Die Pisa-Studie zeigt: Fast drei von zehn 15-Jährigen können kaum mehr richtig lesen – und überraschend viele bezweifeln wissenschaftliche ErkenntnisseIn der neuen Pisa-Bildungsstudie schneiden Schweizer Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich gut ab. Doch sie werden – wie Jugendliche in andern Ländern – immer schlechter im Lesen und Rechnen.08.09.2026, 16.26 Uhr4 LeseminutenDie Schweiz nimmt im internationalen Vergleich eine gute Position ein. Die Kompetenzen von 15-Jährigen im Lesen und Rechnen nehmen allerdings seit Jahren kontinuierlich ab.Gaetan Bally / KeystoneSchweizer Schülerinnen und Schüler weisen immer noch ein deutlich höheres Bildungsniveau auf als Kinder aus den meisten übrigen Ländern: Die Schweiz gehört unter den 91 Ländern, die an der Pisa-Studie 2025 teilnahmen, zu den 20 leistungsstärksten Staaten. Ihre Werte sind auch signifikant höher als der Schnitt der 38 OECD-Staaten. Vor allem in den Naturwissenschaften belegt die Schweiz einen Spitzenplatz. Die Schülerinnen und Schüler erreichen auf der Pisa-Skala 501 Punkte – fast 20 Punkte mehr als der OECD-Schnitt. Nur 11 Länder schneiden besser ab als die Schweiz. In den Ländern, in denen die Herausforderungen im Bildungsbereich mit jenen der Schweiz vergleichbar sind (Vergleichsländer), liegen einzig Estland und Kanada vorne.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trotzdem dokumentiert die Untersuchung für die Schweiz auch besorgniserregende Entwicklungen. Die Pisa-Studie vergleicht alle drei Jahre die Kompetenzen 15-Jähriger in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Sie umfasst alle OECD-Staaten sowie zahlreiche Partnerländer aus aller Welt. Neben dem reinen Fachwissen steht vor allem die Fähigkeit im Vordergrund, Erlerntes bei alltäglichen Problemstellungen anzuwenden. Auf diese Weise lassen sich Entwicklungen in den Bildungssystemen langfristig verfolgen. Erstmals gaben die Jugendlichen bei der Studie auch Auskunft über die Nutzung künstlicher Intelligenz. In der Schweiz haben sich rund 7600 Jugendliche aus 275 Schulen beteiligt.Kompetenzen nehmen kontinuierlich abDie Probleme im schweizerischen Bildungssystem zeigen sich dabei nicht in erster Linie beim Vergleich mit anderen Ländern. Im Gegenteil: Auch abseits der Naturwissenschaften, auf die die 2025er Studie ihren Fokus legt, liegt die Schweiz in allen Feldern vorne. In Mathematik liefern nur gerade acht Staaten bessere Leistungen ab als die Schweiz.Beim Lesen liegen die Ergebnisse ebenfalls über dem OECD-Schnitt. Und bei der sogenannten modellbasierten Problemlösung erzielt zumindest in den Vergleichsländern nur Estland signifikant bessere Ergebnisse. In diesem Bereich werden die Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern gemessen, Probleme schrittweise und eigenständig mithilfe von computergestützten Werkzeugen zu lösen. In China, Japan oder Singapur sind die Schülerinnen und Schüler den europäischen Staaten allerdings weit voraus.Beunruhigender ist allerdings, dass die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler aus der Schweiz im Verlauf der letzten zehn Jahre in verschiedenen Bereichen abgenommen haben. In der Mathematik ist von einem «kontinuierlichen Rückgang» die Rede: Die Schweiz liegt zwar über dem Durchschnitt, aber die Resultate haben sich verschlechtert: 2015 erzielte die Schweiz 521 Punkte – im letzten Jahr waren es noch 499.Jungen können weniger gut lesen als MädchenÄhnlich ist der Trend beim Lesen: Die Schweiz liegt bei 470 Punkten und damit nur noch leicht über dem OECD-Schnitt (461 Punkte). Vor zehn Jahren lag ihr Wert noch bei 492 Punkten. Dass in den anderen OECD-Ländern eine ähnliche Tendenz schon länger zu beobachten ist, ist nur auf den ersten Blick tröstlich: Es zeigt, dass auch eines der leistungsfähigsten Bildungssysteme der Welt diese Entwicklung offenbar nicht aufhalten kann.Beim Lesen ist der Anteil von leistungsschwachen Jugendlichen in der Schweiz von 2022 bis 2025 von 24,7 auf 28,8 Prozent angestiegen. Vor zehn Jahren betrug ihr Anteil sogar nur 19,9 Prozent. Zu dieser Gruppe gehören Schülerinnen und Schüler, die nicht die Hauptaussage eines mittellangen Textes eigenständig erfassen und die darin enthaltenen Informationen auffinden können. Fast drei von zehn Schülerinnen und Schülern verfügen somit heute nicht mehr über Lesekompetenzen, die im Alltag wirklich nutzbar sind.In dieser Gruppe sind die männlichen Jugendlichen deutlich überrepräsentiert – dort beträgt ihr Anteil mehr als ein Drittel (34,2 Prozent). Weitere Risikofaktoren sind die soziale Herkunft, ein Migrationshintergrund oder sprachliche Barrieren. Dort, wo zu Hause nur Fremdsprachen gesprochen werden, beträgt der Anteil leseschwacher Jugendlicher beispielsweise extrem hohe 45,9 Prozent. Das Problem ist allerdings keineswegs auf Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund beschränkt. Auch ausserhalb dieser Gruppe beträgt der Anteil der leseschwachen Jugendlichen immerhin einen Fünftel.Aufhorchen lässt zudem eine Entwicklung, die der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher bei der Präsentation der Pisa-Studie in Paris erwähnte: 43 Prozent der in den 91 Ländern befragten Schülerinnen und Schüler sagen laut der Studie aus, dass man im Zweifelsfall eher auf den gesunden Menschenverstand setzen solle, wenn dieser mit wissenschaftlichen Erkenntnissen kollidiere. Das ist laut Schleicher bedeutend in einer Welt, in der die künstliche Intelligenz Antworten generieren kann, die wie der gesunde Menschenverstand klingen – aber möglicherweise nicht wahr sind.Smartphone wird offenbar benutzt, auch wenn es verboten istAuch in leistungsstarken Ländern gebe es einen überraschend grossen Anteil von Schülerinnen und Schülern, die der Ansicht seien, dass der gesunde Menschenverstand wichtiger sei als wissenschaftliche Evidenz, sagte Schleicher. Ausdrücklich nannte er in diesem Zusammenhang die Schweiz. Laut Schleichers Präsentation verfügen zwar rund 42 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz über ein starkes wissenschaftliches Profil. Gleichzeitig neigt jedoch mit etwa 38 Prozent ein fast ebenso grosser Anteil der Jugendlichen dazu, im Alltag dem gesunden Menschenverstand den Vorrang vor wissenschaftlicher Evidenz zu geben.Während die Nutzung digitaler Medien für schulische Aktivitäten in der Schweiz dem OECD-Durchschnitt entspricht, sticht das Land bei der künstlichen Intelligenz hervor: Unter den Vergleichsländern weist die Schweiz die höchste Nutzung von KI für schulische Aktivitäten auf. Diese Ergebnisse legten nahe, dass KI mittlerweile fester Bestandteil der schulischen Praxis der 15-Jährigen sei, heisst es in der Studie. Das Smartphone wird in der Schule von gut der Hälfte der Schülerinnen und Schüler täglich benutzt. Nur 4 Prozent geben dabei an, in der Schule keinen Zugang dazu zu haben. Für die Studienautoren kommt dies überraschend: 51 Prozent der Jugendlichen gaben nämlich an, eine Schule zu besuchen, in der auf dem Schulareal die Verwendung des Handys verboten sei.Passend zum Artikel