags besser ab, sagte die ZLV-Präsidentin. Ihr Verband hatte 62 bezahlte Stunden pro Wochenlektion und Jahr gefordert sowie 250 Stunden für Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer.Für Fleisch und ihre Mitstreiter aus Politik und Schulbehörden steht viel auf dem Spiel, so zumindest präsentieren sie die Lage im Abstimmungskampf. Christoph Ziegler, langjähriger Sekundarlehrer und bis vor kurzem Kantonsrat der GLP, umschrieb das Gesetzesvorhaben so: «Es geht auch darum, die Lehrpersonen im Job zu behalten.» Viele verliessen den Beruf aus Erschöpfung. Da müsse man dagegenhalten.Den gestiegenen Ansprüchen der Eltern habe der Staat als Arbeitgeber ebenfalls Rechnung zu tragen. Und zwar mit «fairen Rahmenbedingungen» für Lehrerinnen und Lehrer. Das verlautete an der Medienkonferenz der Befürworter des «Lehrpersonal-Kompromisses» auch aus Kreisen der SP, der Grünen, der AL und vom Verband der Zürcher Schulleiterinnen und Schulleiter. Die Mitte von Bildungsdirektorin Steiner hatte im Kantonsrat gegen die Änderung gestimmt. Aber die Basis votierte Anfang Juli knapp dafür. Jetzt unterstützt die Partei die Vorlage.Passend zum Artikel
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