Der andere BlickFür die CDU ist alles zu spätLange hatte die Volkspartei die Möglichkeit, die AfD zu integrieren – doch sie liess Chance um Chance verstreichen. Nun hat sie nur noch schlechte Optionen.27.08.2026, 18.00 Uhr6 LeseminutenIm Umfragetief: Bundeskanzler Friedrich Merz.Michele Tantussi / Getty Images EuropeSie lesen einen Auszug aus dem werktäglichen Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Beatrice Achterberg, Redaktorin der NZZ in Berlin. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf dem Gut Oblomowka lebt es sich fein. Tee trinken, Haselhuhn essen und so viel schlafen, wie man will. So verbringt Ilja Iljitsch Oblomow seine Kindheit als Adelsspross im zaristischen Russland. Veränderungen sind ihm lästig. Briefe lässt er ungeöffnet. Schliesslich lebt er gut genug von den Erträgen seines geerbten Landguts. Dass Friedrich Merz seine Post ignoriert, ist schwer vorstellbar.Doch die Trägheit, an der seine Partei unter ihm krankt, steht jener des russischen Titelhelden in nichts nach. Müde schlittert die CDU unter Merz ihrem Untergang entgegen. Die Union von Helmut Kohl, Konrad Adenauer und Ludwig Erhard steuert auf Bundesebene auf die 20-Prozent-Marke zu. Während ihre Konkurrenz von rechts, die AfD, die 30-Prozent-Zielmarke zu durchbrechen droht.Böse Aussichten im OstenBesonders bitter ist die Lage im Osten. Sachsen-Anhalt wählt im September einen neuen Landtag. Noch stellt die CDU dort den Ministerpräsidenten. Doch die AfD liegt weit vor ihr. Sollte sich daran nichts ändern, bleiben der CDU nach der Wahl nur trübe Aussichten: Entweder die AfD schafft den Sprung in die Regierungsverantwortung – oder der Amtsinhaber Sven Schulze müsste sich mit einer Minderheitsregierung abmühen, die sich von der aus der SED-Nachfolgepartei PDS hervorgegangenen Linken unterstützen lassen muss.Die schmerzhafte Wahrheit lautet: Für die CDU gibt es keine guten Optionen mehr. Dafür sind nicht allein multiple Krisen verantwortlich, nicht nur das fragmentierte Parteiensystem, sondern auch die Führung der Partei selbst. Sie hat sich über Jahre auf eine Strategie gegenüber der AfD festgelegt, ohne einen Plan B zu entwickeln, sollte das Ziel, sie durch Ausgrenzung zu minimieren, verfehlt werden. Aber genau das ist geschehen.Wenn die frühere CDU-Familienministerin Kristina Schröder nun fordert, sich anzunähern, indem man «Bedingungen formuliert», um «überhaupt ins Gespräch zu kommen», und sich an die «Moderaten» in der AfD wenden will, dann muss man festhalten: Dafür ist es zu spät.Denn in der AfD wartet längst niemand mehr auf Angebote von den Christlichdemokraten. Die Moderaten haben ohnehin nicht das Sagen. Das Motto ist stattdessen: wir oder die. So stark werden, dass es auf die CDU nicht mehr ankommt. «Organisches Wachstum» nennt das der Thüringer Landeschef Björn Höcke. In Ostdeutschland fruchtet das bereits, wie sich in Sachsen-Anhalt zeigt.Hinzu kommt noch ein weiterer Hemmschuh: Nach Jahren maximaler Abgrenzung müsste die CDU erklären, weshalb eine Zusammenarbeit plötzlich vertretbar sein soll. Es wäre ein Drahtseilakt in tausend Kilometern Höhe.Schon Gedankenspiele werden bestraftMerkels asymmetrische Demobilisierung funktionierte, solange sich die Konflikte selbst befrieden liessen. 2013 holte die Union 41,5 Prozent, die AfD blieb mit 4,7 Prozent ausserhalb des Bundestags. Doch vier Jahre später war das Modell zunichte: Die AfD zog mit 12,6 Prozent ins Parlament ein, die Union fiel auf 32,9 Prozent. Das Kleinhalten war vor allen Augen gescheitert. Spätestens da hätte die CDU erkennen müssen, dass aus der bis dato erfolgreichen Taktik des Totstellens eine Methode geworden war, die den Gegner stärkte.Doch sie tat das Gegenteil. Mit dem Unvereinbarkeitsbeschluss schloss die CDU jede Zusammenarbeit mit der AfD (und der Linken) aus. Und sie bestrafte fortan schon blosse Wortmeldungen, in denen jemand die AfD als normalen politischen Mitbewerber behandelte.Drei Episoden zeigen, wie oft die CDU die Gelegenheit hatte, umzusteuern – und wie konsequent sie diese Gelegenheiten verstreichen liess.Thüringen war die erste. Nachdem der FDP-Politiker Thomas Kemmerich auch mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, gratulierte der damalige Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte, dem «Kandidaten der Mitte». Kurz darauf musste er sein Amt räumen. Merkel ging das zu weit. Mehr noch: Sie forderte das Bundesland auf, die demokratische Wahl rückgängig zu machen.Merz machte in ihrem Sinne weiter. 2023 traf es einen, der nicht einmal gehandelt, sondern zunächst nur über eine andere Strategie nachgedacht hatte: Der konservative Historiker Andreas Rödder plädierte dafür, gegenüber der AfD «rote Linien» zu definieren, statt jede parlamentarische Mehrheit mit Stimmen der AfD grundsätzlich auszuschliessen. Die Reaktionen auf diesen grundvernünftigen Vorschlag fielen heftig aus. Rödder zog sich schliesslich als Vorsitzender der CDU-Grundwertekommission zurück. Eine weitere Chance war verpasst.Die Schlinge um den Hals der Abweichler zog sich enger. Das bekam auch Jens Spahn zu spüren. Als der CDU-Bundestagsabgeordnete im Mai 2026 in einem Interview erklärte, dass es «mit dieser AfD» keine Zusammenarbeit gebe, genügte schon das Demonstrativpronomen für Entsetzen. Wenn es mit dieser nicht ginge, dann mit einer anderen? Spahn verzichtete danach auf die Formulierung. So zensierte sich die CDU immer weiter selbst – und lernte dabei jedes Mal dieselbe Lektion: Über Alternativen zur Misere darf nicht einmal laut nachgedacht werden.Dilemma im SuperwahljahrIm Superwahljahr 2026 steht die CDU nun vor einem Dilemma, dessen beide Ausgänge sie fürchten muss: Bewegt sie sich auf die AfD zu, sind ihr interne Richtungskämpfe und öffentliche Hinrichtung gleichermassen sicher. Hält sie an der vollständigen Abgrenzung fest, wird sie in Teilen Deutschlands wahrscheinlich dauerhaft gezwungen sein, immer breitere Bündnisse links von sich zu bilden oder sich in Minderheitsregierungen von links tolerieren zu lassen.Nach heutigen Umfragen würde selbst die schwarz-rote Bundesregierung keine Mehrheit mehr erreichen. Im Bund droht CDU/CSU damit die Aussicht, sich bei der nächsten Bundestagswahl nicht mit der SPD oder den Grünen arrangieren zu müssen – sondern mit beiden. Die Gestaltungsmacht der Bürgerlichen wäre dann noch kleiner. Schon jetzt befeuern die Kompromisse mit der SPD das Umfragetief der Kanzlerpartei. Ein künftiges Bündnis mit den klimaobsessiven Grünen dürfte der Union und ihren Wählern noch mehr abverlangen als es die Koalition mit den SPD-Chefs bereits tut.Die linken Bündnisse erschweren es wiederum, sich als glaubwürdige konservative Alternative zu präsentieren. Hier liegt der zweite Nachteil der Brandmauer: Sie bindet die CDU nicht nur an linke Partner, sie zwingt sie auch zu Kompromissen in ihren einstigen Kernthemen: Migration, innere Sicherheit und eine vernunftgeprägte Wirtschaftspolitik. Wählern, die einen Politikwechsel wollen, kann man so kein glaubwürdiges Angebot machen.Damit hat sich die einstige Machtmaschine Union abgefunden: Sie hat einen Weg gewählt, der ihre Macht dahinschmelzen lässt.Flexibel nach links, starr nach rechtsDer Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU, der eine Zusammenarbeit mit Linken und der AfD untersagt, muss sich auch am politischen Ergebnis messen lassen. Und das Ergebnis ist verheerend. Es zerreisst die Partei nicht auf einen Schlag. Ihr steht stattdessen ein langsames Siechtum bevor.Dass solche Selbstbeschneidungen nicht in Stein gemeisselt sind, bewies die CDU selbst. Als Merz im Mai 2025 im ersten Wahlgang zum Kanzler scheiterte, verständigten sich die Union und die SPD mit den Grünen und den Linken auf einen Geschäftsordnungsantrag, damit noch am selben Tag erneut gewählt werden konnte.Tags darauf stellte der damalige Parlamentarische Geschäftsführer Thorsten Frei den Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der Linken zur Disposition. Steht die eigene Macht auf dem Spiel, ist die CDU also durchaus in der Lage, ihre Abgrenzung neu zu verhandeln. Dass sie es nur tut, wenn es die Linke betrifft, macht das totale Nein zur AfD noch unglaubwürdiger.Das alles heisst nicht, dass die Verteidiger des AfD-Berührungsverbots keine ernstzunehmenden Argumente hätten. Eine Zusammenarbeit würde die AfD weiter legitimieren. Sie würde moderate CDU-Wähler vertreiben, westdeutsche Landesverbände zerreissen und bestehende Koalitionen mit SPD und Grünen sprengen.Die Verteidiger haben also recht: Eine Zusammenarbeit mit der AfD kann die Union zerrütten. Was sie verschweigen: Die Verweigerung tut es auch. Nur langsamer und ohne grossen Knall.Merz lässt das Momentum verstreichenDass es anders geht, demonstrierte ausgerechnet Merz selbst: Im Januar des vergangenen Jahres liess er einen migrationspolitischen Entschliessungsantrag zur Abstimmung stellen, der auch mit Stimmen der AfD eine Mehrheit erhielt. Für einen kurzen Moment hatte die Union demonstriert, dass sie parlamentarische Mehrheiten nicht für immer davon abhängig machen wollte, wie die AfD abstimmt. Dann obsiegte der Oblomowismus: Der Impuls war da, doch die Gewohnheit war stärker.Denn Merz machte daraus keine dauerhafte Strategie. Statt das Momentum zu nutzen und als neue Leitlinie zu propagieren, Anträge nach eigenen Überzeugungen, ohne Absprachen mit der AfD, einzubringen, geriet die Union angesichts der linken Überempörung sofort wieder in die Defensive. Damit verschenkte sie womöglich ihre letzte Gelegenheit, die Regeln einer solchen Öffnung selbst zu bestimmen, statt sie irgendwann diktiert zu bekommen.Jedes Mal, wenn sich ein Fenster öffnete, ob Thüringen, Rödder oder der Entschliessungsantrag 2025, war es die CDU selbst, die das Fenster vor lauter Angst vor den Möglichkeiten mit voller Wucht zuschlug. Mit jeder Abfuhr wuchs die AfD.Der russische Roman «Oblomow» endet mit dem frühen Tod des Protagonisten. Er erliegt seiner Lethargie. Sie hat in den Niedergang geführt. Die Union könnte noch aus ihrem Dämmerschlaf erwachen. Wenn Merz das nicht vermag, wird es jemand anderes tun müssen.6 KommentareRenate Beck vor 2 MinutenDie CDU ist überflüssig; sie sollte den gleichen Weg gehen wie einst die Democrazia Christiana.Christian Fruböse vor 6 MinutenGlänzende Analyse!