Der andere BlickDie deutschen Christlichdemokraten reagieren auf den AfD-Triumph mit selbstschädigendem Verhalten.09.09.2026, 18.00 Uhr4 LeseminutenDer CDU stehen schwere Zeiten bevor.Kay Nietfeld / DPASie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Oliver Maksan, Stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Erdrutschsieg der AfD in Sachsen-Anhalt hat die CDU tief gekränkt. Das ist verständlich. Schliesslich wurde ihr Selbstbild, die geborene Kanzlerpartei der Bundesrepublik und Hort von Regierungskompetenz zu sein, massiv erschüttert. Die Wähler in dem ostdeutschen Bundesland zielten mit ihrem Votum genau darauf. Sie erwarten sich von der CDU nichts mehr. Als wäre dieser Scheidebrief an den Kanzler und seine Partei nicht schlimm genug, schädigt sich die CDU nun auch noch selbst.Da ist der Wahlverlierer Sven Schulze. Anstatt seinen Rückzug einzuleiten, liess sich der amtierende Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt jetzt in einer Kampfkandidatur zum Chef seiner vom Wähler halbierten Fraktion im Landesparlament wählen. Das offenbart nicht nur ein fragwürdiges Verständnis von Gewaltenteilung. Es bestätigt vor allem die unter AfD-Wählern verbreitete Sicht auf eine politische Klasse, die sich an Ämter klammert, selbst wenn sie krachend abgewählt wurde.Dass dies auch noch in einer knappen Kampfabstimmung zulasten des rechten Flügels der Fraktion geschah, kommt hinzu. Mögliche Überläufer zur AfD, der im Parlament nur wenige Stimmen zur Macht fehlen, macht der Stunt jedenfalls nicht unwahrscheinlicher.Die CDU zeigt sich als schlechte VerliererinHinzu kommt, dass Schulze mitteilte, sein Land werde anders als vorgesehen nicht den einjährigen Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz übernehmen. Dabei handelt es sich um ein Gremium der Länderchefs für die Koordination mit dem Bund. Er begründete dies mit den Ungewissheiten bei der Regierungsbildung, die einen sachgerechten Vorsitz ungewiss machten.Zieht man die staatstragende Rhetorik ab, handelt es sich dabei natürlich um ein Foulspiel gegen die AfD. Kann diese im Landesparlament genug Stimmen für ihren Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt zusammenkehren, soll dieser nicht auch noch gleich die grosse Bühne erhalten, so das Kalkül, über das unter den Ministerpräsidenten schon im Sommer ganz offen diskutiert wurde.Insgesamt zeigt sich die Landes-CDU damit nicht nur als schlechte Verliererin. Sie scheint vielmehr die Wähler, die ihr scharenweise den Rücken gekehrt haben, nachträglich in ihrer Entscheidung bestätigen zu wollen.Die Bundespartei steht dem freilich in nichts nach. Der Parteichef und Bundeskanzler Friedrich Merz reagierte auf die Wahl in Sachsen-Anhalt aggressiv und persönlich angefasst. So arbeitete er sich in seiner Rede zur Generaldebatte im Bundestag an diesem Mittwoch lange an der AfD und ihrer Chefin Alice Weidel ab. Das zeigt, wie ernst Merz die Stärke der AfD nimmt.Gleichzeitig verzwergte er sich dadurch. Ein selbstbewusster Regierungschef lässt sich die Agenda nicht von der Opposition diktieren. Und wenn er es doch tut, so müssen die Attacken sitzen. Zu meinen, die AfD zu treffen, wenn man darauf hinweist, sie habe in Sachsen-Anhalt ihr Wahlziel der absoluten Mehrheit verfehlt, ist angesichts des desaströsen Abschneidens der CDU kaum glaubwürdig.Und dass Merz sich dann noch zu der Aussage verstieg, die AfD verfolge mit dem Begriff der Remigration ethnische Säuberungen, sorgte selbst in den Reihen seiner Fraktion für Kopfschütteln.Der Kanzler zieht damit die Brandmauer zur AfD noch höher. Gleichzeitig reisst er aktiv Brücken zu Wählern ein, die der CDU massenhaft von der Stange gegangen sind. Ungünstiger könnte der Zeitpunkt dafür kaum gewählt sein.Merz ist ein Mühlstein um den Hals der CDUEnde kommender Woche werden schliesslich Landesparlamente in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. In Berlin könnte die CDU das Bürgermeisteramt verlieren, in dem Ostseeland gar aus dem Parlament fliegen. Jedenfalls rechnet man in der dortigen CDU mit dem Schlimmsten. Das erklärt auch den für die disziplinierte Machtmaschine CDU unerhörten Vorgang, dass aus dem dortigen Landesverband jetzt Rücktrittsforderungen an den Bundeskanzler ergingen.Im zweiten Jahr seiner Kanzlerschaft ist Merz zum Mühlstein um den Hals der CDU geworden. Erste Umfragen sehen die Partei auf Bundesebene unter 20 Prozent. Spekulationen über einen Kanzlerwechsel sind vor diesem Hintergrund ernst zu nehmen. Denn im kommenden Jahr wird in fünf Bundesländern gewählt, darunter im bevölkerungsreichsten Land Nordrhein-Westfalen.Aber auch ohne den ungeliebten Kanzler stehen der Partei, die die Bundesrepublik die längste Zeit ihres Bestehens regiert hat, schwere Zeiten bevor. Ein Rezept für den Umgang mit der AfD und ihren Wählern hat sie nicht. Mit dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Hendrik Wüst hat ein heisser Kandidat für die Merz-Nachfolge wenige Tage nach und vor Wahlen sogar die Vorbereitung eines Verbotsverfahrens für die AfD ins Spiel gebracht. Die Forderung und ihr Zeitpunkt dürften kaum für Rückenwind für die Wahlkämpfer sorgen.Die CDU scheint sich offenbar damit abgefunden zu haben, dauerhaft mit linken Partnern wie SPD und Grünen zu regieren. Überleben kann sie das nicht – jedenfalls nicht als die Kraft der rechten Mitte, als die sie sich die meiste Zeit ihres Bestehens verstand.28 KommentareJohann Sajdowski vor 20 MinutenDer Bundesvorstand der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung ist "fassungslos und zutiefst enttäuscht" über das Schweigen von Bundeskanzler Merz (CDU) am Abend der Landtagswahl von Sachsen-Anhalt. In einer der vermutlich dunkelsten Stunden der bundesdeutschen Demokratie habe er es versäumt, sich mit Empathie und klarer Kante gegen Rechtsextremismus an die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland zu wenden, heißt es in einer Mitteilung.Johann Sajdowski vor 30 MinutenWird die CDU ihren Democrazia-Cristiana-Moment erleben?Passend zum Artikel