Nach dem Desaster von Sachsen-Anhalt herrscht in der CDU RatlosigkeitEine historisch einmalige Niederlage, ein Rekordergebnis für die AfD: Die Landtagswahlen erschüttern die Christlichdemokraten und ihren Kanzler Merz. Rücktrittsforderungen werden laut.07.09.2026, 16.59 Uhr4 LeseminutenDer Wahlverlierer Sven Schulze.Maja Hitij / GettyDas katastrophale Wahlergebnis der CDU im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt wirft seine Schatten bis nach Berlin. Bei der Landtagswahl fuhr der amtierende CDU-Ministerpräsident und Spitzenkandidat Sven Schulze rund 17 Prozent ein – und halbierte damit das Ergebnis von 2021 (37,1 Prozent). Die AfD unter Ulrich Siegmund konnte mit rund 44 Prozent ihr bisher stärkstes Ergebnis einer Landtagswahl einfahren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für die CDU ist das eine Niederlage mit Gewicht: Es ist das schlechteste Ergebnis in dem kleinen Bundesland Sachsen-Anhalt seit der Wiedervereinigung – während die Konkurrenz von rechts sich verdoppelt hat. Schulze ist erst seit 2026 Ministerpräsident, er folgte auf den populären CDU-Landesvater Reiner Haseloff.Es war ausgerechnet Bundeskanzler Friedrich Merz, der 2018 ankündigte, die AfD zu halbieren. Nun hat die AfD die CDU halbiert, wie deren Co-Parteichef Tino Chrupalla fröhlich zu Protokoll gab. Der Spitzenkandidat Siegmund bezeichnete Merz als «besten Wahlkämpfer» der AfD. Eine Koalition oder gar eine Zusammenarbeit zwischen CDU und AfD ist seit dem Unvereinbarkeitsbeschluss der Christlichdemokraten von 2018 ausgeschlossen.Quittung für die BundespolitikDas Wahlergebnis gilt in der CDU auch als Quittung für die Bundespolitik. Merz startete ins Amt, indem er sein Versprechen, die Schuldenbremse einzuhalten, schleunigst abräumte. Seitdem plagt ihn und die CDU/CSU ein Glaubwürdigkeitsproblem. Im Regierungsbündnis mit den Sozialdemokraten ruckelt es regelmässig. Seine Beliebtheitswerte sind im Keller.In Sachsen-Anhalt waren 87 Prozent mit der Bundesregierung unzufrieden, die persönliche Zustimmung für den Kanzler lag bei neun Prozent. 59 Prozent werteten die Wahl als Denkzettel an Berlin. Das hat sich in Sachsen-Anhalt niedergeschlagen – so die Lesart in der Union.Merz hat am Montag von der «schwersten Wahlniederlage seit Jahrzehnten» gesprochen. Er sei darüber «zutiefst schockiert», sagte er am Montag. Mit dem gestrigen Tag habe sich «nicht nur in Sachsen-Anhalt etwas verändert, sondern in ganz Deutschland». Das Ergebnis habe auch auf internationaler Ebene Auswirkungen.Als Beleg dafür nannte Merz die Glückwünsche anderer Nationen, gemeint waren wohl Vertreter aus Russland und den USA. Der Tech-Milliardär Elon Musk kommentierte auf X einen Beitrag der Co-Parteichefin Alice Weidel mit den Worten «Gut gemacht!». Auch der Putin-Vertraute Kirill Dmitrijew gratulierte der AfD auf X.Angesichts eines solchen Resultats könne man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, so der Kanzler. Gleichzeitig versicherte er, Deutschland bleibe beim Grundgesetz, seinem Bekenntnis zu Europa und seiner Haltung gegenüber Russland stabil.Rücktrittsforderungen werden lautMerz will nun alle «Anstrengungen darauf richten», in der Koalition mit der SPD eine «neue bessere Erzählung» für die Reformen zu ermöglichen. Es sei nicht gelungen, «einen emotionalen Zugang zu den Menschen zu finden», zitiert die «Bild»-Zeitung den Kanzler aus einer Gremiensitzung vom Montag. Es fehle an der «Unterstützung der Bevölkerung».Ganz in der Manier des «Kanzlerwahlvereins», wie Beobachter die Unionsparteien CDU und CSU einst spöttisch nannten, schliessen sich demonstrativ die Reihen um Merz. Angesprochen auf die Diskussion über eine Ablösung des Kanzlers, sagte Kanzleramtsministerin Nina Warken dem «ARD-Morgenmagazin», Personalfragen halte sie jetzt für «das Falscheste». Regierung und Bundestag seien für vier Jahre gewählt.Gerüchte um einen Rücktritt des gescheiterten Spitzenkandidaten Schulze mehren sich dennoch. Der frühere CDU-Landeschef und Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht, fordert Schulze nach der Wahlniederlage der CDU zum Nachdenken über persönliche Konsequenzen auf. «Wer Spitzenkandidat ist, wird am Wahlabend zum Spitzengewinner oder zum Spitzenverlierer», sagte Stahlknecht der «Zeit». Auch die Junge Union Sachsen-Anhalt verlangt Rücktritt und Neuwahl der gesamten Landesführung. Schulze räumte ein, die CDU habe keinen Regierungsauftrag mehr, man sei nun «Opposition».Weiterer Denkzettel Ende September?Am Montag tagten in Berlin die zwei wichtigsten Gremien der CDU: Bundesvorstand und Präsidium. Die Einschätzung der Lage sei «von tiefer Sorge» begleitet gewesen. Nach Informationen der «Bild»-Zeitung sagte Merz: «Wir haben eine starke Verfassung, wir haben alle Instrumente, um gegen eine rechtsradikale Landesregierung die Verfassung zu verteidigen, aber wir haben eine tektonische Erschütterung unseres Parteiensystems.»Bis auf das BSW schliessen alle übrigen Parteien eine Koalition mit der AfD in Sachsen-Anhalt aus. Ohne die AfD brauchte es ein Bündnis aller übrigen Fraktionen – politisch kaum vorstellbar. Das neue Landesparlament muss spätestens am 6. Oktober zusammentreten.Für die Bundes-CDU ist das Dilemma damit längst nicht ausgestanden. Die nächsten Wahlen warten bereits: Am 20. September wählt Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag und Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Wenigstens in der Hauptstadt liegt die CDU in jüngsten Umfragen vorn, dicht vor der Linkspartei. Die AfD erreicht in der Hauptstadt nur den dritten Platz. In Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD laut den Erhebungen auf Platz eins in der Wählergunst. Ein weiterer Denkzettel binnen zwei Wochen dürfte die Sorgen im Berliner Kanzleramt vertiefen.Passend zum Artikel
Niederlage der CDU: Sachsen-Anhalt wird zum Denkzettel für Kanzler Merz
Eine historisch einmalige Niederlage, ein Rekordergebnis für die AfD: Die Landtagswahlen erschüttern die Christlichdemokraten und ihren Kanzler Merz. Rücktrittsforderungen werden laut.












