Der andere BlickDie strategische Geduld der AfD im Osten hat sich ausgezahltErst der Paria-Status der AfD hat es ihr ermöglicht, sich ein unverwechselbares Profil zu geben. Nun gewinnt sie damit Wahlen.07.09.2026, 17.43 Uhr4 LeseminutenIm August nimmt ein Bürger in Halle an einer Wahlkampfveranstaltung der AfD teil.Craig Stennett / GettySie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Oliver Maksan, Stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Triumph der AfD in dem ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt ist eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Darin sind sich in Deutschland und darüber hinaus Freund wie Feind der Rechtspartei einig. Noch nie seit 1949 hat eine rechts von CDU und CSU positionierte Partei mit einem derart hohen Ergebnis eine Wahl gewonnen.Der Erfolg der AfD und die epochale Niederlage der CDU haben dabei viele Väter. Da sind der blasse Spitzenkandidat der CDU und der charismatische der AfD. Der eine versagte in den sozialen Netzwerken, der andere setzte dort neue Massstäbe.Da ist der beispiellos unbeliebte Bundeskanzler Friedrich Merz, der die Politikwende – «Links ist vorbei» – versprochen hat, sie im Bündnis mit der SPD aber nicht umsetzen kann, dafür aber entgegen heiligen Eiden vor der Wahl die Schuldenbremse opferte, einen der letzten ehernen Grundsätze der CDU. Da sind die Sorgen über wirtschaftlichen Niedergang und Einschnitte bei Rente und Gesundheit, die in dem einkommensschwachen Bundesland schneller durchschlagen als andernorts.All diese Faktoren haben zulasten der CDU auf das Konto der AfD eingezahlt. Die einschüchternde Stärke der AfD hat aber nicht nur mit Fehlern der CDU und ihres Personals zu tun.Vielmehr ist die Strategie der AfD aufgegangen, nicht einfach und vor der Zeit Mehrheitsbeschafferin der etablierten Parteien zu werden. Das linksnationale BSW am anderen Ende des politischen Spektrums gab dieser Versuchung zur schnellen Regierungsbeteiligung in Thüringen nach und wäre darüber fast zugrunde gegangen.Die AfD konnte diesen Fehler aufgrund der Brandmauer gar nicht erst begehen. Für Deutschland wie die CDU wäre das besser gewesen, für die AfD hingegen nicht. Die CDU hat also durch ihre Abgrenzung verhindert, dass sich die AfD selbst schaden konnte. Das ist die Ironie.Die AfD ist unverwechselbarDie AfD hat den Erfolg, den sie hat, weil sie nicht einfach eine weitere Variante des Bekannten ist. Sie ist auch keine zu ihren Wurzeln zurückgekehrte CDU, wenn sie auch viele Positionen etwa in der Energie- oder der Migrationspolitik vertritt, die die CDU in der Ära vor Angela Merkel vertrat.Sie hat sich von Ostdeutschland ausgehend vielmehr das Profil einer deutschnationalen, isolationistischen, sozialpopulistischen Partei gegeben und hat damit offenkundig Erfolg. Einer fallweisen Zusammenarbeit von AfD und CDU steht das übrigens nicht im Wege, solange sich beide Seiten über ihre Unterschiede, aber auch ihre Gemeinsamkeiten im Klaren sind. Für immer mehr Wähler der AfD hingegen waren gerade diese Unterschiede ausschlaggebend.«Unser Land zuerst»: Wo Kritiker Extremismus beklagen, erkennen die Wähler ein unverwechselbares Angebot. Man könnte von Originalisierung statt Radikalisierung sprechen.Vorgezeichnet war dieser Weg nicht. Die 2013 gegründete Alternative für Deutschland positionierte sich zunächst als Korrektiv zur Euro-Rettungs-Politik Angela Merkels, daher der Name. Schnell erkannten ab 2015 besonders ostdeutsche AfD-Strategen, dass dieses Angebot zu schmal war, um auf Dauer als echte Alternative wahrgenommen zu werden.Über die Frage der Anschlussfähigkeit gegenüber der sogenannten demokratischen Mitte stürzten 2015 erst der Parteigründer Bernd Lucke, 2017 dann die Parteichefin Frauke Petry, 2021 schliesslich Jörg Meuthen. Fünf Jahre später führt die AfD auf nationaler Ebene in den Umfragen stabil vor der CDU und könnte in Sachsen-Anhalt erstmals die Regierung übernehmen.Dass all das zuerst in Ostdeutschland geschieht, ist kein Zufall. Die Parteibindungen dort sind schwächer als in Westdeutschland. Die Ostdeutschen reagieren zudem aufgrund ihrer Erfahrung mit der SED-Diktatur sensibel auf jede Behauptung alternativloser Politik, wie sie Kanzlerin Merkel vortrug – und wie es Politiker nun bei der Unterstützung der Ukraine wiederholen.Demokratie lebt aber von Alternativen. Sie ist schliesslich vor allem ein Instrument der Mehrheits-, nicht der Wahrheitsfindung. Das ist ihre Schwäche, aber auch ihre Stärke. Wo Meinungsmachern in Politik und Medien das Verständnis dafür fehlt, werden sie zu Geburtshelfern populistischer Parteien.Trump interessiert sich für Sachsen-AnhaltZur Erinnerung: 2014 gründete sich die rechte Protestbewegung Pegida aus Protest gegen die Bewaffnung der vom IS bedrängten kurdischen Peschmerga durch die Bundesrepublik in Dresden. Die Linien von diesem frühen isolationistischen Aufbegehren lassen sich bruchlos fortführen zur heutigen Ablehnung der Unterstützung der Ukraine durch die AfD.Sich aus den Händeln der Welt heraushalten, die eigene Wirtschaft nicht durch ambitionierte Klimaziele schwächen: Kein Wunder, dass der amerikanische Präsident Donald Trump sich am Wahltag für die Hochrechnungen in einem ostdeutschen Bundesland interessierte und sie in den sozialen Netzwerken teilte. Populisten aller Völker erkennen einander eben.Der gegenwärtige Höhenflug der AfD mag nicht von Dauer sein. Wo zudem wie jetzt in Sachsen-Anhalt keine absolute Mehrheit wenigstens der Mandate gelingt, ist sie auf Bundesebene erst recht nicht in Sicht. Aber die politische Dynamik ist unbestreitbar nach rechts gewandert. Die deklassierten Christlichdemokraten haben darauf keine Antwort. Die Weitsicht der AfD hingegen hat sich vorerst bezahlt gemacht. Sie ist jetzt Koch und nicht mehr Kellner.79 KommentareErwin Rosskopf vor 29 MinutenBearbeiten-Funktion eines Kommentars: schlägt zuverlässig die Zeichenbeschränkung zu.
Die CDU hat der AfD durch die Brandmauer ein unverwechselbares Profil verschafft. Das fällt ihr jetzt auf die Füsse
Erst der Paria-Status der AfD hat es ihr ermöglicht, sich ein unverwechselbares Profil zu geben. Nun gewinnt sie damit Wahlen.













