Sachsen-Anhalt steht vor schwerer Regierungsbildung: Der AfD-Sieg zeigt auch eine Schwäche der Berliner PolitikDie AfD sieht die Regierungsbildung in dem ostdeutschen Bundesland klar bei sich. Der Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von der schwersten Niederlage der CDU seit Jahrzehnten, schloss aber persönliche Konsequenzen aus.07.09.2026, 14.59 Uhr4 LeseminutenBitterer Moment für den CDU-Spitzenkandidaten Sven Schulze: Nach der ersten Hochrechnung gesteht er die Niederlage seiner Partei ein und gratuliert der AfD zum Wahlsieg.Jan Woitas / DPADas ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt steuert nach dem überragenden Sieg der AfD bei der Landtagswahl auf eine schwierige Regierungsbildung zu. Die Rechtspartei verfehlte mit rund 44 Prozent der Wählerstimmen knapp die absolute Mehrheit. Im Landesparlament fehlen ihr dafür drei Sitze. SPD, Grüne und Linkspartei haben eine Zusammenarbeit mit dem Wahlgewinner ausgeschlossen. Wenn die AfD regieren will, muss sie einen Partner suchen. Dafür käme nur das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) infrage, das es knapp über die Fünf-Prozent-Hürde schaffte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch in Berlin löste der erdrutschartige Sieg der AfD ein politisches Beben aus. Das schlechte Abschneiden der CDU entfacht zusätzlich Personaldiskussionen, die die Position des ohnehin schon angeschlagenen Bundeskanzlers Friedrich Merz weiter schwächen dürften.Merz zeigte sich am Montag tief erschüttert über das Wahlergebnis, schloss aber persönliche Konsequenzen aus. «Mit dem gestrigen Tag hat sich nicht nur in Sachsen-Anhalt etwas verändert, sondern in ganz Deutschland», sagte der Kanzler. Das Ergebnis seiner Partei bezeichnete er als die «schwerste Niederlage seit Jahrzehnten».Daher könne man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Es gehöre zur Demokratie, dass sich Mehrheitsverhältnisse änderten, sagte Merz. Die Regeln des Zusammenlebens und die Werte des Grundgesetzes stünden aber nicht zur Abstimmung. Merz bekräftigte ausserdem, er werde den eingeschlagenen Reformkurs weiter fortsetzen und habe dafür auch die Unterstützung seiner Partei.Die CDU halbierte in Sachsen-Anhalt mit ihrem Spitzenkandidaten Sven Schulze ihr Wahlergebnis von 2021 und kam nur auf etwa 17 Prozent der Wählerstimmen. Schulze sagte nach Sitzungen des Parteipräsidiums, es sei bitter, aber die CDU sei jetzt Opposition. Die Christlichdemokraten haben Sachsen-Anhalt 24 Jahre regiert.AfD führt Gespräche mit CDU-AbgeordnetenDie siegreiche AfD beansprucht den Auftrag der Regierungsbildung für sich. Ihr Co-Vorsitzender Tino Chrupalla zeigte sich am Montag kompromissbereit. «Wir sind gesprächsbereit auch in Richtung CDU», sagte er. Allerdings wolle man keinen Zustand wie in Thüringen, wo ein Ministerpräsident von der Unterstützung mehrerer Parteien abhängig sei.Auch der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund schloss eine Minderheitsregierung unter seiner Führung aus. Er trete zur Wahl des Ministerpräsidenten an, wenn sich abzeichne, dass es eine stabile Mehrheit gebe, sagte Siegmund. «Das ist heute überhaupt nicht absehbar.» Siegmund bestätigte, dass er bereits Gespräche mit CDU-Abgeordneten führe und auch auf das BSW zugehen wolle.BSW könnte Königsmacher bei der Regierungsbildung seinDamit kommt dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das im Landtag mit fünf Abgeordneten vertreten sein wird, eine Schlüsselrolle bei der Regierungsbildung zu.Mit ihren Stimmen könnten sie Siegmund ins Amt verhelfen, etwa indem sich die BSW-Abgeordneten beim dritten Wahlgang des Ministerpräsidenten der Stimme enthalten und damit der AfD die notwendige einfache Mehrheit ermöglichen. In den ersten beiden Wahlgängen ist eine absolute Mehrheit erforderlich. Das Szenario hatte die Parteigründerin Sahra Wagenknecht schon vorab öffentlich gemacht.«Wir werden weder Siegmund noch Schulze wählen», sagte die BSW-Vorsitzende Amira Mohamed Ali am Wahlabend. Sie brachte erneut einen überparteilichen Ministerpräsidenten ins Spiel, «der mit wechselnden Mehrheiten regiert unter Einbindung des Parlaments». Einen Namen will das BSW demnächst bekanntgeben. Allerdings gilt dieser von Ali vorgetragene Weg als wenig aussichtsreich, weil er wohl auf Ablehnung der Mehrheit der anderen Parteien stossen wird.SPD versteht Wahlergebnis als «Signal an Berlin»Auch wenn der noch amtierende Ministerpräsident Schulze die CDU in Sachsen-Anhalt bereits auf der Oppositionsbank sieht, äusserten sich andere Spitzenpolitiker verhaltener. Demokratie sei die Herrschaft der Mehrheit, sagte der Unionsfraktionschef Thorsten Frei im ZDF. «Das heisst, diejenigen, die es schaffen, eine Mehrheit zusammenzubringen, haben den Regierungsauftrag.» Grundsätzlich könne auch Schulze nochmals eine Koalition in Sachsen-Anhalt anführen. Die CDU schaue jetzt sehr genau, wie sie mit dem Wahlergebnis umgehen werde. «Das ist jetzt nicht die Stunde, in der man sich wegducken kann», sagte Frei.Wählerumfragen machen deutlich, dass die Unzufriedenheit mit dem Kurs der Bundesregierung mitentscheidend für das schlechte Abschneiden von CDU und SPD war. Während die CDU am Kern der vereinbarten Reformen festhalten will, verlangte die SPD-Spitze Korrekturen, vor allem bei der Gesundheits-, der Pflege- und der Rentenreform.Das Ergebnis sei auch ein «Signal an Berlin» und ein Grund, über die Politik der Bundesregierung nachzudenken, sagte der SPD-Chef Lars Klingbeil im ZDF. Man müsse nun über die inhaltliche Politik reden. Viele Menschen seien unzufrieden mit dem Reformkurs der Bundesregierung.Der SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf machte deutlich, dass die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren viele SPD-Anhänger treffe. Die Co-Parteichefin Bärbel Bas erklärte im ARD-Fernsehen, die SPD werde in der Koalition weiter dafür streiten, dass das Leben für die Menschen bezahlbar bleibe. Die Sozialdemokraten erreichten in Sachsen-Anhalt 9,3 Prozent der Wählerstimmen. Bislang hatten Christlichdemokraten, SPD und FDP in einer Koalition regiert. Die Liberalen verpassten den Einzug in das Landesparlament.Passend zum Artikel