Interview«Mitleid zementiert die Verhältnisse», sagt der Zuger Bildungsdirektor und trimmt die Schulen auf mehr LeistungDer Zuger Bildungsdirektor Stephan Schleiss führt Notenpflicht für Prüfungen ein und halbjährliche Vergleichstests für alle Schüler. Im Interview erklärt er, warum – und was er sonst noch alles vorhat.22.08.2026, 21.45 Uhr7 Leseminuten«Zwölfmal sollte man etwas geübt haben», sagt Stephan Schleiss: Spielende Kinder auf einem Zürcher Pausenplatz.Andreas Becker / KeystoneFrage: Herr Schleiss, der Kanton Zug steigt mit einer Neuerung ins neue Schuljahr. Sie verpflichten alle Schulen dazu, Prüfungsnoten zu verteilen. Warum?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Wir haben festgestellt, dass immer häufiger an der Notengebung herumgewerkelt wird. Schulen verzichten auf Noten oder ersetzen sie durch Smileys oder Farbcodes. Und teilweise geben sie die Prüfungen den Kindern nicht mehr mit nach Hause. Das führt auch zu Verunsicherungen bei Eltern. Darum haben wir nun die Regeln präzisiert.Frage: Haben Sie etwas gegen Smileys?Antwort: Natürlich nicht. Aber ein Beurteilungssystem muss nachvollziehbar und transparent sein. Die unteren Klassen dürfen auch weiterhin mit Symbolen oder Farben arbeiten, aber sie müssen auf einer Skala transparent festlegen, was welcher Note entspricht, damit das für Eltern und Schüler klar ist.Frage: Das ist ein ziemlich starker Eingriff in die didaktische Freiheit der Lehrer.Antwort: Wir mussten intervenieren, bevor das Thema die Gerichte beschäftigt. Wenn Eltern erst am Ende eines Semesters sehen, dass ihr Kind auf dem absteigenden Ast ist, können sie ihre Mitwirkungsrechte nicht mehr richtig wahrnehmen. Es ist ja grundsätzlich schön, wenn Schulen Neuerungen ausprobieren wollen. Aber es gibt Tausende geeignetere Felder für die Schulentwicklung als die Notengebung.Frage: Reagieren Sie auf Druck von Eltern, oder agieren Sie aus eigener Überzeugung?Antwort: Beides. Ich bin überzeugt, dass eine Note ein einfaches und transparentes Mittel zur Beurteilung ist, und zwar sowohl für die Schüler selbst als auch für die Eltern und die Wirtschaft. Noten sind Ausdruck von Leistung. Wer Leistung verwässern will, der ist auch gegen die Noten.Frage: Der Trend führt indes eher weg von Noten. Die Stadt Luzern hat neuerdings Prüfungsnoten sogar ganz verboten. Diese würden eine Scheingenauigkeit vermitteln und könnten demotivierend für Kinder sein, die sich trotz Anstrengung nicht verbesserten, heisst es.Antwort: Und ich finde, man muss sich nicht an etwas ideologisch abarbeiten, was sich bewährt hat. Die Beurteilung mit Noten erfolgt strikt nach der Sachnorm. Das heisst, es werden Ziele definiert, die vor der Prüfung bekannt sein müssen. Und danach wird beurteilt, wie gut das Kind diese Ziele erreicht hat. Noten müssen widerspiegeln, was ein Kind kann – und nicht, wie sehr es sich angestrengt hat.Frage: Der Kanton Zug geht auch sonst neue Wege in der Schulpolitik. Neu sollen alle Kinder ab der vierten Klasse einmal pro Semester mit einem einheitlichen Test in Deutsch und Mathematik geprüft werden. Weshalb?Antwort: Ursprünglich war dies ein Gegenvorschlag des Kantonsrates zu meinem Vorhaben, eine Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium einzuführen. Das Parlament wollte stattdessen lieber standardisierte Tests für alle. Das begrüsse ich nun auch, es bringt mehr Objektivität in den Schulbetrieb, und wir erreichen eine gewisse Vergleichbarkeit zwischen Gemeinden, Schulhäusern und einzelnen Klassen.Frage: Solche Tests könnten indes dazu führen, dass Lehrer ihre Klassen gezielt darauf vorbereiten, um möglichst gut dazustehen: «teaching to the test», wie man sagt.Antwort: Das kann schon sein. Die Herausforderung wird also sein, dass wir diese Tests so aufsetzen, dass die Schüler und die Lehrer davon profitieren können. Also «tests worth teaching to». Es muss für sie einen Wert haben, daraufhin zu lernen und zu unterrichten.Frage: Diese Vorgaben wirken sich ziemlich stark auf das Unterrichtsgeschehen aus. Darf das die Politik?Antwort: In der Tat sehe ich ein gewisses Risiko, dass man damit zu sehr in den Schulbetrieb eingreift. Darum erarbeiten wir nun die Umsetzung gemeinsam mit Lehrervertretern. Auf der anderen Seite erhalten die Lehrpersonen aber auch eine Entlastung durch klare Strukturen und regelmässige Tests, die auch fürs Zeugnis relevant sind.Frage: Ist es auch ein Misstrauensvotum gegenüber den Lehrerinnen und Lehrern?Antwort: Nicht generell. Aber es besteht die Tendenz an den Schulen, dass die Leistungsorientierung abgeschwächt wird. Etwa, wenn Lehrpersonen ihr pädagogisches Ermessen geltend machen, um Noten und Beurteilungen nach ihrem Gutdünken anzupassen. Man darf nie unterschätzen, wie selbst professionell agierende Lehrpersonen von ihren eigenen Haltungen beeinflusst sind. Nicht alle haben dieselben hohen Leistungserwartungen, die man an Kinder stellen muss, damit sie vorwärtskommen – auch an die schwächeren. Heute werden Schüler zu oft aus falscher Nachsicht zurückgelassen. Da werden Ziele angepasst, Nachteile ausgeglichen und so weiter.Frage: Apropos Nachteilsausgleiche: Diese haben schweizweit zugenommen. Auch im Kanton Zug?Antwort: Ja. Das nimmt massiv zu und die Streitereien darüber ebenfalls. Die Entwicklung hat den gesunden Bereich verlassen. Da erwarten zum Beispiel Schüler kurz vor der Maturaprüfung plötzlich einen Nachteilsausgleich, obwohl sie vorher sechs Jahre lang nichts dergleichen brauchten. Das wird manchmal sogar eingeklagt. Darum überarbeiten wir nun die Richtlinien. Ich lasse prüfen, ob man die Nachteilsausgleichsmassnahmen im Zeugnis ausweisen darf, und wenn es nur mit einem Sternchen hinter der Note ist.Frage: Das könnte dazu führen, dass beeinträchtigte Schüler mit einem solchen Zeugnisvermerk stigmatisiert werden. Eigentlich wollte man mit Nachteilsausgleichen ja das Gegenteil erreichen.Antwort: Tatsächlich kritisieren auch Schulrechtler solche Kennzeichnungen im Zeugnis. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Hauptaufgabe eines Zeugnisses seine Aussagekraft ist. Und wenn ein Lehrmeister dort nicht sehen kann, dass ein Schüler für seine Aufgaben zwanzig Prozent mehr Zeit braucht als der Rest, finde ich das schwierig. Er merkt es erst, wenn er den Lehrling bereits eingestellt hat.Frage: Der Ruf nach transparenteren Zeugnissen und stärkerer Leistungsorientierung ist oft aus der Wirtschaft zu hören. Erleben Sie das auch so?Antwort: Natürlich stehen wir im regelmässigen Austausch mit der Wirtschaftskammer und dem Gewerbeverband. Dort hören wir immer wieder, dass die Schulabgänger weniger können als früher. Letztes Jahr hat die Zuger Treuhändervereinigung deswegen sogar extra die Regierung angeschrieben. In den gut fünfzehn Jahren, die ich nun im Amt bin, haben die Klagen zugenommen. Und sie decken sich auch mit meiner persönlichen Beobachtung.Frage: Solche Klagen sind jedoch so alt wie die Menschheit selbst.Antwort: Schon. Aber schauen Sie doch, was die Pisa-Studie 2022 gezeigt hat: Ein Viertel der Schweizer Schüler erfüllt die Grundansprüche im Lesen nicht, ein Fünftel nicht in Mathe. Die Leistungen haben generell abgenommen. Das finde ich schon sehr schwierig, vor allem wenn man sieht, wie viel Effort und Ressourcen in das System investiert werden.Frage: Oft fängt das Problem schon viel früher an, bereits im Vorschulalter.Antwort: Es ist so, dass Sozialisation und Sprachfertigkeit der Kindergartenkinder massiv schlechter geworden sind. Kürzlich sagte mir jemand, dass in der Gemeinde Baar die Hälfte aller neu eingeschulten Kinder Deutschförderung brauche. Nun planen wir eine selektive Ausweitung der Schulpflicht. Wir werden bei allen Dreijährigen im Kanton Sprachstandserhebungen durchführen. Und wer dort gewisse Mindestwerte nicht erfüllt, muss an zwei Halbtagen pro Woche eine Kita oder Spielgruppe besuchen.Frage: Das alleine dürfte wohl nicht reichen.Antwort: Das stimmt. Wir wollen die Schulen darum verstärkt auf die Kulturtechniken Lesen, Rechnen, Schreiben einschwören. Gemeinsam mit den Schulpräsidenten und Gemeinden haben wir entsprechende strategische Richtlinien verabschiedet. Die Schulen verzetteln sich mitunter zu stark mit Projekten, entdeckendem und forschendem Lernen sowie super anspruchsvollen pädagogischen Settings. Da fehlt am Schluss die Zeit, um die Grundlagen zu üben.Frage: Wie soll das erreicht werden, mit mehr Üben, mehr Drill?Antwort: Drill im preussischen Sinne nicht gerade. Aber vielleicht so, wie es früher im Schweizer Armeereglement gestanden ist: Zwölfmal sollte man etwas geübt haben.Frage: Schule besteht aber nicht nur aus Kopf, sondern auch aus Herz und Hand.Antwort: Selbstverständlich soll die Schule ganzheitlich sein und alle drei Ebenen ansprechen. Und natürlich soll sie auch Spass machen. Lern- und Lebensfreude gehören zusammen. Kinder müssen vielfältig angeregt werden. Aber die Schule legitimiert sich durch das, was die Schüler am Ende der Schulzeit können.Frage: Kürzlich hat eine Umfrage des Schweizer Lehrerverbandes LCH gezeigt, dass die Hälfte der Lehrerschaft der integrativen Schule kritisch gegenübersteht. Was sagen Sie zu diesem Ergebnis?Antwort: Das Ausmass der Kritik hat mich überrascht, denn normalerweise hört man die kritischen Stimmen etwas weniger. Grundsätzlich sind die Schulen ein Milieu, in dem man sagt: Momoll, die Integration ist ein wichtiges Anliegen. Jetzt zeigt sich aber klar, dass das System überlastet ist.Frage: Sie schreiben nun allen Schulen vor, sogenannte Schulinseln für schwierige Schüler einzurichten. Fühlen Sie sich in Ihrem Weg bestätigt?Antwort: Eigentlich schon. Wir haben festgestellt, dass Integration in vielen Belangen zwar kein Problem ist – ausser wenn es um Schüler mit Problemverhalten geht. Da braucht es ein Ventil. Darum müssen neu alle Zuger Schulen sogenannte temporäre separative Gefässe einrichten. Es ist ein pädagogisch wertvolles «Vor-die-Türe-Stellen». Bei einem reicht ein Nachmittag, einer braucht drei Wochen, und ein weiterer ist alle zwei Monate dort. Das ist eine pragmatische Lösung, die ohne viel bürokratischen Aufwand funktioniert.Frage: Wie kommt das bei den Schulen an?Antwort: Nicht alle sind gleich begeistert. Aber kürzlich war ich in einer Gemeinde auf Schulbesuch, die ursprünglich dagegen war, weil sie die Integration nicht hinterfragen wollte. Nun aber sind die Lehrer dort froh, dass die Schulinseln kommen. Manchmal wollen Schulen eben auch zu etwas gezwungen werden.Frage: Besteht nicht die Gefahr, dass in einer leistungsorientierten Schule am Ende die Schwachen auf der Strecke bleiben?Antwort: Nein, nein. Das Gegenteil ist der Fall. Eine Schule, die auf Schonung aufbaut, hilft niemandem. Mitleid zementiert die Verhältnisse. Wir wollen erreichen, dass alle die grundlegenden Fähigkeiten erlernen. Das hilft gerade den Schwächeren. Die Fokussierung auf Transparenz, Leistung und die Kulturtechniken ist die Rückfallebene in einer Welt, die immer komplizierter wird.Stephan SchleissPDAmtsältester BildungsdirektorDer 53-Jährige ist seit Januar 2011 Bildungsdirektor des Kantons Zug und damit amtsältester Regierungsrat in dieser Funktion. Zuvor war er Kantonsrat und Präsident der kantonalen SVP. Schleiss studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete früher als Vizedirektor der Zürcher Privatbank Vontobel.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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