Schweizer Schüler werden immer schlechter – obwohl die Bildungsausgaben steigen: Weshalb mehr Geld nicht zu besseren Pisa-Resultaten führtVor allem die Ergebnisse beim Lesen sind teilweise ernüchternd: Die Schule scheint Mühe zu haben, den Kompetenzverlust aufzufangen. An den Ressourcen kann es nicht liegen.09.09.2026, 17.00 Uhr4 LeseminutenLesen macht vielen Schülern immer mehr Mühe – nicht nur, wenn es ums Französisch geht.Gaëtan Bally / KeystoneDie Schweiz ist stolz auf ihr Bildungssystem, das sie gerne mit Pestalozzi assoziiert und für das sie viel Geld ausgibt. Die aktuelle Pisa-Studie fühlt sich deshalb an wie ein Schlag in die Magengrube: Zwar gehört das Schweizer Schulsystem noch immer zu den leistungsstärksten der Welt, doch die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler nehmen seit Jahren kontinuierlich ab. Unter den OECD-Ländern befindet sich die Schweiz im oberen Mittelfeld (501 Punkte) – abgehängt von China (597 Punkte), Singapur (560) oder Estland (527). Sie ist stark, aber nicht stark genug.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor allem beim Lesen sind die Resultate teilweise alarmierend: Vor 10 Jahren erzielten die 15-Jährigen in der Schweiz in diesem Bereich 492 Punkte, heute sind es noch 470. Noch bedenklicher: Fast drei von zehn Kindern können inzwischen so schlecht lesen, dass ihnen ihre Fähigkeiten im Alltag kaum mehr viel nützen. Der Anteil der Personen aus dieser Gruppe hat in den letzten 10 Jahren um rund 50 Prozent zugenommen.Zwar zeigt sich eine ähnliche Entwicklung auch in anderen Ländern, aber kaum jemand gibt so viel für die Bildung aus wie die Schweiz. Laut dem aktuellen OECD-Bildungsbericht wendet die Schweiz pro Schüler und Jahr auf der Primarstufe sowie der Sekundarstufe I und II kaufkraftbereinigt über 21 000 Dollar auf. Von allen OECD-Ländern verzeichnen nur Luxemburg und Südkorea höhere Ausgaben. Im Schnitt betragen die Ausgaben der OECD-Länder 12 438 Dollar.Wie die Türkei Luxemburg schlägtNoch krasser erscheint die Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag, wenn man die Entwicklung der Bildungsausgaben berücksichtigt. Das Bundesamt für Statistik (BfS) weist für das Jahr 2023 für die obligatorische Schule Ausgaben in Höhe 24 422 Franken pro Schüler und Jahr aus. Neuere Zahlen liegen nicht vor. 2015 waren es 20 998 Franken. Das entspricht einer Zunahme von über 16 Prozent innert 8 Jahren. Die obligatorische Schulzeit endet meist mit 15 oder 16 Jahren – also just in dem Alter, in dem die Pisa-Tests durchgeführt werden.Der Think-Tank Avenir Suisse spricht in einem Paper, das er als Reaktion auf die aktuellen Pisa-Resultate veröffentlicht hat, gar von einem Ausgabenwachstum im Bildungsbereich von 69 Prozent seit der Einführung der Pisa-Studien vor 25 Jahren. Mehr Ausgaben für schlechtere Resultate – das sieht nach einem schlechten Deal aus. Noch mehr öffentliche Gelder zu fordern, um die Grundkompetenzen der Jugendlichen zu stärken, greife deshalb zu kurz, so Avenir Suisse.Höhere Ausgaben haben nicht automatisch auch bessere Resultate zur Folge, wie die aktuelle Pisa-Studie zeigt. So hat Luxemburg unter den OECD-Staaten zwar die höchsten Bildungsausgaben pro Schüler, liegt in der Pisa-Studie mit 443 Punkten aber hinter dem OECD-Schnitt (461) und deutlich hinter der Schweiz (470). Noch eindrücklicher fällt der Vergleich mit einem anderen Land aus: Die Türkei verzeichnet nur gerade einen Siebtel der Ausgaben von Luxemburg, kommt im Pisa-Ranking aber auf ähnliche Resultate.Mittel für hohe Lehrerlöhne oder kleine Schulklassen?Bei der Präsentation der neusten Pisa-Studie verwendete der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher just dieses Beispiel, um die Bedeutung der Bildungsausgaben zu relativieren: Die Welt lasse sich nicht mehr in reiche, gut gebildete und arme, schlecht gebildete Nationen unterteilen, sagte Schleicher. Das BIP pro Kopf erkläre nur die Hälfte der Leistungsunterschiede unter den verschiedenen Ländern. Und die absoluten Ausgaben für die Bildung garantierten noch keine besseren Resultate. Entscheidend sei, wie klug die Ressourcen eingesetzt würden.Was damit gemeint ist, beschreibt der aktuelle OECD-Bildungsbericht anhand eines Beispiels: So können Ressourcen in höhere Gehälter für Lehrpersonen oder aber in kleinere Klassengrössen fliessen. Beides führt zu ähnlichen Kosten pro Schüler, aber zu unterschiedlichen Folgen im Unterricht. So zahlten Australien oder Korea ausserordentlich hohe Lehrerlöhne, kompensierten dies aber mit grossen Klassen. Welche Strategie erfolgversprechend ist, hängt wiederum von anderen Rahmenbedingungen ab, beispielsweise von der soziodemografischen Zusammensetzung der Bevölkerung.Laut Schleicher ist der Zusammenhang zwischen der Höhe der Ausgaben und dem Leistungsniveau hauptsächlich bei Ländern mit geringen Investitionen in die Bildung deutlich. Bei Ländern mit Ausgaben auf OECD-Niveau flacht dieser Effekt stark ab. Einige der bemerkenswertesten Fortschritte im Bildungsbereich würden deshalb in Ländern registriert, die über wenige Ressourcen verfügten, diese aber besonders gut nutzten. Als Beispiel nannte Schleicher Kambodscha.Nicht zulässig ist aber auch die gegenteilige Schlussfolgerung – nämlich dass hohe Bildungsausgaben sinnlos sind: Die Schweiz gebe zwar viel für Bildung aus, doch sie falle in allen Kompetenzbereichen weniger stark zurück als der Schnitt der OECD-Länder, heisst es in der jüngsten Pisa-Studie. Entscheidend ist deswegen, dass die Politik weiss, wofür sie das Geld im Bildungsbereich am besten ausgeben soll. Das sieht Avenir Suisse ähnlich: Kantone, Gemeinden und Schulen müssten Neues ausprobieren, um die Mittel möglichst effizient einsetzen zu können. Dafür brauche es mehr standardisierte Tests – sonst wisse man «schlicht nicht, was gut funktioniert».Passend zum Artikel