KommentarVontobel-Wegzug ist ein Warnsignal: Die Zürcher Überheblichkeit gefährdet den eigenen StandortDer Abgang der Vorzeige-Bank muss Zürich wachrütteln. Das Unbehagen vieler Firmen wächst: Ohne bessere Rahmenbedingungen erodiert die wirtschaftliche Attraktivität von Stadt und Kanton weiter.31.08.2026, 17.14 Uhr3 LeseminutenDer Hauptsitz der Bank Vontobel in der Stadt Zürich ist bald Geschichte.Christoph Ruckstuhl / NZZDer Entscheid der Eigentümerfamilien der Bank Vontobel, im Jahr 2030 die Unternehmenszentrale und 1500 Mitarbeitende nach Baar in den Kanton Zug zu verlegen, ist ein Schock für Zürich. Der Wegzug trifft nicht nur den Zürcher Finanzplatz im Herz, sondern sollte Zürcher Politikerinnen und Standortförderer wachrütteln.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn Vontobel ist nicht irgendeine Bank. Sie ist eine Zürcher Institution. Ihre über 100-Jährige Geschichte ist tief in der Stadt verwurzelt. Tausende Zürcher Banker haben bei Vontobel das Handwerk gelernt. Für Vontobel gehörte Zürich lange zum Markenkern, zur DNA, zu einem Versprechen für Qualität und Verlässlichkeit.Doch offenbar liefert das für Vontobel heute zu wenig Mehrwert, um in der Limmatstadt zu bleiben. Die Bank wird auch nicht nur Backoffice-Funktionen nach Baar verlegen. Auch das Herzstück der Firma, die Bankleitung und die Vontobel-Holding, wandern ab. Vontobel wird künftig eine Zuger Bank sein.Steuern sind legitimer GrundDie Vontobel-Führung behauptet, die niedrigeren Steuern seien bloss ein «Zückerli» gewesen, das den Standort Baar versüsst habe. Genauso wichtig sei genügend Büroraum, um das Unternehmen auszubauen und den Mitarbeitenden zeitgemässe Arbeitsplätze zu bieten. Die Bankchefs haben auch versucht, in Zürich zu bleiben. Man habe in der Stadt diverse Optionen geprüft - erfolglos.Dass tiefere Unternehmenssteuern für Baar sprechen, steht ausser Frage. Der Kanton Zürich hat die höchsten Gewinnsteuern in der ganzen Schweiz. Steuern sind ein legitimer Grund für einen Wegzug. Es ist schliesslich die Pflicht jedes Unternehmens, die Kosten möglichst gering zu halten und den Gewinn für die Eigentümer zu maximieren. Der Versuch der Vontobel-Chefs, den Steuervorteil kleinzureden, ist daher unnötig.Genauso wahr ist: Steuern sind nicht alles. Die Verfügbarkeit von Büroflächen und Talenten, die Behörden, die Lebensqualität und das kulturelle Umfeld sind ebenso wichtige Standortfaktoren. Dabei kann Baar eigentlich nur mit harten Faktoren wie Steuern und Büroraum punkten. Bei weichen wie Lebensqualität, Proximität und Image hat die Baarer Gewerbe-Einöde gegen Zürich keinen Stich, so glaubte man.Doch die weichen Vorzüge Zürichs genügen nicht mehr, um ihre harten Defizite zu kompensieren. Einmal mehr zeigt sich: Ohne kompetitiven Steuerfuss, ohne genügend passenden Büroraum, und ohne die Möglichkeit, auch grössere Bauprojekte ohne ständige Einsprachen realisieren zu können, ist Zürich kein attraktiver Standort für Unternehmen. Das können Hipster-Cafés, Yoga-Studios und der schöne Zürichsee nicht kompensieren.Zürcher ÜberheblichkeitVontobel ist ein bekannter Name, aber keine Ausnahme. Denn die Attraktivität des Standorts Zürich ist schon lange am Erodieren. Vontobel ist eine Erinnerung an einen strukturellen Trend: Der Kanton und vor allem die Stadt Zürich verlieren seit Jahren so viele Unternehmen wie kein anderer Ort. Auch wenn es sich bei den Wegzügern meist um kleinere Firmen handelt.Mit jedem Unternehmen, das wegzieht, verliert Zürich Steuereinnahmen und Arbeitskräfte. Was das den Kanton kostet, weiss er offenbar nicht. Gemäss einer Antwort des Regierungsrats auf eine Anfrage der SVP werden dazu keine Erhebungen durchgeführt. Das Problem wird nicht wahrgenommen oder ernst genommen.Der Regierungsrat benennt die Gründe für die Firmenflucht: Arbeitskräfte, Steuern, Verkehrsinfrastruktur. Doch man gibt sich gelassen. Die Bedeutung der weggehenden Firmen sei wichtiger als deren Anzahl, sagte die Volkswirtschaftsdirekorin Carmen Walker Späh (FDP). Der grösste Teil der Unternehmenssteuern werden von wenigen Firmen geleistet.Man verlässt sich also weiterhin auf den Google-Effekt: Solange die Grosskonzerne da bleiben und ihre Steuern zahlen, gibt es kein Problem. Dass sich kleinere Unternehmen zunehmend unwohl fühlen und sich nicht entfalten können, nimmt man in Kauf.Diese Überheblichkeit ist gefährlich. Zwar sprudeln die Steuereinnahmen noch, und Vontobel ist nicht Google. Wenn es der Stadt aber nicht einmal gelingt, ein Vorzeigeunternehmen wie Vontobel zu halten, ist das ein Warnisgnal.Zürich kann sich nicht ewig auf ihre Zentrumsprämie und kulturelle Attraktivität verlassen. Sie muss die Rahmenbedingungen vor allem bei Unternehmenssteuern und Bauvorhaben verbessern. Tut sie das nicht genug entschlossen, könnten noch mehr, auch bedeutendere Firmen beginnen, ihre Koffer zu packen.Passend zum Artikel
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