«Zürich sollte sich nun um Julius Bär kümmern»: Wieso es kein Zufall ist, dass Vontobel die Bankenstadt verlässtVontobel spart durch den Umzug nach Zug rund zehn Millionen Franken – pro Jahr. Doch die Verlegung Tausender Firmensitze von Zürich in andere Kantone hat nicht nur steuerliche Gründe.06.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer Kanton Zug macht dem Finanzplatz Zürich zunehmend Konkurrenz. Doch das Selbstvertrauen der Zürcher scheint unerschütterlich.Illustration Dario Veréb / NZZaSHans Vontobel empfing seine Mitarbeiter und Gäste jeweils auf einem grünen Ledersofa über den Dächern von Zürich, mit Blick auf See und Berge. Der langjährige Firmenpatron der gleichnamigen Bank, der 2016 verstarb, sei «ein krisenerprobter Bankier und Förderer des Finanzplatzes» gewesen, heisst es im Buch zum 100-Jahr-Jubiläum des Unternehmens. Vontobel werde als «eine Legende des Bankenplatzes Zürich» in Erinnerung bleiben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zehn Jahre nach dem Tod des Patrons fühlt sich Vontobel dem Finanzplatz Zürich offenbar nicht mehr verpflichtet. Das Investmenthaus hat angekündigt, den Hauptsitz von Zürich nach Baar im Kanton Zug zu verlegen. Der neue Campus soll 2030 eröffnet werden und 1500 Mitarbeitende zusammenbringen, die derzeit auf sieben Gebäude in Zürich verteilt sind.Die Nachricht war ein Paukenschlag. Selbst erfahrene Zürcher Bankiers wie Thomas Matter haben die Entscheidung nicht kommen sehen: «Die Entscheidung hat mich überrascht. So etwas braucht Mut», sagt der Mitgründer der Helvetischen Bank. Matter kennt die genauen Hintergründe des Entscheids nicht, ist aber überzeugt, dass das «wirtschaftsfeindliche Klima» in der Stadt Zürich dazu beigetragen hat. «Die rot-grüne Stadtregierung macht den Unternehmen das Leben schwer, wo sie nur kann», sagt der SVP-Nationalrat.Die Helvetische Bank habe früher rund hundert Parkplätze vor dem Gebäude gehabt, heute praktisch keine mehr – eine Einschränkung für Mitarbeitende und Kunden. Für Matter ist es eine ernsthafte Option, mit seinen rund vierzig Angestellten ebenfalls den Standort zu wechseln. «Falls die Stadt autofrei wird, sind wir auch weg. Das haben wir im Verwaltungsrat bereits beschlossen.» Was utopisch klingt, scheint möglich: Das Stadtparlament hat sich im Juli für die «Verkehrswende-Initiative» ausgesprochen, die fordert, dass die Stadt grossflächig möglichst autofrei wird.Steuerersparnisse in MillionenhöheVontobel selbst sagt, der Auslöser für die Neuorientierung sei der sanierungsbedürftige bisherige Hauptsitz an der Gotthardstrasse in Zürich Enge gewesen. Zudem war man unzufrieden damit, dass die Mitarbeitenden über die Stadt verteilt sind. «Von den möglichen Standorten, die wir für den neuen Campus geprüft haben, stach der Lindenpark in Baar deutlich hervor», schreibt das Unternehmen. Gleichzeitig wird betont, dass man einen Standort am Zürcher Bleicherweg behalten und «zu einem zentralen Kundenstandort» für mehr als 300 Mitarbeitende ausbauen werde.Tatsache ist, dass Vontobel ab 2030 eine Zuger Bank ist. Dabei ist kaum vorstellbar, dass es innerhalb von Stadt oder Kanton Zürich keine passende Immobilie gegeben hätte. Vielmehr dürfte die Steuerbelastung eine grössere Rolle gespielt haben, als Vontobel zugibt.Mit einem Gewinnsteuersatz von 19,5 Prozent liegt der Kanton Zürich im interkantonalen Ranking auf dem zweitletzten Platz. Nur Bern weist eine höhere Belastung für Unternehmen auf. Vontobel lieferte in den vergangenen Jahren jeweils mehr als 80 Millionen Franken an den Fiskus ab, den Grossteil davon in Zürich. Nach dem Umzug in den Kanton Zug, wo der Gewinnsteuersatz bei 11,7 Prozent liegt, dürften es rund 10 Millionen Franken weniger sein, sagen Firmeninsider gegenüber der «NZZ am Sonntag». Öffentlich kommentieren will das Unternehmen diese Zahlen nicht.Ein «Weckruf» für die BehördenDie Steuerersparnis ist jedoch nicht alles. In der Kommunikation von Vontobel fällt die Betonung des «dynamischen Umfelds» in Zug auf: «Das Areal liegt in einer innovativen, unternehmerisch geprägten Wirtschaftsregion mit einer wachsenden Business-Community, darunter verschiedene Investmentfirmen», heisst es in der Mitteilung.Ansiedlungsberater sind sich einig, dass es sich hierbei nicht um reine PR-Floskeln handelt. «Zug ist längst nicht mehr nur ein Ort für Rohstoffhändler», sagt Olivier Eichenberger, Experte für Unternehmenssteuern bei KPMG. Der Kanton habe es geschafft, auch im Bereich Investment und Trading einen Cluster zu erschaffen, der dem Finanzplatz Zürich in gewissen Bereichen ebenbürtig sei. «Das sollte für die Zürcher Behörden ein Weckruf sein.»Olivier Weber, Rechtsanwalt und Steuerexperte bei der Treuhandfirma Kendris, sieht das ähnlich. Die Zahl der Finanzgesellschaften und Vermögensverwalter in Zug habe stark zugenommen – und der Wechsel von Vontobel könnte Nachahmer finden. Die Verantwortlichen in Zürich täten deshalb gut daran, die Bedürfnisse ihrer Finanzunternehmen genau abzufragen. «Zürich sollte sich nun um Julius Bär kümmern – und um alle anderen Banken in der Stadt und im Kanton.»Einige dieser Banken haben ähnliche Rahmenbedingungen wie Vontobel, gerade was die Verteilung über mehrere Standorte betrifft. Julius Bär hat vor wenigen Wochen angekündigt, in Zürich Altstetten auszubauen. Der Stadtrat hat einem entsprechenden «Masterplan» zwar im Juni zugestimmt. Definitiv genehmigt ist das Projekt aber noch nicht. Dem Vernehmen nach könnte es Widerstand aus dem Stadtparlament geben.Das unerreichte DienstleistungsniveauZürich ist nicht bekannt dafür, dass Bauvorhaben schnell und unkompliziert umgesetzt werden können – im Gegensatz zu Zug. Weber kennt diese Vorzüge bestens. Kendris hat in den vergangenen sieben, acht Jahren rund hundert Firmen im Tiefsteuerkanton angesiedelt, die vom Ausland in die Schweiz kamen. «Im Kanton Zürich waren es im gleichen Zeitraum nur etwa zehn.» Vor rund einem Jahr verlegte auch Kendris selbst den Hauptsitz von Zürich nach Zug.Dennoch will Weber nicht alles schlechtreden in Zürich. «Die Stadt und der Kanton haben nach wie vor viele Vorzüge, gerade auch was die Lebensqualität betrifft.» Die Nähe zu der ETH, der Universität und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften seien starke Argumente. Auch die Behörden seien bemüht. An das Dienstleistungsniveau des Kantons Zug komme man jedoch nicht heran. «In Zug und auch in anderen kleinen Kantonen sind die Wege deutlich kürzer – und wenn ein Unternehmen ein Problem hat, steht oft schneller jemand bereit, um zu helfen.»Als Beispiele nennt Weber die Beratung bei Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen für Drittstaatenangehörige, die Unterstützung bei der Suche nach Gewerbeimmobilien oder die Wartezeit auf ein Steuerruling. «In Zürich lassen sich solche Dinge auch lösen. Aber es fühlt sich mehr an wie ein IT-Service, bei dem ich online ein Ticket bekomme – und nicht wie eine Hotline, bei der ich jederzeit anrufen kann und sofort jemand vorbeikommt.»Sitzverlegungen in andere KantoneDass Zürich im interkantonalen Standortwettbewerb an Strahlkraft verloren hat, zeigen Zahlen des Wirtschaftsauskunftsdienstes Crif: In den vergangenen zehn Jahren verzeichnete der Kanton Zürich bei interkantonalen Sitzverlegungen einen negativen Saldo von 1548 Firmen. Die grössten Nettogewinne auf Kosten von Zürich entfielen auf die Kantone Aargau (plus 418), Schwyz (plus 390), Thurgau (plus 339), Zug (plus 217) und Graubünden (plus 177).Trotz diesen Zahlen will der Kanton nichts von einem Substanzverlust wissen. «Allein die Anzahl Zu- und Abwanderungen der Unternehmen ist wenig aussagekräftig», sagt Nico Menzato, Sprecher der Volkswirtschaftsdirektion der FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh. Der grösste Teil der weggezogenen Unternehmen habe maximal fünf Mitarbeitende. Insgesamt nehme die Anzahl Unternehmen stetig zu. «Im Kanton Zürich werden mit Abstand am meisten Unternehmen gegründet: pro Jahr rund 8700.»Die Kritik an der Standortförderung weist Menzato als «haltlos» zurück. Die Qualität einer Standortförderung messe sich an deren Erfolg – und jene des Kantons Zürich habe dazu beigetragen, dass sich Unternehmen von Weltrang ansiedelten, und an der Clusterbildung mitgewirkt – etwa im Technologiebereich.Ein unerschütterliches SelbstvertrauenAuch die Gefahr, dass Zug dem Kanton und der Stadt Zürich den Rang als Finanz-Hub ablaufen könnte, sehen die Zürcher Behörden nicht. Die Bruttowertschöpfung des Finanzsektors im Kanton Zürich betrage 30,4 Milliarden Franken, im Kanton Zug 1,7 Milliarden Franken. Zudem gebe es im Zürcher Finanzsektor 92 100 Arbeitsplätze, in Zug nur 7600. «Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache», meint Menzato. «Der Kanton Zürich ist und bleibt der bedeutendste Finanzplatz der Schweiz.»Die Stadt ist ebenfalls überzeugt davon, für die Finanzindustrie weiterhin attraktiv zu sein. Im Interview mit der NZZ sagte der grüne Finanzchef Daniel Leupi, dass er die Aufregung um den Vontobel-Wegzug für «teilweise übertrieben» halte. Das sei zwar «sehr bedauerlich», aber etwas, was in einem «dynamischen Wirtschaftsraum» immer wieder vorkomme.Gegen den Vorwurf der Wirtschaftsfeindlichkeit wehren sich die Verantwortlichen ebenfalls. Die Stadt setze sich für attraktive Rahmenbedingungen für alle Unternehmen ein, sagt der Sprecher von Stadtpräsident Raphael Golta – und zwar unabhängig von Grösse und Branche. Die Kritik an der Parkplatzsituation etwa nehme man ernst. Gleichzeitig müsse in Verkehrsbelangen aber immer auch «eine Güterabwägung mit anderen Zielsetzungen» gemacht werden.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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